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Die Kunst der Kursmanipulation

, Bernd Ziesemer

Wie steuert man geschickt den Aktienmarkt? Drei Fallbeispiele aus der letzten Woche: Siemens, Deutsche Bank, Thyssen-Krupp. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die großen Konzerne geben ein Heidengeld für die Kommunikation mit Aktionären und Investoren aus. Ob sich die schlaue Bearbeitung der allerwichtigsten Stakeholder bezahlt macht, darüber streiten die Gelehrten. Am Ende zählen dann doch die harten Fakten: Umsatz, Gewinn, Rendite. Kurzfristig aber kann man durch den geschickten Umgang mit den eigenen Zahlen auf jeden Fall starke Effekte erzielen. Die letzte Woche lieferte dafür drei interessante Beispiele – positiv wie negativ.

Beispiel eins: Siemens. Der Konzern überraschte die Investoren in der letzten Woche mit einer höheren Prognose und löst damit einen fast zweistelligen Anstieg des Aktienkurses aus. Zwei entscheidende Nachrichten gingen dabei jedoch völlig unter: Siemens prophezeit lediglich einen höheren Gewinn pro Aktie – alle übrigen wichtigen Kennzahlen bleiben gleich. Gerade diese Messlatte bietet jedoch erhebliche Gestaltungsfreiheit und vertuscht vor allem die eher schlechten Ergebnisse in einigen Sparten des Konzerns. Hinzu kommt: Der Gewinn pro Aktie soll im Geschäftsjahr 2015/2016 zwar gegenüber dem Vorjahr deutlich steigen – 2013/14 lag diese Kennziffer jedoch bereits auf dieser Höhe. Der Konzern bewegt sich also allenfalls auf sein früheres Renditeniveau zurück.

Beispiel zwei: die Deutsche Bank. Die Aktionäre des Kreditinstituts hatten zwar mit einem erheblichen Jahresverlust gerechnet, aber nicht mit einem so schlechten Schlussquartal 2015. Die Ad-hoc-Meldung des Konzerns löste deshalb eine regelrechte Panik aus und schickte den Aktienkurs innerhalb weniger Tage über 10 Prozent in den Keller, bevor er sich wieder etwas erholte. Dabei waren die schlechten Zahlen des letzten Quartals zwar vielleicht in ihrer Höhe überraschend, keineswegs aber in ihrer Tendenz. Auch die wichtigen internationalen Konkurrenten der Deutschen Bank schnitten nicht berauschend ab.

Beispiel drei: Thyssen-Krupp. Der Stahl- und Industriekonzern bestätigte auf der Hauptversammlung seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr – einen bereinigten operativen Gewinn von 1,6 bis 1,9 Mrd. Euro. Der Vorstandschef Heinrich Hiesinger stellt diesen Korridor seit neustem jedoch unter eine Prämisse: Thyssen-Krupp werde seine Gewinnzeile nur einhalten können, wenn sich der sehr schwache Stahl- und Werkstoffmarkt in der zweiten Hälfte des Jahres nachhaltig verbessere. Was Hiesinger nicht sagte: Gegenwärtig spricht nichts dafür, dass es zu einer solchen Belebung kommt. Eigentlich waren seine Worte also eine verkappte Gewinnwarnung, auf die Börsen gemeinhin sehr empfindlich reagieren. Der Aktie von Thyssen-Krupp blieb am Freitag jedoch ein weiterer großer Einbruch erspart.

Manipulation der Öffentlichkeit

Alle drei Beispiele zeigen: Die Konzerne sind unterschiedlich gut darin, die Erwartungen der Finanzmärkte zu managen. Siemens beherrscht die Manipulation der Öffentlichkeit inzwischen geradezu meisterhaft. Mit immer neuen, wechselnden Kennziffern und geschickten Bilanztricks, die eine Vergleichbarkeit mit früheren Jahren erschweren, steuert der Konzern die Analysten und Presseleute immer wieder an der schnöden Wirklichkeit vorbei.

Auch die Deutsche Bank war in früheren Jahren für das bekannt, was die Finanzanalysten und Fachjournalisten „Guidance“ nennen: Die frühzeitige Vorbereitung auf schlechte Zahlen und Probleme, um zu starke öffentliche Reaktionen zu vermeiden. Mittlerweile ist davon aber nichts mehr zu spüren. Einer der Gründe dafür: Der neue Chef der Bank, John Cryan, hält nicht viel von Kommunikation. Und sein designierter Kommunikationschef ist nach wie vor nicht an Bord – ein schwerer Fehler.

Umgekehrt kann man bei Thyssen-Krupp gespannt sein, wie die junge Mannschaft im Kommunikations- und Finanzbereich mit weiteren schlechten Nachrichten im Jahresverlauf umgeht. Durch kleine Interviews und Vorabinformationen füttern die Essener Konzernmanager die Presse bisher sehr geschickt. Langfristig aber gilt auch bei Thyssen-Krupp: Solange sich der Konzern nicht nachhaltig aus der Krise herausarbeitet, helfen auch alle „Investor Relations“ nicht viel.


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