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Merkel hält die Fahne des Westens hoch

, Edward Luce, Financial Times

Unter Donald Trump sind die USA nicht länger der Gralshüter des Westens. Die Rolle muss Angela Merkel jetzt ausfüllen. Von Edward Luce

Angela Merkel und Donald Trump © Getty Images
Kanzlerin Merkel und US-Präsident Trump beim G7-Gipfel Ende Mai in Taormina

Die Anführerin der freien Welt empfängt Donald Trump. Es ist das dritte Mal, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel Amerikas Präsidenten trifft. Lasst uns hoffen, dass aller guten Dinge drei sind. Bei den zwei vorangegangenen Treffen hat Trump Merkel wegen des deutschen Handelsbilanzüberschusses geprügelt und ihr eine riesige Rechnung für das Geld präsentiert, das Deutschland den Amerikanern für seine Verteidigung schulde. Trump hat viele von Amerikas Verbündeten verprellt. Aber nirgendwo ist der Schaden so groß wie bei den deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Trumps Auftreten in dieser Woche wird zeigen, inwieweit Deutschland und Europa jetzt ihr „Schicksal in unsere eigenen Hände“ nehmen müssen, wie Merkel es dramatisch formuliert hat. Im Wahlprogramm ihrer Partei sind die USA nicht mehr ein „Freund“. Amerika wird auf „Partner“ zurückgestuft. Mit Trump im Amt könnte selbst das noch zu hoch gegriffen sein. Es ist schon bemerkenswert, dass Deutschland – anders als Trumps USA und das Brexit-Großbritannien – ein festeres Verständnis westlicher liberaler Werte hat als seine englischsprachigen Verbündeten

Nach Trumps Sicht auf die Welt sollte es umgekehrt sein. Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren rund 800.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die USA weniger als 20.000. Auf Pro-Kopf-Basis hat Deutschland damit 160-mal mehr Flüchtlinge aufgenommen als das Land, das mit Zuwanderern groß wurde. Trumps Großvater, Frederick Trump, wurde als Frederick Trumpf auf New Yorks Ellis Island registriert. Er machte ein Vermögen während des amerikanischen Goldrausches und wurde in Deutschland abgewiesen, weil er keinen Militärdienst geleistet hatte. Damals begrüßte Amerika alle, die kommen wollten.

Trump liebt die Ungebildeten, Deutschland die Hochqualifizierten

Nach Trumps Dafürhalten, wird Deutschland heutzutage vom islamistischen Terrorismus erschüttert. Im Juni hat der Oberste Gerichtshof das Einreiseverbot des US-Präsidenten aus sechs mehrheitlich muslimischen Staaten bestätigt. Dadurch können auch keine syrischen Flüchtlinge in die USA gelangen. Trumps Verbot wird ausdrücklich als Anti-Terror-Maßnahme in Rechnung gestellt. Egal, dass Flüchtlinge für keine Terrorattacke auf amerikanischen Boden seit 2001 verantwortlich waren. Egal auch, dass keiner der 9/11-Terroristen aus einem dieser sechs Ländern stammte. Merkel hingegen weiß, dass es der beste Weg ist, den Terror zu stoppen, in dem man Vertrauen zu den Gesellschaften aufbaut, aus denen die Extremisten stammen. Je mehr Trump die Muslime dämonisiert, desto tiefer wird die innere Zerrissenheit Amerikas.

Es lohnt sich auch zu ergründen, warum Deutschland relativ immun ist gegen populistische Kräfte, die andere Demokratien so plagen. Im Gegensatz zu Großbritannien, den USA und sogar Frankreich gewinnt in Deutschland das Establishment an öffentlicher Zustimmung. Merkel steht höchstwahrscheinlich vor einer vierten Amtszeit im September nach der Bundestagswahl. Ein Schlüssel zum Verständnis ist der Umgang mit Erwerbstätigen, die über keinen Hochschulabschluss verfügen. Anders als in angelsächsischen Ländern werden solche Menschen in Deutschland nicht als „Ungelernte“ behandelt. Die deutsche Mittelschicht ist gut ausgebildet und wird vernünftig bezahlt. Darüber hinaus leitet sie eine gewisse Würde aus ihrem Status ab. Trump liebt die „Ungebildeten“. In Deutschland schätzen sie ihre Hochqualifizierten.

Die Unterschiede waren nicht immer so groß. Während des Kalten Krieges ließen die USA und das Vereinigte Königreich die ideologische Anziehungskraft der Sowjetunion verblassen, indem sie bewiesen, dass es die Arbeiterklasse im kapitalistischen Westen weit besser hatte als im Arbeiterparadies. Sie haben den Streit gewonnen. Und sofort alles vergessen. Wegen seiner desaströsen Geschichte, hat Deutschland es nicht vergessen. Das Ergebnis sehen wir heute. Amerikanische Präsidenten, darunter Trump, machen zu Recht geltend, dass Deutschlands Nachkriegserfolge erst möglich wurden durch den atomaren Schutzschild der USA. Das war wahr. Ob es so bleiben wird, könnte von einem anderen bilateralen Treffen Trumps in Hamburg abhängen – das mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Putin taxiert Trump

Deutschlands Geheimdienste machen gerade Überstunden, um russische Störversuche der Bundestagswahl zu unterbinden. Im vergangenen Jahr hat eine Internetseite aus Russland eine Geschichte erfunden, wonach eine Berliner Teenagerin angeblich von einem muslimischen Zuwanderer vergewaltigt worden war. Es dauerte drei Tage, um die Geschichte als falsch zu entlarven. Bis dahin war der Schaden aber schon entstanden. Im Gegensatz spielt Trump die Rolle Russlands bei der US-Wahl im vergangenen Jahr herunter. Erkenntnisse seiner eigenen Geheimdienste hat er als Unsinn abgetan, als sie von russischer Einflussnahme berichteten.

Die Untersuchungen über angebliche Absprachen seines Wahlkampfteams mit dem Kreml haben Trumps außenpolitische Spielräume kastriert. Putin weiß das. Wenn sie sich treffen, wird er sich ein Bild von Trump machen. Seine Erkenntnisse über den US-Präsidenten können große Konsequenzen haben. Merkel hat ihre Einschätzung Trumps bereits vorgenommen. Sie versteht auch Putin. Leider sind es keine positiven Einschätzungen. Die Zukunft des Westens - und die Werte, für die er steht - ruhen nun ganz auf ihren Schultern.

Copyright The Financial Times 2017


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