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Die Tricks der EZB

, David McWilliams

An den Finanzmärkten macht Europa wieder eine gute Figur. Aber nur deshalb, weil Mario Draghi den Kniff eines cleveren Schuhdesigners kopiert hat. Von David McWilliams

David McWilliams © Laif
David McWilliams, geb. 1966, hat als Ökonom für Großbanken und die irische Notenbank gearbeitet. Heute ist er TV-Journalist, Theater- und Bestsellerautor und einer der profiliertesten Wirtschaftskommentatoren Irlands

Sagt Ihnen der Name Salvatore Ferragamo etwas? Er war ein italienischer Schuhmacher, der erkannte, dass jede Frau groß wirken will, aber zwischen Vamp-High-Heels und Jungfern-Plattsandale ein zufriedenstellendes Design fehlt. So erfand er in den 30er-Jahren den Keilabsatz.

Keile lassen Frauen (und Männer) größer wirken, ohne dass sie das Gefühl vermitteln, auf Stelzen zu gehen. Je größer ein Mensch ist, desto attraktiver fühlt er sich. Wer groß ist, wirkt schlanker. Der Keil zwischen echter und gewünschter Größe kann die Erscheinung verbessern und das Beste aus dem Vorhandenen machen. Ferragamos Idee war und ist daher ein Riesenerfolg, sie wurde immer wieder kopiert und weiterentwickelt.

Neben „modischen Keilen“ gibt es auch „finanzielle Keile“, die ähnliche Wirkungen auf Vermögenspreise und Risikowahrnehmung haben. Die EZB und die anderen großen Zentralbanken schieben gerade einen solchen Keil zwischen die reale Performance der europäischen Wirtschaft und die Finanzmärkte. Seit Ende 2011 verleiht die EZB Geld an kaputte Banken, die es wiederum an bankrotte Staaten weiterverleihen. Wir nennen das dann einen Erfolg!

EZB stützt Aktienkurse

Das billige EZB-Geld hievt die Vermögenspreise hoch, sodass die Märkte suggerieren, die Wirtschaft sei stark, das Risiko gering und überhaupt alles gut. Aber dem ist nicht so.

Sieht man, wie Aktien und Anleihen durch die Liquiditätsschwemme angehoben werden, offenbart sich die Parallele zu den Keilen. Ja, man könnte sagen: Mario Draghi ist der Salvatore Ferragamo der europäischen Finanzmärkte.

Die EZB hilft, die Kurse weit über das Niveau zu heben, das der schwachen Wirtschaftsentwicklung entspräche. Das ist ein gefährliches Spiel. Wer Keile trägt, muss sie ständig tragen, um groß zu bleiben. Die EZB muss immer mehr Liquidität schaffen, um den Crash zu verhindern.

Aber warum reagiert die Realwirtschaft nicht auf die historisch niedrigen Zinsen? Weil ein Großteil der europäischen Peripherie an einer Rezession leidet, die von faulen Bilanzen verursacht wurde („balance sheet recession“) und sich durch die brutale Entschuldung nach der Ausgabensause verschärft hat. Das Geld strömt von der Peripherie ins europäische Zentrum, was die Kreditklemme der einen verschärft und bei den anderen das Gefühl verstärkt, dass die Zeiten gar nicht so schlecht sind.

Gruselige Wirtschaftsdaten

Der Außenwert des Euro ist für die Randstaaten zu hoch und für Kerneuropa zu niedrig. Bei fallender Nachfrage kürzen die Peripherie-Regierungen ihre Ausgaben und erhöhen Steuern. In weiten Teilen der Eurozone sind die Leute hoch verschuldet und haben kein Interesse an neuen Krediten; die Banken ihrerseits haben schon zu viele faule Kredite in den Büchern und wollen nichts mehr verleihen.

Abgesehen von Deutschland sind Europas Wirtschaftsdaten denn auch gruselig: Spaniens Arbeitslosigkeit wird laut IWF noch bis 2018 über 25 Prozent bleiben. Die Italiener kauften im August 6,6 Prozent weniger Autos als ein Jahr zuvor. Alle sechs Minuten wandert jemand aus Irland aus, in Portugal liegt der Absatz von Konsum-elektronik 38 Prozent unter dem Vorjahr. Würden Sie da sagen, die Euro-Peripherie sei heute weniger riskant als vor einem Jahr, so wie das der Bondmarkt zeigt? Nein? Ich auch nicht.

Draghi weiß, dass die realwirtschaftlichen Folgen eines neuen Finanzcrashs fürchterlich wären. Die politische Wirkung für das europäische Integrationsprojekt mag man sich gar nicht vorstellen. Er steckt daher in einer monumentalen Zwickmühle: Er muss weiter Geld drucken, um den Crash zu vermeiden. Aber je mehr er druckt, desto größer ist die Gefahr eben eines solchen Crashs.

Was heißt das für Deutschland?

Die Gefahr einer neuen Schuldenkrise in der Peripherie ist extrem hoch, und am Ende werden die Deutschen ihren Partnern einen dicken Scheck ausstellen müssen. Oder sie müssen akzeptieren, dass der italienische EZB-Chef den Euro hinter ihrem Rücken zur Lira macht.

David McWilliams (Irland) gehört neben Jagdish Bhagwati (Indien), Helen Mees (Niederlande) und Michael Pettis (USA) zu unserem Ökonomischen Quartett. Jeden Monat schreibt an dieser Stelle einer dieser vier Ökonomen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, und jeder hat damit einen andere Perspektive auf die Welt. 

Der Beitrag von David McWilliams erschien zuerst in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten. 

Mehr zum Thema: Die Logik der KrisenvermeidungDas Versagen der freien Finanzmärkte und Der Herbst der Unsicherheiten


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