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Die Wegseher der Deutschen Bank

, Bernd Ziesemer

Aufsichtsratschef Paul Achleitner macht keine überzeugende Figur. Nach einem verheerenden BaFin-Bericht wächst die Kritik. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Im Aufsichtsrat der Deutschen Bank sitzen einige der angesehensten Notabeln des Landes wie die Ex-Chefs von SAP und Siemens oder der amtierende Vorstandsvorsitzende von Eon. Seit drei Jahren führt der ehemalige Allianz-Mann Paul Achleitner die Honoratiorenrunde, einer der erfahrensten Strippenzieher der ganzen deutschen Managergilde. Die Personalberatung Russell Reynolds promovierte den Club vor kurzem sogar zum „besten Aufsichtsrat Deutschlands“. Und doch müssen sich die Aufseher spätestens seit vergangener Woche den Vorwurf der Pflichtverletzung gefallen lassen. Vor allem ihr Vormann Achleitner sieht nach der Veröffentlichung eines überaus kritischen BaFin-Berichts nicht gut aus, obwohl der Österreicher selbst in dem 37-Seiten-Dokument mit keiner einzigen Silbe vorkommt.

In dem Schreiben der Frankfurter Finanzaufsicht geht es vordergründig um Vorgänge, die vor Achleitners Amtszeit liegen: um die kriminelle Manipulation des Libor-Leitzinses durch mehrere führende Mitarbeiter der Deutschen Bank. Seine eigentliche Brisanz gewinnt der Bericht jedoch durch den Vorwurf der zuständigen Bankenaufseherin Frauke Menke an mehrere ehemalige und amtierende Vorstände des Kreditinstituts, sie hätten die Untersuchung der damaligen Vorgänge immer wieder behindert oder verzögert. Das gilt auch für Anshu Jain, der bis Ende Juni als Co-Vorstandschef die Gesamtverantwortung für die Deutsche Bank trug.

Die zeitliche Abfolge der Ereignisse, die zum Rücktritt Jains führten, erscheint nach dem BaFin-Brief anders als bisher von dem Kreditinstitut selbst dargestellt. Und gerade damit gerät auch Achleitner in die Schusslinie: Statt als eifriger Aufseher betätigte sich der Österreicher streckenweise als notorischer Wegseher.

Achleitner handelte kurzsichtig oder machiavellistisch

Nach den jetzt vorliegenden Informationen ging das Schreiben der Frankfurter Bankenaufsicht am 11. Mai 2015 bei Achleitner ein. Spätestens seit diesem Zeitpunkt mussten ihm die schweren Vorwürfe gegen Jain bekannt sein. Das BaFin räumte der Deutschen Bank in dem Brief eine Frist von acht Wochen ein um zu antworten. Statt sofort zu handeln und Jain zum Rücktritt zu bewegen, marschierte Achleitner in genau die umgekehrte Richtung: Am 21. Mai musste Jains schärfster Kritiker im Vorstand weichen, Privatkundenchef Rainer Neske. Und Jain erhielt eine Art Beförderung: die Übernahme der Gesamtverantwortung für die neue Strategie der Bank.

Am Tag darauf erlebte Achleitner einen Sturm der Entrüstung auf der Hauptversammlung der Bank. 40 Prozent des Aktienkapitals stimmten gegen die Entlastung des Vorstands. Erst danach entschloss sich Achleitner offenbar, Jain fallenzulassen (und seinen Co-Chef Jürgen Fitschen gleich mit). Am 7. Juni gab die Bank die Entscheidung bekannt und ernannte Aufsichtratsmitglied John Cryan zum neuen CEO.

Das Verhalten Achleitners kann man je nach Blickwinkel nur als außerordentlich kurzsichtig oder in höchstem Maße machiavellistisch bezeichnen. Entweder erkannte der Aufsichtsratschef erst in allerletzter Minute, dass Jain nicht mehr zu halten war – oder er wollte um jeden Preis erst die Hauptversammlung hinter sich bringen, um nicht selbst in das Feuer der Kritik zu geraten. Egal aber wie man es dreht und wendet: Achleitner ist seinen Pflichten als Aufsichtsratschef damit nicht gerecht geworden.

Und das Fehlverhalten wirkt fort. Nach wie vor sind einige Top-Manager im Amt, die nach dem BaFin-Bericht persönlich für schwere Verfehlungen und Versäumnisse in der Aufarbeitung der Libor-Affäre Verantwortung tragen. Bisher musste die Deutsche Bank bereits 2,5 Mrd. Dollar Strafe für die kriminellen Handlungen ihrer Mitarbeiter zahlen. Wahrscheinlich werden die Gesamtkosten aber noch weit höher liegen.

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: Die neuen Statussymbole


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