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  • Gastkommentar

Die moralische Lieferkette

, Evi Hartmann

Unternehmen entdecken ethische Werte. Es entsteht ein Bewusstsein für eine moralisch integrierte Lieferkette. Von Evi Hartmann

Etikett "Made in Bangladesh" © Getty Images

Evi Hartmann ist Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie hat dort den Lehrstuhl für Supply Chain Management inne.


In einem fernen Land lebt ein kleines Mädchen. Zwölf Stunden am Tag näht es bei über 30 Grad im Nähsaal T-Shirts. Nachts wird es in einen Verschlag gesperrt, damit es nicht weglaufen kann. Es näht wunderschöne Shirts. Und so günstig! Ich trage meines gerne. Wozu macht mich das?

Entweder bin ich ein Monster, das jeder Vorstellung von Moral Hohn spricht. Oder ich bin einfach nur eine moderne Konsumentin. Wie Millionen andere auch.

Konsument und Täter

Buchcover Evi Hartmann
Evi Hartmanns Buch ist im Campus Verlag erschienen

Wie diese allzu stummen Millionen weiß auch ich dank Internet, dass für die Mineralien in meinem Smartphone Menschen in den Blutminen Afrikas sterben müssen. Ich weiß, dass bei den asiatischen Lieferanten der Handy-Hersteller Studierende zum Frondienst gepresst werden. Ich weiß, dass es Kindersklaven gibt, die Kleidung nähen. Das macht mich im strafrechtlichen Sinne zum Komplizen des Sklavenhalters, der das kleine, nein, der mein kleines Mädchen als Sklavin der Globalisierung hält.

Im moralischen Sinne macht mich das selber zur Sklavenhalterin. Und wieder nein: Nicht „es“ macht mich dazu. Ich mache mich dazu. Indem ich in der Boutique zum T-Shirt greife, ernenne ich mich nach den Prinzipien von Ethik und Moral – zwar unabsichtlich und meist unbewusst, aber dennoch wirksam – selber zur Sklavenhalterin im moralischen Sinne. Im häufigsten Fall entfacht dies Empörung.

Wie radikal ist Moral?

Nein, nicht Empörung über die tabuierten und bagatellisierten Missstände der Globalisierung, sondern über diese „radikale Sichtweise“. Seit ich diese Sichtweise in einem eben erschienen Buch zum Thema dargelegt habe – und noch während meiner Recherchen dazu – erlebe ich diese Empörung und wundere mich. Denn sie richtet sich in der Regel nicht gegen Sklaverei und Konsumbarbarei. Sie richtet sich an Politik und Wirtschaft: „Die müssen doch endlich was dagegen tun!“

Unlängst versuchte eine engagierte Redakteurin gut 20 Minuten lang, mich zu einer Verdammung der aktuellen Wirtschaftspolitik zu bewegen. Ein interessanter Ansatz: Da ich als Konsumentin oder Produzentin meine Moral also auf dem Weg der Globalisierung mit meinem Kauf und meinen Aufträgen an meine Supply-Chain-Partner in den Schwellenländern delegiert, outgesourct, per Offshoring ausgelagert habe, lagere ich nach dem konsumptiven Akt der Unmoral also auch meine Verantwortung für meine unmoralische Handlung an die Regierung aus? Für meine Moral ist die Regierung zuständig? Ich kann kaufen und produzieren, so unmoralisch wie ich will, weil der zuständige Minister dafür die moralische Verantwortung trägt? Ich hoffe, der Minister kann nachts noch schlafen. Glücklicherweise gibt es eine Alternative zu dieser dissoziierten, projektiven, outsourcing-verführten Mainstream-Moral.

Wer ist zuständig für Moral?

Wir erleben diese Alternative, diese Bright Spots der praktizierten Wirtschaftsmoral, diese Beweise für eine Vereinbarkeit von Markt und Moral zum Beispiel in Form der vielen Mode-Labels, die derzeit aus dem Boden schießen und die nicht nur ökonomisch und ökologisch, sondern eben auch sozial (keine Sklaven!) nachhaltig produzieren. Wir erleben sie auch in Gestalt der (noch) mehrheitlich weiblichen Käuferinnen solcher Label – einmal ganz von den vielen Käuferinnen der Weltläden abgesehen. Und selbst im Management erleben wir diese Bright Spots, diese Ausnahmen von den Auswüchsen der Globalisierung.

Es gibt Textilunternehmen, die tatsächlich einen Living Wage bezahlen. Einen Lohn, von dem die Familie des/der Entlohnten leben kann – ohne dass die Kinder ranmüssen. Es gibt Nahrungsmittelhersteller, die darauf achten, dass auf den Plantagen der Zulieferer ihrer Zulieferer keine Plantagenarbeiter mit Pestiziden bombardiert werden. Und es gibt immer mehr Konsumenten, die diese moralischen Anbieter via Internet identifizieren und eine entsprechende Reallokation ihrer Konsumausgaben vornehmen („Buy moral!“). Die Moral dieser Produzenten und Konsumenten ist deshalb bemerkenswert, weil sie alle gängigen Vorstellungen von Moral in einer modernen Welt sprengt.

Moral Supply Chain

Wo der typische Produzent oder Konsument nach der Regierung schreit, also noch nicht einmal die moralische Verantwortung für seine eigenen Wirtschaftsakte übernehmen möchte, übernehmen die Best in Class auf Anbieter- und Nachfragerseite nicht nur die Verantwortung für ihr eigenes, sondern auch noch die Verantwortung für das Handeln der Lieferanten auch auf den Vorstufen der Produktion. Vor allem im produzierenden und Handel treibenden Mittelstand scheint das ein Credo zu sein.

Wie mir ein mittelständischer Supply Chain Manager versicherte: „Wir fühlen uns nicht nur für unsere Mitarbeiter, sondern auch für die Mitarbeiter von jenen verantwortlich, die uns zuliefern.“ Die ökonomisch und logistisch vollintegrierte Lieferkette haben wir schon lange. Einige Branchen haben stellenweise die IT-integrierte Lieferkette (Open Book über sämtliche Wertschöpfungsstufen). Jetzt entwickelt sich offenbar das Bewusstsein für eine moralisch integrierte Supply Chain: Moral Supply Chain Management. Wozu?

Neue Werte

Immer mehr Personalleiter beschweren sich, dass sich Hochleister, Young Professionals und High Potentials nicht mehr mit hohem Gehalt, Boni und Firmenwagen ködern lassen: „Die fragen heute zuerst nach Freizeit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie!“ Neulich beklagte ein Topmanager, dass ein vielversprechender Uni-Absolvent nach einem kurzen Blick auf die Supply Chain des potenziellen Arbeitgebers dankend abgewinkt habe: „Zu intransparent, kaum Durchgriff auf die Lieferkette, und die vereinbarten Sicherheitsbestimmungen bei den Rohstoff-Lieferanten werden seit Jahren nicht wirksam kontrolliert!“ Er wollte nicht bei so einer Firma arbeiten. Warum nicht? Weil er lieber ein guter Mensch sein möchte. Weil das für ihn schwerer wiegt als dickes Gehalt und Firmenwagen.

Das ist nicht nur außerhalb des Systems möglich. Im selben Unternehmen sollen einzelne Supply Chain Manager damit begonnen haben, die Kontrolle der Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen bei den Rohstofflieferanten nicht mehr vom Schreibtisch aus, sondern per Field Trip vorzunehmen. Irgendjemand muss das Reisebudget dafür genehmigt haben: Der Beginn der Moralrevolution.


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