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Die Nachwehen der Eurokrise

, David Milleker

Die Finanzmärkte haben die Eurokrise überwunden. Mit der Grexit-Debatte kehrt sie jetzt zurück - in einer politischen Variante. Von David Milleker

Akropolis

David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


Trotz der Entspannung an den Finanzmärkten ist die Eurokrise nie wirklich weg gewesen. Sie hat nur einen anderen Aggregatzustand erreicht. Im akuten Stadium in den Jahren 2010 bis 2012 handelte es sich um das Phänomen der Kapitalflucht in Volkswirtschaften ohne vollständige Währungssouveränität bei fixen Wechselkursen und hohen außenwirtschaftlichen Defiziten. Mit anderen Worten: Die Symptome waren die gleichen wie in den klassischen Schwellenländer-Krisen der 1980er- und 1990er-Jahre. Einem Boom im Zuge von exorbitanten Kapitalzuflüssen aus dem Ausland, die nicht sinnvoll verarbeitet werden konnten, folgte der Katzenjammer, sobald dieses Kapital wieder abgezogen wurde.

Seither hat sich das Grundbild allerdings deutlich verändert: Die Krisenstaaten der Peripherie weisen keine außenwirtschaftlichen Defizite mehr auf. Damit sind sie auch nicht mehr so anfällig für einen Kapitalabzug aus dem Ausland. Zumindest ist der drastische wirtschaftliche Schrumpfungsprozess überall beendet, auch wenn kräftiges Wirtschaftswachstum und damit ein Rückgang der sehr hohen Arbeitslosenquoten noch weit entfernt sind. Somit lässt sich der ökonomische Zustand der Krisenstaaten als „deutlich besser, aber noch lange nicht gut“ charakterisieren.

Politisches Erdbeben

Was jedoch in der politischen Landschaft als Folge der Krise passiert ist, kann nur als tektonische Verschiebung bezeichnet werden: So ist beispielsweise in Irland die langjährige Regierungspartei Fianna Fáil fast vollständig von der politischen Landkarte verschwunden, nachdem sie zwischen 1933 bis 2007 durchgängig als stärkste politische Kraft aus den Wahlen hervorgegangen war. Bei den Parlamentswahlen 2011 rutschte sie allerdings bei halbiertem Wahlergebnis auf Platz drei ab.

Für Spanien mit regulären Parlamentswahlen zum Jahresende 2015 zeichnet sich etwas Ähnliches ab. Seit 1982 vereinten die beiden Großparteien PP und PSOE regelmäßig 70 bis 85 Prozent der Wählerstimmen auf sich. Diese Situation hielt bis etwa 2011 an und galt sowohl bei nationalen wie auch Europawahlen. Bei den jüngsten Europawahlen im vergangenen Jahr brachen beide Parteien aber massiv ein und kamen nur noch auf einen kombinierten Stimmenanteil von 49 Prozent. Das Stimmungsbild für die nächste Parlamentswahl sieht gegenwärtig ganz ähnlich aus. Oder anders ausgedrückt: Selbst eine „große Koalition“ hätte eine eher bescheidene parlamentarische Mehrheit – und das bei einer historisch bedingten extremen wechselseitigen Aversion aus Zeiten der Franco-Diktatur.

Die aufgerissene Lücke wird von Parteien gefüllt, die wahlweise ganz neu entstanden, Euro-kritisch, regional-separatistisch oder eher an den politischen Rändern zu verorten sind. Diese Gemengelage macht es natürlich nicht leichter, überhaupt tragfähige Regierungen zu bilden – geschweige denn zu prognostizieren, welcher Kurs nach den Wahlen eingeschlagen wird.

Die damit verbundenen Unsicherheiten oder politischen Lähmungszustände nach Krisenerfahrungen sind, historisch gesehen, alles andere als ungewöhnlich. Sie sind gleichsam die Nachwehen einer Krise, die in ihrer harten Form allerdings als abgeschlossen betrachtet werden kann.


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