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Flüchtlinge – Chance für den Arbeitsmarkt

, Stefan Schneider

Migranten können mittelfristig einen Teil der Lücke am Arbeitsmarkt schließen. Aber sie brauchen eine Bleibeperspektive. Von Stefan Schneider

Flüchtlinge mit Kindern in einer Notunterkunft © Getty Images
Flüchtlinge mit Kindern in einer Notunterkunft

Stefan Schneider leitet das Makroökonomie-Team bei Deutsche Bank Research.Stefan Schneider leitet das Makroökonomie-Team bei Deutsche Bank Research

 


Die genauen Zahlen kennt keiner. Während die EU-Kommission für das laufende Jahr von einem Zuzug von etwa einer Million Flüchtlingen und Migranten in die EU ausgeht, berichten allein die deutschen Behörden von rund einer drei Viertel Million registrierter Flüchtlinge in den ersten zehn Monaten des Jahres. In einer Simulation geht die Kommission für die EU von weiteren 1,5 Millionen Migranten in 2016 und etwa einer halben Million in 2017 aus.

Die Politik bemüht sich, die Kontrolle über diesen Prozess zurückzugewinnen. In Deutschland wurde die Liste der sicheren Herkunftsländer ausgeweitet, Flüchtlinge sollen ihren Asylantrag in Registrierzentren stellen und die finanziellen Hilfen für die Krisenländer und deren unmittelbare Nachbarländer werden aufgestockt. Allerdings zeichnen sich bei der von den Politikern nahezu aller Couleur geforderten EU-weiten Lösung kaum Fortschritte ab. Die in Deutschland anfallenden zusätzlichen Ausgaben für die Flüchtlinge wirken kurzfristig wie ein expansives Fiskalprogramm.

Unterstellt man im kommenden Jahr eine im Jahresdurchschnitt rund eine Million höhere Zahl an Flüchtlingen als im laufenden Jahr und Ausgaben von rund 12.000 Euro pro Flüchtling und Jahr, so ergibt sich ein zusätzlicher Nachfrageeffekt von gut einem viertel Prozentpunkt. Dieser Impuls sollte dafür sorgen, dass das deutsche BIP trotz der zuletzt zutage getretenen Schwächen in der Industrie in 2016 um knapp zwei Prozent zulegt. Die dank der massiven Ersparnis bei den Zinsausgaben anfallenden Überschüsse beim Staatshaushalt dürften durch die zusätzlichen Ausgaben zwar abschmelzen, die schwarze Null dürfte aber halten.

Kein Einfluss auf Arbeitslosenquote

Die Ausgaben können sich in der längeren Frist als eine Investition in die Zukunft Deutschlands erweisen. Angesichts des schon derzeit rückläufigen deutschen Arbeitskräftepotenzials könnten die Migranten mittelfristig zumindest einen Teil der Lücke am Arbeitsmarkt schließen. Dafür bedarf es einer entsprechenden Bleibeperspektive und der Anstrengungen aller Beteiligter, über den Aufbau der Sprachkompetenz eine berufliche und gesellschaftliche Integration zu schaffen.

Allerdings vermittelt die Politik zunehmend den Eindruck – Stichwort Familiennachzug –, dass die Flüchtlinge nur vorübergehend in Deutschland bleiben sollen und reduziert damit für alle Beteiligten den Anreiz, in Integration zu investieren. Damit reagiert die Politik auf die nach der anfänglichen Willkommenskultur nunmehr zunehmende Skepsis in der Bevölkerung. So sprechen sich in Umfragen 70 Prozent der Befragten für Obergrenzen bei der Zuwanderung aus. 50 Prozent geben an, dass ihnen der starke Zustrom Angst mache, wobei etwa die Hälfte davon wirtschaftliche Sorgen anführten (Wohlstand, Arbeitsplatz).

Empirische Studien zeigen keinen Zusammenhang zwischen dem Anteil der Migranten und der Arbeitslosenquote. Migranten können aber aufgrund ihrer größeren Mobilität räumliche Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt lindern, beispielsweise die zunehmenden regionalen Disparitäten am Ausbildungsmarkt. Internationale Studien zeigen, dass Migranten häufiger Unternehmen gründen als die einheimische Bevölkerung. In Deutschland stieg der Ausländeranteil an den Existenzgründern bereits auf 44,8 Prozent (2012). Zunehmende Digitalisierung und Demographie sind zwei mächtige Treiber für einen in Zukunft deutlich steigenden Wertschöpfungsanteil des Dienstleistungssektors. Auch hier können zusätzliche Impulse durch Migranten helfen.

MIndestlohn überdenken

Letztlich leistet die Politik mit ihrer zunehmenden defensiven Ausrichtung in der Flüchtlingsfrage dem in der Gesellschaft weit verbreiteten Glauben Vorschub, dass trotz der negativen demographischen Entwicklung der Einzelne und die Gesellschaft insgesamt mit Blick auf den Wohlstand ihren Status quo halten könnten. Mehr noch, mit Rentengeschenken und zunehmender Regulierung am Arbeits- und Wohnungsmarkt ist die Besitzstandswahrung zum Leitmotiv individuellen und politischen Handelns geworden.

Für eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer müssten diese „Errungenschaften“ zum Teil überdacht werden. Dies könnte Wirtschaft und Gesellschaft ähnliche Impulse wie die Agenda 2010 verleihen und einen erheblichen Beitrag zur Bewältigung der demographischen Herausforderung leisten. Umso überraschender, dass derzeit selbst Arbeitgebervertreter um des verteilungspolitischen Friedens willen trotz des Flüchtlingszustroms den Mindestlohn nicht antasten wollen. Müsste es doch gerade für die Arbeitgeber offensichtlich sein, dass angesichts der notwendigen Einarbeitungs- und Ausbildungsmaßnahmen viele Migranten wohl erst in der mittleren Frist eine Produktivität erreichen, bei der sich ein Mindestlohn von 8,50 Euro rechnet, und dass nur bei einer erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt die derzeitigen Ausgaben für die Flüchtlinge mittelfristig eine volkswirtschaftliche Rendite erzielen können.


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