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Globale Entwicklung ist das Ziel

, Jeffrey D. Sachs

Die Millenniumsziele sind besser als ihr Ruf. Sie haben die Entwicklung in ärmeren Ländern angeschoben. Jetzt müssen neue Entwicklungsziele formuliert werden. Von Jeffrey D. Sachs

Jeffrey D. Sachs ist Professor für nachhaltige Entwicklung, Professor für Gesundheitspolitik und –management sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University. Überdies fungiert er als Sonderberater des Uno-Generalsekretärs für die Millenniums-Entwicklungsziele.

Am 25. September treffen sich die Regierungen aus aller Welt bei einer Sonderveranstaltung der Uno-Generalversammlung, um darüber zu diskutieren, wie die Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs)  schneller erreicht werden können. Überdies will man sich auf einen Zeitplan für eine Reihe neuer nachhaltiger Entwicklungsziele (SDGs) einigen. Die Frist für die im Jahr 2000 eingeführten Millenniums-Entwicklungsziele läuft im Jahr 2015 aus. Ihnen sollen die nachhaltigen Entwicklungsziele folgen, deren Umsetzung höchstwahrscheinlich im Zeitraum 2015 bis 2030 erfolgen soll.

Der Schwerpunkt der MDGs liegt auf der Eliminierung der extremen Armut, des Hungers und vermeidbarer Krankheiten. Dabei handelt es sich um die wichtigsten globalen Entwicklungsziele in der Geschichte der Vereinten Nationen. Mit den SDGs wird der Kampf gegen die extreme Armut fortgesetzt. Zusätzlich stellt sich die Weltgemeinschaft aber auch der Herausforderung eines gerechteren Wirtschaftswachstums und ökologischer Nachhaltigkeit, wobei es vor allem um die Eindämmung der Gefahren des durch den Menschen verursachten Klimawandels geht.

Die Festlegung internationaler Entwicklungsziele bedeutet einen großen Unterschied für die Menschen, vor allem in den ärmsten Gebieten dieses Planeten. Afrika südlich der Sahara profitierte immens von den MDGs und auf diesem Erfolg können wir bei der Konzeption der SDGs aufbauen.

Millenniumsziele haben Bewusstsein geschärft

Um die Bedeutung der MDGs für Afrika südlich der Sahara zu erkennen, muss man nur das Jahrzehnt vor ihrer Verabschiedung mit der Dekade danach vergleichen. In den zehn Jahren vor den MDGs verzeichnete die Region langsames Wirtschaftswachstum, eine hohe (und steigende) Armutsrate sowie eine zunehmende Krankheitsbelastung, einschließlich HIV/Aids und Malaria.  

Mit der Verabschiedung der MDGs rückte die Dringlichkeit der Bekämpfung von Armut, Hunger und Krankheiten in den Blickpunkt afrikanischer Regierungen, Nichtregierungsorganisationen, Uno-Organisationen, internationaler Geber, Stiftungen und Aktivisten. Außerdem lenkten die MDGs die globale Aufmerksamkeit auf die lähmende Schuldenlast vieler der ärmsten Länder Afrikas, wodurch ein Prozess des Schuldenerlasses unter Führung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Gang gesetzt wurde.

Von 2000 bis 2010 schrumpfte die Schuldenrate Afrikas südlich der Sahara (gemessen am Anteil derer, die von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben) auf 48,5 Prozent, nachdem sie im Zeitraum von 1990 bis 1999 von 56,5 auf 58 Prozent gestiegen war. Das gesamte jährliche Wirtschaftswachstum, das im Zeitraum 1990 bis 2000 durchschnittlich 2,3 Prozent betrug, hat sich in der Zeit von 2000 bis 2010 auf 5,7 Prozent mehr als verdoppelt.

Auch bei der Seuchenbekämpfung sind signifikante Verbesserungen zu verzeichnen. Von 1990 bis zum Spitzenjahr um 2004 stieg die Zahl der Malaria-Todesfälle von etwa 800.000 auf 1,6 Millionen pro Jahr. Ab diesem Zeitpunkt begannen die durch Malaria bedingten Todesfälle dank der massenhaften Verteilung von Moskitonetzen auf Grundlage der MDGs bis zum Jahr 2010 auf etwa 1,1 Millionen jährlich (und jetzt vielleicht noch weniger) zu sinken.

[Seitenwechsel]

Ebenso wenig gab es im Jahr 2000 offizielle von Gebern unterstützte Programme, die armen Afrikanern eine antiretrovirale Aids-Behandlung ermöglicht hätten. Dem Einfluss der MDGs auf das Agenda-Setting war es großenteils zu verdanken, dass Spendenprogramme zur Bekämpfung von Aids umgesetzt wurden. Dank der Unterstützung durch diese Programme erhalten  heute über sechs Millionen Menschen antiretrovirale Therapien.

Als Sonderberater des Uno-Generalsekretärs für die Millenniums-Entwicklungsziele (bis 2006 für Kofi Annan, seit 2007 für Ban Ki-moon) habe ich gesehen, wie ernst viele afrikanische Regierungen diese Ziele nehmen. Sie nutzen sie als Grundlage, um Interessengruppen anzusprechen, das öffentliche Bewusstsein und die Motivation zu erhöhen und Ministerien zur Rechenschaft zu verpflichten. Mit der Zeit nutzten auch die Uno und Geberorganisationen aus Ländern mit hohem Einkommen die MDGs verstärkt, um ihre eigene Arbeit in Afrika zu organisieren. Obwohl die MDGs nicht der einzige Faktor für Verbesserungen seit dem Jahr 2000 sind, haben sie dennoch eine enorme Rolle gespielt.

Natürlich bleibt noch viel zu tun, um Fortschritte zur Verwirklichung der MDGs zu maximieren. Besonders hervorzuheben sind die enormen Verbesserungen im Gesundheitswesen, die aufgrund adäquater finanzieller Ausstattung zu verzeichnen sind. Die Geberländer sollten im laufenden Jahr für ausreichenden finanziellen Nachschub an den Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria sorgen, wodurch eine Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit dieser wichtigen Organisation gesichert wäre.

Nicht mehr als zehn Ziele

Wenn sich die Uno-Mitglieder mit der Auswahl der nächsten globalen Entwicklungsziele beschäftigen, sollten sie dabei Erfahrungen mit den MDGs berücksichtigen. Die Liste der SDGs kann relativ kurz gehalten werden - mehr als zehn Punkte sollte sie nicht umfassen. Dadurch bleiben die Ziele gut in Erinnerung und auch die Mobilisierung der Öffentlichkeit wird erleichtert.

Zweitens sollten alle Regierungen, ob arm oder reich, für die Erfüllung der SDGs als umsetzende Kraft verantwortlich sein. Bei den MDGs waren arme Länder hauptsächlich als Umsetzungskraft und reiche Länder als Geber vorgesehen. Bei den SDGs hingegen, sollten alle Länder als Umsetzer gelten (und reiche Länder auch als Geber). Wenn es nämlich um Probleme wie den Klimawandel geht, der im Mittelpunkt der neuen SDGs stehen wird, haben die reichen Länder mehr Arbeit vor sich als die armen.

Drittens sollten die nachhaltigen Entwicklungsziele auf den Millenniums-Entwicklungszielen aufbauen.  Die MDGs haben geholfen, die globale extreme Armut um über die Hälfte zu reduzieren. Mit den SDGs sollte man sich der Herausforderung stellen, die extreme Armut für immer zu beseitigen. Dankenswerterweise hat die Weltbank das Ziel, die extreme Armut bis 2030 zu eliminieren, bereits verabschiedet. Uno-Mitgliedsländer sollten diesem Beispiel folgen.

Expertenmeinungen sind gefragt

Schließlich können mit Hilfe der SDGs Expertengruppen rund um die wichtigsten Herausforderungen im Bereich nachhaltiger Entwicklung mobilisiert werden. Als die MDGs erstmals bekannt gegeben wurden, organisierten sich die jeweiligen Fachleute, um Vorschläge für die Erreichung dieser Ziele zu erarbeiten. Das Uno-Millenniumsprojekt bildete die Synthese von etwa 250 Expertenmeinungen aus der ganzen Welt zu den wichtigsten Themen im Entwicklungsbereich. Genau der gleiche Prozess von Expertenmeinungen und Problemlösungen ist dringend notwendig, wenn es um Themen wie kohlenstoffarme Energie, nachhaltige Landwirtschaft, widerstandsfähige Städte und universelle Gesundheitsversorgung geht, die wohl im Zentrum der SDGs stehen werden.

Vor 50 Jahren erklärte der damalige US-Präsident John F. Kennedy: „Indem wir unser Ziel klarer definieren, es bewältigbarer und weniger weit entfernt erscheinen lassen, können wir allen Menschen helfen, dieses Ziel zu erkennen, daraus Hoffnung zu schöpfen und uns unaufhaltsam in Richtung der Verwirklichung bewegen.“ Die MDGs spielen diese Rolle im Kampf gegen die Armut. Die SDGs können das im Hinblick auf die Herausforderung nachhaltiger Entwicklung bewirken.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate, 2013.
www.project-syndicate.org

Mehr von Jeffrey D. Sachs: Absage an Amerikas Bomben

Foto: © Getty Images

 


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