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Hayek und Keynes streiten über die Bundestagswahl

, Hayek/Keynes

Jahrzehntelang stritten die Ökonomen Keynes und Hayek über den Konflikt zwischen Staat und Markt. Capital führt den Streit fort. Diesmal: Welche Partei sorgt bei der Wahl für Gerechtigkeit?

Hayek vs. Keynes

Sehr geehrter Herr Keynes,

Sie selbst sind ja kinderlos geblieben und haben sich daher nie Gedanken über die Finanzierung des Nachwuchses machen müssen. Ich denke aber, an den Plänen der deutschen Kanzlerin vor der Wahl hätten Sie trotzdem Ihre helle Freude gehabt. Frau Merkel will Kinderfreibeträge, Kindergeld und Kinderzuschlag erhöhen. Und das, obwohl doch deutlich geworden ist, dass sich die Deutschen auch durch Geldgeschenke nicht zu Kindern zwingen lassen. Mir ist schleierhaft, warum diese Frau hin und wieder mit Margaret Thatcher verglichen wird!

Ihr F. A. Hayek

 

Mein lieber Hayek,

mir wird ja bis heute von Ihren Nachfolgern vorgeworfen, „zukunftsblind“ zu sein. Doch man muss keine Kinder zeugen, um das demografische Problem ernst zu nehmen. Frau Merkels Vorschlag gefällt mir tatsächlich, zumal er einen wunderbaren Nebeneffekt hätte: Die Familien hätten mehr Geld zum Konsumieren übrig. Deutschland würde endlich mehr Nachfrage für das rezessionsgeplagte Europa schaffen. Auch wenn die Dame in der Eurokrisen-Politik bislang danebenlag, sie macht Fortschritte. Die Christdemokraten haben sich ja bereits in der Lehman-Krise als heimliche Fans meiner Lehren entpuppt.

Ihr John Maynard

 

Sehr geehrter Herr Keynes,

für mich sind diese deutschen Konservativen wie letztlich alle Parteien von Sozialisten durchsetzt. Was da als Wettstreit der Ideen verkauft wird, ist doch nur ein Gebalge darum, wer welcher Lobby die meisten Wohltaten verspricht. Frau Merkel will angeblich Familien helfen, die Grünen den Geringverdienern, die Freien Demokraten dem Mittelstand und die Sozialdemokraten irgendwie allen. Ich zitiere mich selbst: „Die Mär von der sozialen Gerechtigkeit ist weitgehend das Produkt dieses besonderen demokratischen Apparates, der die Volksvertreter nötigt, sich eine moralische Rechtfertigung für die Vergünstigungen auszudenken, die sie Interessengruppen gewähren.“

Ihr F. A. Hayek

 

Hayek,

ich selbst habe einen – deutlich häufiger zitierten – Satz formuliert: „Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.“ Gewählte Politiker sorgen wohl eher für Gerechtigkeit als die egoistischen Marktakteure, denen Sie die Welt überlassen möchten. Da lobe ich mir Sozialdemokraten und Grüne. In deren Programmen steht die Bändigung der Finanzakteure ganz oben. Übrigens neben der Forderung nach Bildungsinvestitionen. Ein Klientelgeschenk, für das Sie, der stets bei Universitäten angestellt war, empfänglich wären, nicht wahr, Hayek?

Ihr John Maynard

 

Sehr geehrter Herr Keynes,

selbst wenn wir annehmen, dass eine Regierung bemüht ist, im Sinne der Gerechtigkeit zu handeln (was ich stark bezweifle), so ist doch ungeklärt, was eigentlich gerecht ist. Eine Lebensleistungsrente für Leute, die das Glück hatten, ihr ganzes Leben lang angestellt gewesen zu sein? Ein höherer Spitzensteuersatz, der vor allem die Mittelschicht trifft? Oder Kindergeld, das Menschen dafür belohnt, dass sie Nachkommen zur Welt gebracht haben? Auch das ist ja ein Klientelgeschenk – wenn auch nicht für Ihre Klientel.

Ihr F. A. Hayek

Hier finden Sie die anderen Folgen des fiktiven Briefwechsels: Kann der Staat den Klimwandel stoppen? und Sollen Straßennamen verkauft werden? 


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