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German Way statt Google Way

, Michael Kieninger

Eine fast schon dogmatische Orientierung am Silicon Valley führt unweigerlich in die digitale Sackgasse. Von Michael Kieninger

Blick ins Lager der digitalisierten Siemens-Fabrik in Amberg
Blick ins Lager der digitalisierten Siemens-Fabrik in Amberg. Der Weg eines jeden Teils lässt sich virtuell verfolgen - Foto: Marek Vogel

Michael Kieninger ist Sprecher des Vorstands der Unternehmensberatung Horváth & Partners Management ConsultantsMichael Kieninger ist Sprecher des Vorstands der Unternehmensberatung Horváth & Partners Management Consultants


Von Unternehmen aus Deutschland und den angrenzenden Ländern wird derzeit von fast allen Seiten gefordert, sie müssten agiler werden, um bei Industrie 4.0 und Internet der Dinge mit der Konkurrenz aus Übersee Schritt zu halten. Ein allzu unkritisches Einschwenken auf diesen Kurs wäre allerdings fatal. Klar ist Wandel notwendig. Das ist unbestritten. Digitalisierung ist längst kein Hype mehr, sondern Realität. Dennoch: Eine fast schon dogmatische Orientierung am Silicon Valley, wie sie überall angemahnt wird, führt unweigerlich in die digitale Sackgasse.

Es geht darum, die Erfolgsgeschichte des Wirtschaftsstandorts Deutschland digital fortzuschreiben. Das funktioniert nicht ohne Transformation und Verschiebung der Geschäftsmodelle in Richtung digital. Doch Europa wird sich beim Kampf um Themen wie Industrie 4.0 und Internet der Dinge nicht behaupten, indem sich hiesige Unternehmen in lauter Google- und Tesla-Klone verwandeln. Das Original nachzubilden war noch nie eine erfolgreiche Strategie. Eine radikale Copy-and-paste-Transformation ist gefährlich. Sie würde zum massiven Verlust von Alleinstellungsmerkmalen deutscher Firmen führen. Bei unseren Kunden aus der Industrie setzen wir auf einen bodenständigen Ansatz der Digitalisierung statt auf Hype.

Transformation ja, kopieren nein

Der Wandel von analog auf digital ist keine Einbahnstraße, sondern ein Austausch. Er bedeutet, dass IT und Fertigung voneinander und gemeinsam von digitalen Vorreitern aus aller Welt lernen. Unsere Unternehmer können sich zum Beispiel eine größere Fehlertoleranz und mehr Austausch mit externen Know-how-Trägern von den Internetfirmen mit disruptivem Potenzial aus Übersee abschauen. Der häufig zu lesende Dreiklang „zu langsam“, „zu risikoavers“, „zu technologieskeptisch“ in Zusammenhang mit deutschen Unternehmen ist in Teilen richtig, allerdings zu pauschal. Er suggeriert, alles was Unternehmen hierzulande an Fähigkeiten mitbringen, alles was deutsche Manager und Ingenieure an Skills besitzen, sei in der digitalen Wirtschaft nicht mehr gefragt.

Und darin liegt der Irrtum. Der Wandel darf nicht derart ausarten, dass Kompetenzen aufgegeben werden, für die deutsche und europäische Firmen in der Welt geschätzt werden. Es wäre fatal, Kardinalsfähigkeiten wie fachliche Tiefe, Dinge durchdenken und Organisations-Know-how über Bord zu werfen.

Bosch zeigt den German Way

Doch genau dieses Risiko besteht, wenn sich Unternehmen künstlich eine Start-up-Kultur überstülpen. Besser wäre ein „deutscher Weg“ ins digitale Zeitalter, bei dem die europäische Identität erhalten bleibt. Es geht darum, eine Brücke zu bauen zwischen dem deutschen Fertigungs-Know-how und amerikanischer Internet-Intelligenz.

Diesen German Way geht beispielhaft das Traditionsunternehmen Bosch. Der Industriekonzern öffnet sich für externe Ideen, weiß aber um sein deutsches Know-how über industrielle Prozesse. Dieses bringt das Unternehmen selbstbewusst ein, zum Beispiel in das „Industrial Internet Consortium“ (IIC), eine internationale Industrie-4.0-Initiative. Dort arbeitet Bosch auf Augenhöhe mit US-Größen wie Cisco und General Electric an der vernetzten Produktion. Siemens, SAP und die Technische Universität Darmstadt sind ebenfalls im IIC vertreten.

KSB AG: Hardware behauptet sich gegenüber Software

Es gibt die vielfach formulierte Digitalisierungs-Logik: „Die Software bestimmt künftig, was die Hardware tut“. Ich leite daraus allerdings keinen automatischen Sieg der IT-Firmen und Datenspezialisten über die Industrie ab. Das Beispiel KSB AG zeigt, wie die Hardwareseite die Software nutzt, aber am Ruder bleibt. Der Maschinenbauer hat inhouse den „Sonolyzer“ entwickelt. Die „hellhörige“ App bestimmt in nur 20 Sekunden, ob Optimierungspotenzial beim Energieverbrauch besteht. Der KSB Sonolyzer misst dazu die Geräuschfrequenz des Asynchronmotors von Pumpen und prüft anhand eines vom Unternehmen selbst entwickelten und am Markt bisher einzigartigen Schätz-Algorithmus, ob Energieeinsparpotenziale vorhanden sind, durch die sich eine Steigerung der Pumpeneffizienz erreichen lässt.

Das Industrie-4.0-Produkt reiht sich ein in bereits etablierte digitale Projekte wie das Kundenportal und Produktkonfiguratoren. Mit derartig unaufgeregten Innovationen, leise und zum eigenen Portfolio passend entwickelt, braucht KSB keine Sorge haben, dass IT-Firmen künftig die Schnittstelle zu ihren Kunden besetzen. Das Entscheidende ist: Das Know-how des Ingenieurs ist die treibende Feder. Mit reinem Data-Wissen und agilem Vorgehen wären die digitalen Entwicklungen nicht möglich.

Organisch wachsen statt kannibalisieren

Die Beispiele Bosch und KSB zeigen: Die Frage, wer das industrielle Internet dominieren wird, ist total offen. Trotz der weltumspannenden Monopole von Google bei Suchmaschinen, von Facebook bei Sozialen Medien oder Amazon im Online-Versandhandel ist der digitale Zug für die deutsche Wirtschaft längst nicht abgefahren. Etliche Herausforderungen wie die Vernetzung der Industrie, des Verkehrs und der privaten Haushalte, wie intelligente und dezentrale Energienetze, wie Telemedizin oder eine digitale Bildungsrevolution werden nur mit bewährten deutschen Tugenden funktionieren.

Klar ist, dass man sich nicht abschotten darf. Aussitzen zählt nicht zu den Eigenschaften, die Unternehmen hierzulande pflegen sollten. Ingenieurskunst und Präzisionsarbeit dafür schon. Es wäre unverzeihlich, wenn sich die reale Industrie von der virtuellen vollkommen vereinnahmen ließe.


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