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Die Co-Chefs aus dem Aufsichtsrat

, Bernd Ziesemer

Linde, Deutsche Bank, Bilfinger – die öffentlichen Erwartungen an die Aufsichtsräte steigen. Sie können sie kaum erfüllen. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die Linde AG machte in letzter Zeit eher durch negative Meldungen Schlagzeilen. Der Konzern verliert an Fahrt, schraubte seine Gewinnprognosen zweimal nach unten und verzeichnete innerhalb eines Jahres einen Kurssturz von fast 50 Prozent an der Börse. Jetzt soll es ein neuer Aufsichtsratschef richten: Wolfgang Reitzle, jahrelang selbst Vorstandschef des Konzerns, kehrt nach zwei Jahren in neuer Funktion zurück. So wollen es zumindest einflussreiche Aktionäre.

Ähnlich bei der Deutschen Bank: Seit die Aktie des Kreditinstituts ins Bodenlose fällt und das Vertrauen in den gerade erst eingesetzten Vorstandschef John Cryan schon wieder schwindet, schwillt der Ruf nach einem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden massiv an. Galt der jetzige Amtsinhaber Paul Achleitner bei seinem Antritt 2012 noch als Idealbesetzung, so machen ihn viele inzwischen mitverantwortlich für die Misere in Frankfurt.

Beim Baukonzern Bilfinger setzten die aktivistischen Anteilseigner von Cevian Capital den Wechsel bereits durch, der bei Linde und der Deutschen Bank noch bevorsteht. Dort lenkt Eckhard Cordes als Vertreter der schwedischen Investoren inzwischen den Aufsichtsrat mit dem erklärten Ziel, den heftig angeschlagenen Konzern entweder wieder auf Kurs zu bringen oder zu zerlegen.

Über-Vorstandschefs

Die drei Beispiele zeigen: Die Erwartungen an die Aufsichtsratschefs steigen. Vorbei die Zeiten, als sich ihre Aufgaben auf ein paar unangestrengte Sitzungen pro Jahr, einen tiefen Blick in die Bilanzen und die souveräne Leitung der jährlichen Hauptversammlungen beschränkte. Heute stehen sie mit im öffentlichen Feuer, wenn ihre Konzerne in die Krise rutschen. Aktionäre und Medien fordern von ihnen die aktive Mitarbeit an der Entwicklung von Strategien und operativen Lösungen. Einige von ihnen geraten so mehr und mehr in die Rolle von Co-oder sogar Über-Vorstandschefs – ähnlich wie in der Schweiz die Verwaltungsratspräsidenten oder in den USA der Chairman.

Nach den gültigen Regeln der deutschen Corporate Governance entsteht damit jedoch ein schwerer Konflikt. Paragraf 111 des Aktiengesetzt legt eindeutig fest: „Maßnahmen der Geschäftsführung können dem Aufsichtsrat nicht übertragen werden“. Danach dürfen sich die Aufseher nicht in das operative Geschäft einmischen. Auch die Entwicklung neuer Strategien fällt allein in die Zuständigkeit des Vorstands. Der Aufsichtsrat genehmigt sie und überprüft ihre Umsetzung – mehr nicht.

Aufsichtsräte sind Kontrolleure - mehr nicht

Wohin es führt, wenn sich der Chef des Aufsichtsrats als Übermanager gibt, zeigt das Beispiel VW. Ferdinand Piëch mischte sich jederzeit und überall in das operative Geschäft des Konzerns ein. Im Zweifel setzte der Aufsichtsratsvorsitzende in letzter Minute sogar noch Änderungen am Design einzelner Autos durch.

Die vornehmste Pflicht des Aufsichtsrats bleibt in unserem System der Corporate Governance die enge Kontrolle des Vorstands. Er kann diese Aufgabe nicht erfüllen, wenn er selbst die Linie vorgibt, die er anschließend unabhängig und kritisch prüfen soll. Entweder wir ändern das Aktiengesetz – oder wir müssen unsere Ansprüche an die Aufsichtsräte wieder etwas herunterschrauben.


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