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Einhörner: Vom Einzelgänger zum Herdentier

, Sven von Loh

Das Milliardenspiel hat die Startup-Szene fest im Griff. Kaum eine Woche verging im letzten Jahr, in der nicht ein neues Mitglied im Club der mit mehr als einer Milliarde Dollar bewerteten Wachstumsunternehmen präsentiert wurde. Eine Entwicklung, die erhebliche Risiken birgt – und wohl auch nicht mehr lange anhalten wird. Von Sven von Loh

Im Club der "Unicorns": Übernachtungsonlineportal Airbnb. © Getty Images
Im Club der "Unicorns": Übernachtungsonlineportal Airbnb.

Sven von Loh  ist Gründungspartner und geschäftsführender Gesellschafter der Biewald, von Loh & Cie. – Private Investors GmbH, einer Beteiligungsgesellschaft mit Fokus auf ICT, Med-Tech und Industrial Technologies. Er ist zudem Autor des Buchs „Richtig dicke Fische angeln – der Bewertungsleitfaden für Investoren & Startups“.


Einhörnern sagt man nach, sie seien extrem selten, anmutig und hätten magische Fähigkeiten. Populär wurden sie durch den so genannten Physiologus. Eine frühchristliche Naturlehre, die im zweiten bis vierten Jahrhundert entstanden ist und bis weit ins Mittelalter die christliche Sicht auf die Natur geprägt hat. Fabelwesen wie das extrem scheue und seltene Einhorn spielten darin eine wesentliche Rolle. In den letzten Jahren feierten die gehörnten Pferde als Internetphänomen ein regelrechtes Revival. In einem wirtschaftlichen Kontext bezeichnet der Begriff Einhorn (engl. Unicorn) Wachstumsunternehmen mit einer Bewertung von einer Milliarde Dollar oder mehr. Erstmals bezeichnete Aileen Lee, Gründerin der Venture Capital-Gesellschaft Cowboy Ventures, solche Unternehmen als Unicorns. Seit 2015 hat sich der Begriff fest im Startup- und Venture-Capital-Umfeld etabliert.

Er soll andeuten, dass es sich dabei um eine sehr seltene Spezies von Unternehmen handelt. Doch eben diese Seltenheit kommt den Unicorns mehr und mehr abhanden: Laut dem Wirtschaftsmagazin Fortune umfasst die Einhorn-Herde aktuell (Stand 10. Februar) sage und schreibe 174 Unternehmen. Im November 2014 waren es lediglich 71. Damit muss man sich die Frage stellen, ob es in der letzten Zeit wirklich so viele „gute“ Unternehmen gibt oder ob Investoren hier nicht gerade die nächste Blase aufpumpen.

Phantastische Bewertungen, horrender Kapitalbedarf

An der Spitze der Fortune-Liste der Unicorns steht aktuell der Fahrdienstvermittler Uber mit einer Bewertung von 62 Milliarden Dollar. Auf den Plätzen zwei und drei folgen der chinesische Smartphone-Hersteller Xiaomi (46 Milliarden) und der Unterkunftsvermittler Airbnb (25 Milliarden). Überraschenderweise finden sich in der Herde der 174 Unternehmen auch vier deutsche Unternehmen: Delivery Hero (3 Milliarden), HelloFresh (2 Milliarden), CureVac (1 Milliarde) und Home24 (1 Milliarde). Eine Entwicklung, die hierzulande so manchen mit Stolz erfüllt. Doch langsam aber sicher werden die phantastischen Bewertungen für die Unternehmen zum Problem. Denn: Alleine die Top-10-Unicorns erreichen einen kumulierten Wert von mehr als 225 Milliarden Dollar. Dem stehen erwartete Gesamtumsätze von kaum 27 Milliarden Dollar für das Jahr 2015 gegenüber. Wobei Uber und Xiaomi mit rund 11 bzw. 13 Milliarden die großen Werttreiber sind. Ob diese ehrgeizigen Ziele tatsächlich erreicht werden, wird sich erst in einigen Wochen zeigen.

Was die meisten Unicorns eint, ist die Tatsache, dass sie hochdefizitär sind. Alleine Uber soll 2015 nach Schätzungen von Analysten 750 Millionen Dollar verbrannt haben. Im Zuge einer aggressiven Expansionsstrategie ist es durchaus üblich in den ersten Jahren mit hohem finanziellen Aufwand Märkte zu besetzen, die Marke bekannt zu machen und dafür auf Gewinne zu verzichten. Auch waren die Investoren in der letzten Zeit durchaus gewillt immer wieder Kapital nachzuschießen – und zwar in beträchtlicher Höhe. Aber das scheint sich aktuell zu wandeln: Der Markt der Milliarden-Unternehmen ist langsam aber sicher gesättigt. Denn neben den klassischen Venture-Capital-Gesellschaften sind längst auch Vermögensverwalter, Hedgefonds und Banken in das Geschäft mit den jungen Wachstumsunternehmen eingestiegen. Namen wie BlackRock, Fidelity, Goldman Sachs oder Luxor Capital mischen bei den Finanzierungsrunden immer häufiger mit. Aber: Kürzlich erst sorgte der Vermögensverwalter Fidelity für Aufsehen, weil er laut dem Datendienstleister Morningstar seine Anteile am Messaging-Dienst Snapchat um fast 25 Prozent abgewertet hat.

Finanzierungsausweg Börse?

Unter diesen Vorzeichen scheint die Finanzierung des weiteren Wachstums über die Börse ein sinnvoller Schritt. Doch viele Unicorns scheuen den Sprung aufs Parkett – und das nicht ohne Grund. Denn die Investoren an den Börsen stehen den hoch bewerteten Jungunternehmen nicht ohne Vorbehalte gegenüber. So musste beispielsweise der Zahlungsanbieter Square bei seinem Börsengang (IPO) im November 2015 einen deutlichen Abschlag in der Unternehmensbewertung hinnehmen. Mit 3,9 Milliarden Dollar lag man klar unter den knapp 6 Milliarden der letzten privaten Finanzierungsrunde gut ein Jahr zuvor.

Trotz solcher Rückschläge sollten Unicorns, die über ein IPO nachdenken, die Entscheidung nicht zu weit in die Zukunft schieben. Dafür sprechen zwei Gründe: Zum einen gibt es wenig Anzeichen dafür, dass sich das Börsenumfeld in den nächsten sechs, zwölf, 18 oder 24 Monaten deutlich bessern wird. Zum anderen ist die Unicorn-Herde inzwischen schlichtweg viel zu groß geworden. Denn die 174 genannten Unternehmen kommen auf eine Gesamtbewertung von sage und schreibe 577 Milliarden Dollar. Sollte sich nun ein größerer Teil dieser Herde in Richtung Börse bewegen, wäre der Kapitalbedarf kaum zu stillen.

Wir werden uns also darauf einstellen müssen, dass in der näheren Zukunft einige Einhörner auf der Strecke bleiben. Auch weil sich mehr und mehr der Eindruck aufdrängt, dass die Bewertungen einiger Unicorns so phantastisch sind wie ihr Namensgeber aus dem Physiologus. Zwar ist eine ähnliche Entwicklung wie sie zum Platzen der Dotcom-Blase vor 15 Jahren führte eher unwahrscheinlich, doch werden mit den sterbenden Unicorns auch deren Investoren bluten. Für sie sollte die Lehre aus dem aktuellen Hype sein, in Zukunft weniger auf Finanzmathematik und endlose Skalierung zu setzen und stattdessen Unternehmen mit echter Substanz zu unterstützen. Denn vier gesunde Ponys im Gehege sind allemal besser, als ein Einhorn, das sich letztendlich als reine Phantasie erweist.

Die Phantasie eines so manchen deutschen Entrepreneurs scheinen die amerikanischen Venture Capital-Gesellschaften in letzter Zeit allerdings schon angeregt zu haben. Vielfach hat man den Eindruck, eine hohe Bewertung würde als eine Art TÜV-Siegel verstanden. Dabei muss sich ein jeder Gründer oder CEO eines Wachstumsunternehmens die Frage stellen, ob er nicht lieber übermorgen mit einem gesunden Unternehmen, das vernünftig bewertet ist, noch am Markt ist bevor er morgen zum Club der toten Einhörner gehört.


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