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5 Faustregeln für die Digitalisierung

, von Martin Kaelble

Die globale Wirtschaft bewegt sich auf unbekanntem Terrain. Doch es gibt historische Lektionen die Orientierung bieten in Zeiten der Unsicherheit. Von Martin Kaelble

Ein Mann mit einem Tablet in der Hand © Getty Images
Wegducken geht nicht: Die Digitalisierung erfasst alle Bereiche der Wirtschaft

1. Es gibt keine Ausnahmen

Für diejenigen, die glauben, sie betrifft das alles nicht: Aufwachen! Es wird keine Ausnahmen geben. Die Digitalisierung wird auch in die hinterste Ecke der Wirtschaft vordringen. Jede Firma wird eine Tech-Company – egal ob Medienverlag, Werbeagentur oder Autobauer.

Coding wird in nicht allzu ferner Zukunft wie Englisch sein. Die Bausteine der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts sind aus Codes aufgebaut. Und wer Coding beherrscht, hält den Schlüssel in die digitale Welt in der Hand. Wer nicht wenigstens ein Grundverständnis davon hat, wird es schwer haben, diese neue Welt mitzugestalten - vielleicht sogar vergleichbar mit einer neuen Form von Analphabetismus. Fast jeder – egal ob Ingenieur, Manager oder Agenturinhaber - wird zumindest sprechfähig gegenüber Programmierern sein müssen.

2. Wir stehen noch ganz am Anfang

Ja, es gibt bereits Menschen, die Auto fahren dürfen und nie eine Welt ohne Netz kennen gelernt haben. Doch das Internet ist noch vergleichsweise jung. Man vergisst schnell: Wir stehen noch ganz am Anfang. Das soll keine Ausrede für Konzerne sein, die nach 20 Jahren feststellen, dass sie das Internet auch betrifft. Aber beim Blick in die Geschichte, beim Vergleich mit der Einführung des Telefons, der Eisenbahn, der Dampfmaschine kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen: Wir befinden uns nach 20 Jahren immer noch in einer Frühphase, mit all ihren aufregenden, chaotischen, disruptiven Konsequenzen.

Wichtig ist dabei zu verstehen, dass sich vieles noch zurechtruckeln wird. Als die Eisenbahn in England im 19. Jahrhundert entstand, geschah das in einem völlig unregulierten Rahmen. Neu gegründete Firmen mussten sich zwar ans britische Parlament wenden, um Land für den Bau einer Linie zu erwerben. Doch ansonsten gab es keinerlei Regulierung, die Rentabilität einer neuen Linie wurde staatlich ebenso wenig geprüft bei der Landvergabe wie die Zahl der Firmen, die in diesem Markt operieren durften. Und wie es immer ist, wenn man den Markt sich selbst überlässt: Er bereinigt sich durch Blasenbildung. Erst nach dem Platzen der Blasen ruckelte sich die Branche zurecht, verstetigte sich und nahm verlässlichere Strukturen an.

3. Das Feld wird sich noch ausdünnen

Man könnte diese Frühphase des Internets mit einem Urknall vergleichen, bei dem sich erst einmal alles in großer Vielfalt ausdehnt, bis es dann wieder in sich zusammenschrumpft. Konkret heißt das: Die meisten der Start-ups, die gerade überall aus dem Boden sprießen, werden wieder verschwinden. Es wird eine Phase der Konsolidierung in den kommenden Jahren geben. Einige werden verkauft und in Google, Nokia oder GE aufgehen. Die meisten aber werden einfach scheitern, weil sie nicht gut genug sind.

Das ist der normale Prozess eines Start-up-Ökosystems. Eigentlich banal. Aber gerade in Deutschland muss man das offenbar immer wiederholen. Denn viele reden sofort vom Ende der Party, nur weil ein paar Start-ups pleite gehen.

Nehmen wir als Beispiel Putzdienste. Manch einer fragt sich, warum da jetzt plötzlich unzählige aus dem Boden schießen. Ich gehe jede Wette ein: In fünf Jahren wird davon fast keiner mehr übrig sein. Es ist ein gnadenloser Kampf, erst über den Preis, dann läuft es über das Geld, das bei späteren Finanzierungsrunden eingesammelt wird. Derjenige, der die größte Runde macht, macht das Rennen. Ein ähnliches Bild bietet sich bei den Food-Lieferdiensten. Nur dass wir hier schon etwas weiter sind als bei den Putzdiensten. Im Prinzip sind hier (von kleineren Spezialanbietern abgesehen) nur noch drei große globale Player übrig. Selbst die beiden relevanten deutschen Spieler Foodpanda und Delivery Hero haben sich durch den Einstieg von Rocket bei Delivery Hero mehr oder weniger zusammengeschlossen.

Nur die besten bleiben bei diesem brutalen Verdrängungswettbewerb übrig. Was in manchen Branchen Jahrzehnte gedauert hat, passiert hier innerhalb weniger Jahre.

Übrigens: Auch hier ist der Blick in den Rückspiegel interessant. Bei Einführung der Elektrizität wurden zwischen 1867 bis 1870 allein in Preußen in nur drei Jahren 88 Aktiengesellschaften gegründet. Übrig blieben ein paar Jahrzehnte später nur ein paar wenige, wie Siemens oder AEG.

4. Einige von den Großen werden sterben

Wir sehen es derzeit überall, von Banken zu Verlagen, von Autobauern zu Modehändlern: Die Etablierten wurden aufgeschreckt und müssen sich nun hinterfragen. Manche tun sich dabei deutlich schwerer als andere in der Abwehrschlacht gegen die kleinen Angreifer, die frecherweise an ihren Geschäftsmodellen knabbern.

Keine Frage: Einige Konzerne haben den Willen sich zu verändern. Doch ihre langsamen und zähen Strukturen machen es schwer, diesen Willen in jede Abteilung hinein umzusetzen. Und der deutsche Mittelstand? Es wird gerne vergessen: Mittelständler sind eigentlich Profis in Innovation. Was sie an technischen Neuerungen hervorgebracht haben, ist mitunter innovativer und substanzieller als das, was viele E-Commerce-Buden so hervorbringen. Auch wenn letztere derzeit in der Öffentlichkeit das Innovationsticket für sich allein beanspruchen.

Doch deutsche Mittelständler sind eben oft auch sture, konservative Unternehmertypen. Sie sind stark in inkrementalen, technischen Innovationen, einer Form von Ingenieurskreativität. Doch wenn das gesamte Geschäftsmodell infrage gestellt wird? Mal ganz ehrlich: Kann man es einem schwäbischen Mittelständler verübeln, wenn er sein Lebenswerk loslassen soll, das 50 Jahre lang gut lief – und nun soll er sich plötzlich noch einmal komplett neu erfinden?

Nein, am Ende muss man der Realität ins Auge schauen: Für einige etablierte Player wird es ganz ganz schwer diese digitale Revolution zu überleben. Und dafür können sie oft noch nicht mal etwas. Vielleicht liegt es einfach in der Natur der Sache in Phasen der technischen Disruption. Auch hierfür bietet der Blick in die Geschichte unzählige Beispiele. Schließlich gibt es Gründe, warum es heute keinen Anbieter für Kutschen mehr gibt. Der derzeit viel bemühte Joseph Schumpeter sprach einst von industrieller Mutation – die „unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft.“ Das klingt nach Biologie. Und vielleicht ist es am Ende auch ein bisschen wie in der Natur, wo Altes wegstirbt und Neuem Platz macht.

5. Heute bilden sich die Industrie-Konglomerate von morgen

Womit wir beim Neuen wären. Die Konglomerate von morgen sind nämlich schon da, das Muster ihrer Entstehung deutlich erkennbar. Start-ups fokussieren sich oft auf ein ganz besonderes Produkt, vielleicht sogar nur auf ein ganz spezielles Device. Wie zum Beispiel eine Plattform für Putzkräfte. Oder ein digitales Thermometer fürs Haus. Dann werden sie nach ein paar Jahren verkauft, vielleicht an Google, Facebook & Co., die damit ihr Kerngeschäft durch zusätzliche Bereiche erweitern. Allein Google kauft nach eigenen Aussagen im Schnitt eine Firma pro Woche. Damit entstehen ganz natürlich Stück für Stück neue Konglomerate. Während man sich dann gerne angsterfüllt über die „Krake“ Google echauffiert in Deutschland, ist das letztlich ein ganz natürlicher Prozess. Google und andere wandern dabei auf den Spuren von Siemens, AEG oder GE. Die expandierten damals nämlich ähnlich schnell in für sie unbekanntes Terrain. Man macht sich diese Anfänge nur heute nicht mehr bewusst.

Beispiel AEG. Der Konzern wurde 1883 gegründet. Im Kern ging es um den Bau elektrischer Lampen. Doch ziemlich schnell kamen ganz andere Güter und Erfindungen hinzu. Haartrockner, Flugzeuge, Lokomotiven, U-Bahnen, kurzzeitig sogar Schiffe. Ähnlich war es bei Siemens oder General Electric. Siemens begann 1847 mit Telegraphen. Doch bald kamen elektrische Züge und Glühbirnen hinzu. GE wiederum erschloss irgendwann gar die „Content-Seite“, gründete die Radio Corporation of America und darüber hinaus den Fernseh-Sender NBC. Im Kern drehte es sich bei diesen Expansionen im weitesten Sinne noch um Elektrizität - wenn auch nicht mehr nur in Form einer Glühbirne oder einer Telegrafen-Leitung. So wie es sich bei den IT-Größen heute im weitesten Sinne um Digitalität dreht, aber eben im Herz eines Autos oder eines smarten Gebäudes. Diese krakenartige Expansion ist also nichts anderes als ein logischer, natürlicher Schritt, im Evolutionsstrahl des Digitalen, das in immer weitere Bereiche unseres täglichen Lebens vordringt.


Martin Kaelble ist Capital-Redakteur und schreibt an dieser Stelle über Digitalisierung, Start-ups und die neue Wirtschaft.


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