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Warum die Globalisierung einen schlechten Ruf hat

, Jörn Quitzau

Für die gesellschaftliche Akzeptanz der Globalisierung ist es unabdingbar, dass die Vorteile für den Einzelnen spürbar werden. Von Jörn Quitzau

Protest gegen das TTIP-Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA © dpa
Protest gegen das TTIP-Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA

Die Idee von Freihandel und Globalisierung durchlebt schwere Zeiten. Ob Präsidentschaftswahlkampf in den USA, bei dem beide Kandidaten eher auf Abschottung als auf Offenheit setzten, das Brexit-Votum in Großbritannien oder die Anti-TTIP-Stimmung in der Exportnation Deutschland – eine weit verbreitete Abneigung gegenüber der Globalisierung ist nicht zu übersehen.

Offenbar reicht vielen Menschen das bloße Versprechen von Wachstum und Wohlstand durch freien Handel nicht mehr aus. Auf den ersten Blick ist das erstaunlich, denn tatsächlich hat die zunehmende wirtschaftliche Verflechtung in den vergangenen zwei Dekaden viel Positives bewirkt: So hat sich die Weltwirtschaft mit einem durchschnittlichen Wachstum von rund 3,5 Prozent seit 1995 sehr dynamisch entwickelt. Die materielle Situation vieler Menschen hat sich in dieser Zeit deutlich verbessert: In den Entwicklungs- und Schwellenländern konnten rund eine Milliarde Menschen der Armut entkommen. Die Lehrbuch-Weisheit, dass der Abbau von Handelshemmnissen im Durchschnitt zu einem Wohlstandsschub führt, wurde in der Praxis somit eindrucksvoll bestätigt.

Man könnte es sich also einfach machen und die um sich greifende Unzufriedenheit mit dem unseligen Wort des Jahres 2016 „postfaktisch“ abtun. Man kann aber auch einen zweiten Blick wagen – und wird dabei ein paar Fakten abseits der hochaggregierten volkswirtschaftlichen Daten finden.

Verteilungsprobleme

Dieser zweite Blick offenbart zum Beispiel, dass neben den Ärmsten der Welt besonders auch die Reichsten von der Globalisierung profitieren. So hat in den USA das oberste Prozent der Einkommenspyramide von Anfang der 1980er Jahre bis 2015 seinen Anteil am Gesamteinkommen von acht Prozent auf über 18 Prozent steigern können, die obersten zehn Prozent erhöhten im gleichen Zeitraum ihren Anteil von 33 Prozent auf 48 Prozent.

Weniger eindeutig als am oberen und unteren Ende der Einkommensskala sind die Ergebnisse im großen mittleren Einkommenssegment. In vielen etablierten Industrienationen stieg die Ungleichheit gemessen am Gini-Koeffizienten zwar zunächst an, in den vergangenen Jahren ist der Anstieg jedoch verflacht. Von einer fortgesetzten regelrechten Polarisierung der Einkommensverhältnisse kann also nicht unbedingt gesprochen werden.

Dennoch muss zu denken geben, wenn nennenswerte Teile der Beschäftigten von der grundsätzlich positiven Entwicklung nicht profitieren. Angaben des United States Census Bureau zufolge ist das mittlere Einkommen männlicher Arbeitnehmer in den USA seit 1973 inflationsbereinigt nicht mehr gestiegen. Daran ist selbstverständlich nicht allein die Globalisierung Schuld, aber der hohe internationale Wettbewerbsdruck übt eben auch Druck auf die Einkommen aus.

Ökonomische Logik teilweise wirklichkeitsfremd

Mit den bisher genannten Zahlen lässt sich schon ein Teil der Globalisierungskontroverse erklären: Ökonomen interessieren sich traditionell eher für Wachstums- als für Verteilungsfragen. Für sie sind wirtschaftspolitische Maßnahmen wie zum Beispiel die Liberalisierung des Handels bereits dann von Vorteil, wenn die daraus resultierenden Gewinne einer Gruppe die Verluste einer anderen Gruppe übersteigen. Denn prinzipiell könnten die Gewinner ja die Verlierer für ihre Verluste kompensieren und es bliebe immer noch ein Nettogewinn übrig – so die wohlfahrtsökonomische Logik. Ob die Verlierer im echten Leben tatsächlich kompensiert werden, spielt in der wohlfahrtsökonomischen Theorie allerdings keine Rolle, es reicht die prinzipielle Kompensationsmöglichkeit.

Eine solche Sichtweise hat mit der Interessenlage der meisten Menschen allerdings herzlich wenig zu tun. Den meisten Menschen geht es in erster Linie darum, dass sich ihre eigenen Lebensbedingungen verbessern. Um es zuzuspitzen: Die Globalisierungsverlierer wird man von den prinzipiellen Vorzügen der Globalisierung nicht dadurch überzeugen, dass man sie über Globalisierungsgewinner am anderen Ende der Welt aufklärt, deren Gewinne die eigenen Verluste übersteigen. Für die gesellschaftliche Akzeptanz der Globalisierung ist es unabdingbar, dass die Vorteile für den Einzelnen spürbar werden.

Allerdings wird die Aufgabe nicht leichter, denn mit der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft sorgt schon der nächste große Trend für eine weitere Aufspreizung der Einkommensschere – auch wenn sich das im neuen Armuts- und Reichtumsbericht für Deutschland dem Vernehmen nach wohl noch nicht zeigen wird. Die Globalisierung steht für den Abbau von Handelshemmnissen und somit für größere Absatzmärkte. Unternehmen, die sich erfolgreich am Weltmarkt behaupten, können ihre Gewinne deutlich erhöhen und ihren Mitarbeitern höhere Gehälter zahlen. Im Zusammenspiel mit dem technischen Fortschritt sind nun vielfach Märkte entstanden, die tendenziell nach dem Prinzip „The winner takes it all“ funktionieren.

Da in der Digitalökonomie Grenzkosten kaum eine Rolle spielen (die Produktion digitaler Güter kann somit praktisch ohne Zusatzkosten ausgeweitet werden), gibt es einen knallharten Verdrängungswettbewerb, dessen Gewinner quasi eine globale Monopolstellung als Belohnung winkt. Kein Wunder, dass laut Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt die 100 reichsten Personen aus dem Technologiesektor zusammen auf ein Vermögen von 892 Mrd. US-Dollar kommen.

Fehlentwicklungen bei der Einkommensverteilung zu diagnostizieren ist einfach, sie zu beseitigen hingegen nur schwer möglich. Mit der Globalisierung geht ein Zielkonflikt von wirtschaftlicher Effizienz und Verteilung einher, der sich nicht grundsätzlich auflösen, sondern bestenfalls eindämmen lässt: Wenn die wirtschaftliche Dynamik der Globalisierung erhalten bleiben soll, dann wird dies zwangsläufig mit mehr Ungleichheit bei den Einkommen einhergehen.

Vorschläge wie jüngst von IWF-Chefin Christine Lagarde, nämlich vor allem der Ausbau des sozialen Sicherheitsnetzes und die staatliche Förderung von Aus- und Weiterbildung, klingen sehr gut, sind aber bei genauer Betrachtung nicht viel mehr als weiße Salbe. Erstens sind sozialstaatliche Regelungen ja gerade wegen des globalen Standortwettbewerbs unter Druck. Und zweitens muss man schon eine erhebliche Portion Optimismus mitbringen, um zu glauben, dass sich die Globalisierungsverlierer schneller fortbilden können, als in einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft das Wissen und die Qualifikationen der Beschäftigten veralten.

Globalisierung macht Wirtschaft und Gesellschaft fragil

Die skizzierten Daten zur Einkommensverteilung rechtfertigen eine gewisse Unzufriedenheit in der Bevölkerung, aber nicht die zuweilen massive Generalkritik an der Globalisierung. Daraus lässt sich schließen, dass die Kontroverse auch auf Faktoren abseits der reinen Datenlage zurückzuführen ist. Oft wird übersehen: Für das Wohlbefinden von Menschen ist nicht nur das messbare Einkommen wichtig. Eine ebenso große Rolle spielt die subjektiv empfundene (und nicht messbare) Sicherheit von Arbeitsplatz und Einkommen. Auch Arbeitnehmer, die aktuell ein gutes Einkommen erzielen, können aufgrund der Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre und durch den rasanten Strukturwandel verunsichert sein. Der vordergründige Widerspruch zwischen tendenziell guter Datenlage und tendenziell negativer Stimmung lässt sich auf diese Weise erklären.

Tatsächlich ist die vernetzte Weltwirtschaft anfälliger geworden. Probleme irgendwo auf der Welt können zur Gefahr für die heimische Konjunktur werden, regionale Fehlentwicklungen können sich zu globalen Krisen auswachsen – das amerikanische Subprime-Desaster und das griechische Schulden-Inferno sind nur zwei prominente Beispiele. So entsteht zuweilen der Eindruck eines permanenten Krisenmodus, ohne dass es dafür hausgemachte Gründe gibt. Für den Bürger kann sich in einer solchen Gemengelage das Gefühl einstellen, unverschuldet aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Lang bewährte Gewissheiten geraten wegen der wirtschaftlichen Fragilität ins Wanken, Lebenspläne geraten in Gefahr. Beim einzelnen Bürger wächst der Unmut, selbst wenn die gesamtwirtschaftlichen Kennzahlen noch zufriedenstellend ausfallen. Die Globalisierung wird in Zweifel gezogen.

Aufzulösen wäre die Verunsicherung am besten durch einen stabileren globalen Ordnungsrahmen, mit dem das Gefühl der Ohnmacht gegenüber internationalen Krisen überwunden werden könnte. Die Welt braucht Institutionen, die in der Lage sind, grenzüberschreitende Problemlagen wirkungsvoll zu bekämpfen. Störfälle wird es auch in Zukunft sicher geben. Aufgabe der Politik ist es, dass solche Störfälle beherrschbar werden, sodass nicht – wie so oft in den vergangenen Jahren – sofort Weltuntergangsstimmung um sich greift. Dort, wo nationale Institutionen mit der Lösung von Problemen überfordert sind, braucht es transnationale Institutionen.

Insofern bringt es wenig, aus der Globalisierung einen Glaubenskrieg zu machen und die Fronten zwischen Befürwortern und Kritikern weiter zu verhärten. Vielmehr muss es darum gehen, die Globalisierung ordentlich zu gestalten, sodass sie ihre zweifellos positiven Wirkungen möglichst ohne große Verwerfungen entfalten kann. Dazu gehört auch, es mit dem Tempo nicht zu übertreiben; besser gründlich als schnell, muss künftig die Devise sein. Wenn dies gelingt, sollte auch die Imagekrise der Globalisierung überwunden werden können.


Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.deJörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank



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