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Gutes Geld

, Ines Zöttl

Die Kirche in Großbritannien lamentiert nicht über Gier und Ungerechtigkeit des Kapitalismus. Sie versucht, das System von innen heraus zu verändern. Von Ines Zöttl

Ines Zöttl © Trevor Good

Banker-Bashing ist angesagt. Die Finanzindustrie, so lautet einer der Zeitgeist-Gewissheiten, hat die Welt beinahe in den Abgrund gerissen. Banker haben sich den Ruf erarbeitet, gierig, inkompetent und dazu noch unmoralisch zu sein. Auch in Großbritannien haut die konservativ-liberale Regierung rhetorisch regelmäßig auf die Branche ein, von der die Wirtschaft der Insel nach wie vor lebt. In der derzeitigen Stimmungslage gehört dazu nicht viel Mut.

Den bringt eher die Kirche auf. Der Erzbischof von Canterbury sorgte sich öffentlich, dass gegenüber Bankern eine „Lynch-Mob“-Stimmung herrsche. Er halte das Naming und Shaming, also das öffentliche Anprangern einzelner Banker,  für falsch, warnte Justin Welby. Anstatt sich darüber zu mokieren, wie übel sich diese Leute verhalten hätten, frage er sich, ob „ich ganz anders gewesen wäre.“ Der nachdenkliche Kirchenmann weiß, wovon er spricht: In seinem ersten Leben war der 57-Jährige Finanzmanager in der Ölindustrie.

Jetzt im Handel: Die neue Capital

Welby zeigt weder Abscheu noch Berührungsängste gegenüber der Bankenwelt. Er arbeitet auch in der vom Parlament eingesetzten Kommission mit, die nach der Finanzkrise neue Standards entwickeln soll. Für ihren gerade vorgestellten 571 Seiten dicken Bericht haben die Mitglieder hunderte Zeugen gehört, 161 Stunden in Anhörungen verbracht und 9000 Fragen gestellt. Zu ihren zentralen Erkenntnissen gehört, dass Topmanager gegebenenfalls stärker persönlich zur Verantwortung gezogen werden müssten. Das rhetorische Banker-Bashing aber schenkten sich die Autoren.

Welby ist nicht der einzige Kirchenmann mit diesem Angang. Der Bischof von Liverpool, James Jones, verbrachte die letzten Wochen vor seiner Pensionierung im August 2013 mit einem ungewöhnlichen Projekt. Für das BBC Radio produzierte er eine dreiteilige Serie über Lehren aus der Finanzkrise unter der Überschrift „The Bishop and the Bankers“. Jones besuchte eine Spielhölle, befragte amtierende und gestürzte Topbanker, zog Ethikexperten genauso zu Rate wie Börsenhändler. Auch hier ging es um das Leitthema, was der Einzelne in einem Unternehmen oder einer Branche tun muss – und was er überhaupt tun kann. Herausgekommen ist kein Kirchenfunk, sondern eine spannende Featurereihe mit journalistischem Anspruch. 

Die Aufzählung lässt sich fortsetzen. Das St Paul’s Institute, Ableger der berühmten Kathedrale in London, beschäftigt sich exklusiv mit der Fragestellung, wie eine „informierte christliche Antwort“ zu Fragen der Integrität der Finanzbranche, ökonomische Theorie und Bedeutung des Allgemeinwohls aussehen könnte. „Welche Art von City wollen wir“, fragte das Institut jüngst in einer Debattenreihe.

Reform von Innen 

Darin enthalten ist das Bekenntnis, dass der Londoner Finanzplatz nicht der Hort des Bösen ist, sondern eine Branche, die zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand beiträgt. Die Kirche von England will den Kapitalismus nicht abschaffen, ja, sie will ihn nicht einmal bekehren.

Stattdessen will sie das System von innen verbessern. Welby hat den Vermittlern von Kurzzeitkrediten den Kampf angesagt, die ihre Kunden mit Zinsen von jährlich hochgerechnet von bis zu 5000 Prozent abzocken. Statt die Halsabschneider mit dem Bann zu bedrohen, wählte der Erzbischof einen zutiefst kapitalistischen Weg: „Wir werden nicht versuchen, Ihnen rechtlich das Wasser abzugraben“, beschied er dem Gründer einer der Kurzkredit-Firmen. „Wir versuchen, Sie mit Wettbewerb aus dem Markt zu drängen.“ Die Kirche will sich dazu mit den Genossenschaftsbanken zusammentun.

Was der Erzbischof zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Kirche hatte selbst bei einer dieser Kreditfirmen investiert. Ethisch-moralisches Verhalten ist eben gar nicht so einfach. Aber das muss Welby niemand sagen.

Ines Zöttl schreibt jeden Mittwoch über internationale Wirtschafts- und Politikthemen. Ihre letzten Kolumnen: Lass die Sau rausIt’s the Economy, Sisi und Zocken mit Altmaier

E-Mail: Zoettl.Ines@capital.de


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