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Gutes Öl, schlechtes Öl

, Bernd Ziesemer

Die meisten Aktienanleger sehen nur noch die negativen Folgen des niedrigen Erdölpreises, wie das Beispiel BASF zeigt. Das ist ein Fehler. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die BASF-Aktie ist seit ihrem Hoch im April letzten Jahres um ein Drittel gefallen. Dafür gibt es rationale Gründe – aber auch einige irrationale. Richtig ist sicherlich: Der erfolgsverwöhnte Konzern, lange ein Liebling der Kleinanleger, kämpft mit mehreren Problemen gleichzeitig. Die Nachfrage in einigen Märkten schwächelt, vor allem in Asien. Neue Konkurrenten, ebenfalls in Asien, versauen die Margen bei einigen Produkten. Die Führungsriege in Ludwigshafen wirkt nicht mehr ganz so überzeugend wie früher unter Jürgen Hambrecht – und einiges mehr. Seit Anfang Januar aber strafen die Investoren BASF vor allem wegen des niedrigen Ölpreises ab. Einen erheblichen Teil seiner Gewinne zieht der Konzern seit vielen Jahren aus dem Energiegeschäft und leidet deshalb unter dem Einbruch am Ölmarkt.

So weit, so richtig. Aber die Anleger vergessen fast völlig die andere, viel größere Seite des BASF-Geschäfts: die klassische Chemie. Dort profitiert der Konzern erheblich von billigeren Rohstoffen und Vorprodukten. Gerade diese natürliche Balance galt über viele Jahrzehnte als besonderer Vorzug des Geschäftsmodells in Ludwigshafen. Steigt der Erdölpreis, steigen die Gewinne aus dem Energiebereich der BASF. Fällt der Erdölpreis, steigen die Gewinne aus dem Chemiebereich. Diese Gleichung ist im Prinzip nach wie vor intakt – findet aber momentan so gut wie gar keine Beachtung am Finanzmarkt.

Sind Eon und RWE diesmal besser gerüstet?

Das Gleiche gilt für einen anderen Effekt: Die BASF leidet in der Tat unter dem leicht rückgängigen Wachstum in China, das dieses Jahr nur noch sechs bis sieben Prozent betragen soll nach den meisten Prognosen. Der niedrige Erdölpreis wirkt in der Volksrepublik jedoch wie ein zweites Konjunkturprogramm (neben dem offiziellen Paket der Regierung). Als größter Nettoimporteur der Welt profitiert China stärker als fast allen anderen großen Nationen von den stark gefallenen Rohstoff- und Energiekosten. Im Reich der Mitte hilft dieser Effekt im Zweifel der BASF und schadet ihr gewiss nicht.

Die meisten Medien in Deutschland schüren gegenwärtig beim Öl Panik. Man konzentriert sich auf die direkten Folgen für die Ölbranche und die nachgelagerten Probleme von Ausrüstern und Anlagebauern. Und man beschwört die zusätzlichen Negativeffekte in den großen Förderländern wie Russland oder Saudi-Arabien, die für nachlassende Importe aus Deutschland sorgen könnten. Die positiven Folgen gehen dabei völlig unter. Schließlich können sich andere Branchen und andere Länder bei jetzigen Ölpreis erheblich mehr Importe aus Deutschland leisten.

Das ein niedriger Erdölpreis überwiegend negativ auf die Weltkonjunktur und den Welthandel wirkt – diese aberwitzige These stellt kaum ein vernünftiger Ökonom auf. Hinzu kommt: Nichts deutet darauf hin, dass die jetzige Preisbewegung ein Ergebnis sinkender Nachfrage auf der Welt wäre wie in früheren Rezessionen. Vielmehr geht es um ein klassisches Überangebot, das Ergebnis eines großen Machtkampfs unter den Erzeugerländern. Aber auch das nehmen die Anleger gegenwärtig kaum zur Kenntnis.

 


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