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Fliegen Banken bald aus der Handelsfinanzierung?

, Dirk Elsner

FinTechs werden zu einer ernsthaften Alternative für die etablierten Anbieter - wie das P2P-Lending zeigt. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


In der aktuellen Ausgabe des US-Magazins Inc. erklärt Maria Aspan, warum die unter dem Schlagwort FinTech laufende Digitalisierung des Finanzgeschäfts eine der vielversprechendsten Entwicklungen des Jahres 2015 ist. Aktuell fließt weltweit viel Geld in diesen aufstrebenden Sektor. Das unterstreichen auch die wöchentlichen Meldungen über neue Finanzierungsrunden für die jungen Unternehmen. Allein während der vermeintlichen Sommerflaute in der am 14.8. endenden Woche sind nach einer Zusammenstellung von Finovate.com 345 Millionen US-Dollar weltweit in 27 FinTechs investiert worden.

Manche Autoren scheint die Dynamik des Sektors regelrecht zu beflügeln, wie etwa Venturebeat mit “Fintech’s future is fast and furious”. Auf der anderen Seite muss man freilich auch sagen, dass die Suche nach dem nächsten großen “Einhorn” nicht gerade einfach ist. Die Aktie des Vorzeige-FinTechs Lending Club siecht seit der Börseneinführung dahin und erreicht momentan trotz beeindruckender Geschäftsdaten wöchentlich neue Tiefststände. Bleiben wir heute einmal bei Lending Club, denn die Kreditplattform zeigt in den letzten Monaten, wie man auf Basis einer funktionieren Plattform das Geschäftsfeld erweitern kann.

Ich hatte im Juli bereits in einer Kolumne darauf hingewiesen, dass sich Unternehmen im Rahmen des Programms Paypal „Working Capital“ von der einstigen eBay-Tochter Geld leihen können und es mittlerweile eine ganze Reihe solcher Programme gibt. In der Kolumne hatte ich auch auf die von Amazon und Google hingewiesen.

Lending Club hat in den letzten Monaten Partnerschaften mit zwei großen Technologie bzw. Ecommerce-Unternehmen bekannt gegeben. Neben Google ist das die Alibaba Group. Die Kooperation mit Google soll Unternehmen helfen, Finanzierungen bis zu 600.000 US$ zu bekommen, um damit Geschäfte mit Google zu finanzieren. Google hatte noch vor drei Jahren einen eigenen B2B-Finanzierungsservice, den man aber offenbar eingestellt hat. Die Kooperation ermöglicht nun neue Synergien, in dem Lending Club die Risikobeurteilung und die Kreditabwicklung übernimmt.

Eine ähnliche Vereinbarung hat Lending Club mit Alibaba geschlossen. US-Unternehmen, die Elektronik, Kleidung und andere Einzelteile in großen Mengen aus China kaufen, erhalten über Lending Club Darlehen bis zu 300.000$. Die Finanzierung der Darlehen erfolgt jeweils durch Google bzw. Alibaba und nicht durch die Crowd. Die sonst die Kredite solcher Lendingplattformen finanzierenden Privatpersonen und professionelle Anleger bleiben also außen vor. Genauso andere Unternehmen, die sich über diesen Weg Geld beschaffen wollen. Es handelt sich hier um Programme für Google- bzw. Alibaba-Geschäftspartner. 

Bei Alibaba heißt das Modell e-Credit Line. Alibaba arbeitet hier übrigens nicht nur mit Lending Club zusammen, sondern auch mit Iwoca. An dem Unternehmen hat sich bekanntlich kürzlich die Commerzbank über ihren Investorenarm CommerzVenture beteiligt. Weitere Partnerschaften sollen in Vorbereitung sein. Interessant übrigens, dass Lending Club laut Financial Times[1]  bei Alibaba eine Bank ersetzt haben soll, die vorher einen ähnlichen Service angeboten hat. In China selbst arbeitet Alibaba mit dem 2013 gegründeten und vor dem Börsengang abgespalteten früheren eigenen Finanzarm des Konzerns zusammen, mit der Ant Financial Group, die u. a. eine eigene P2P-Plattform betreibt.

Der hinter dieser Kooperation stehende Trend ist nicht nur bemerkenswert, weil es die Kunden unabhängiger von Banken macht. Diese Entwicklung zeigt auch, dass über FinTech das Bezahlen und die Finanzierung viel enger in den Zyklus einer geschäftlichen Transaktion integriert werden können als dies bisher in der B2B-Praxis üblich ist. Oft laufen in der Praxis die Finanzierung und Zahlungsabwicklung vollkommen unabhängig vom Grundgeschäft über Banken und andere Finanzpartner.

Mit dem von Google, Alibaba, Lending Club und Iwoca aufgezeigten Modell rücken die Warentransaktion, Finanzierung und Zahlungsabwicklung plötzlich ganz eng zusammen.  Anstatt sich mit der Handelsfinanzierung über Banken zu beschäftigen, die dazu meist Sicherheiten verlangen, erhalten Kunden über das Lending Club-System, eine unbesicherte Finanzierung mit schneller Genehmigung. Freilich lässt sich die letzte Aussage nicht überprüfen, denn es wird (übrigens wie bei Banken) natürlich nicht bekannt gemacht, wieviel Unternehmen keine Finanzierung erhalten.

Im Klartext bedeutet dies, Google und Alibaba holen die Finanzierung und die Zahlungsabwicklung in die sogenannte Supply-Chain. Auch das ist nicht grundsätzlich neu. In einer Kolumne im Februar hatte ich dargestellt, dass sich Firmen ohnehin lieber untereinander finanzieren als über Banken. Google und Alibaba hätten die Finanzierungen auch direkt erbringen können. Sie nutzen aber Lendings Club als technische Plattform für ihr Credit Management. Viele große Unternehmen haben sich in den letzten Jahren professionalisiert und ihre frühere Forderungsverwaltung zu einem professionellen, fast mit bankähnlichen Methoden arbeitenden Credit Management ausgebaut. Die Zusammenarbeit mit Lending Club zeigt also, dass man solche Funktionen auch wieder outsourcen kann. Möglicherweise sparen sich Google und Alibaba so auch regulatorischen Ärger, denn wenn sie selbst direkt in das Finanzierungsgeschäft einsteigen, könnten sie anderen aufsichtsrechtlichen Vorgaben unterliegen.

Die als Kreditmarktplatz gestartete Plattform bewegt sich mit dem hier beschrieben Prozess weg von dem ursprünglichen Geschäftsmodell. Aber der umtriebige Gründer und CEO, Renaud Laplanche, vergisst auch an die Anleger nicht. Seit Mitte August stellt Lending Club eine neue Schnittstelle zur Verfügung, die die Anbindung von Onlinebrokern und Beratern an die Plattform erleichtert.

Natürlich ist es noch viel zu früh, um zu behaupten, dass die Banken nun aus der Handelsfinanzierung für Unternehmen fliegen. Die Darstellung zeigt aber, dass Financial Technology längst das B2B-Geschäft erreicht hat und eine weitere Alternative für die Handelsfinanzierung entsteht. Als Bonus packen Lending Club und Iwoca noch ein professionelles Kreditmanagement drauf. Hier steckt noch eine Menge Potenzial drin.


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