• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Gastkommentar

Die Chancen des Aufschwungs nutzen

, Stefan Kooths

Die deutsche Wirtschaft erholt sich. Jetzt darf die Politik nur keine falschen Weichenstellungen vornehmen. Von Stefan Kooths

Autotransport
Die deutsche Wirtschaft nimmt Fahrt auf (Foto: Getty Images)

Stefan Kooths ist Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er ist zudem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Business and Information Technology School (BiTS) in BerlinStefan Kooths ist Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er ist zudem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Business and Information Technology School (BiTS) in Berlin


Deutschland lebt derzeit auf der Sonnenseite der Konjunktur. Erwartungsgemäß haben sich die Rezessionsszenarien nicht realisiert, über die noch im vergangenen Sommer und Herbst spekuliert wurde. Stattdessen legte die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr einen rasanten Schlussspurt hin. Von Konjunkturprogrammen redet – anders als noch im Herbst – keiner mehr.

Im Verarbeitenden Gewerbe und in der Bauwirtschaft ist die Normalauslastung jetzt schon erreicht, zum Teil sogar überschritten. Die Arbeitslosigkeit ist derzeit so niedrig wie noch nie im vereinten Deutschland und wie sonst nirgendwo in der Europäischen Union. Die gesamtwirtschaftliche Produktion ist weiter aufwärts gerichtet und dürfte im laufenden Jahr branchenübergreifend nahe an der Normalauslastung operieren.

Mit den vom Institut für Weltwirtschaft prognostizierten Raten von 1,8 Prozent (2015) und 2,0 Prozent (2016) expandiert die Wirtschaftsleistung in Deutschland schneller als die Produktionsmöglichkeiten wachsen. Die Potenzialwachstumsrate ist derzeit auf magere 1 ¼ Prozent zu veranschlagen. Im Ergebnis steigt die Kapazitätsauslastung. Das ist – zumindest in aggregierter Betrachtung – im laufenden Jahr stabilisierungspolitisch noch unbedenklich. Im nächsten Jahr gerät die deutsche Wirtschaft aber mehr und mehr an die Schwelle zur Hochkonjunktur.

Binnenwirtschaft treibt den Aufschwung an

Neben die diesjährigen haushaltsnahen Expansionstreiber Konsum und Wohnungsbau treten im nächsten Jahr die Unternehmensinvestitionen als zweite Säule der Konjunktur. Der für das laufende Jahr erwartete Produktionsanstieg wird praktisch vollständig vom privaten Konsum und den Wohnungsbauinvestitionen absorbiert. Nach und nach dürften auch die Unternehmensinvestitionen an Dynamik gewinnen und im nächsten Jahr so kräftig sein, dass die Investitionen insgesamt maßgeblich zur Expansion beitragen.

Der in beiden Jahren maßgeblich binnenwirtschaftlich getriebene Aufschwung dürfte die Einfuhren deutlich stärker expandieren lassen als die Ausfuhren, auch wenn diese von einem sich insgesamt aufhellenden weltwirtschaftlichen Umfeld begünstigt werden und ebenfalls an Fahrt zulegen. Im Ergebnis wird der Außenhandel rein rechnerisch nahezu expansionsneutral wirken. Gleichwohl dürfte der Leistungsbilanzüberschuss in beiden Jahren mit rund 250 Mrd. Euro merklich über dem Niveau des Jahres 2014 liegen.

Der Konsumboom im laufenden Jahr geht auch auf die ölpreisbedingt niedrigere Geldentwertung zurück, der heimische Preisdruck bleibt davon unberührt. Anders als zuweilen diskutiert, sind die niedrigen Inflationsraten kein Hemmschuh, sondern ihrerseits ein Treiber der privaten Konsumausgaben. Sie erhöhen das real verfügbare Einkommen und tragen neben der robusten Arbeitsmarktlage und den deutlich höheren Sozialleistungen dazu bei, dass die privaten Konsumausgaben mit einer Rate von 2,7 Prozent in diesem Jahr so kräftig steigen dürften wie seit 1992 nicht mehr.

Der ölpreisbedingte Rückgang der Teuerungsraten wird indes nur vorübergehend zu beobachten sein. In dem Maße, wie die Basiseffekte auslaufen, dürften die Verbraucherpreise wieder stärker anziehen, weil dann die binnenwirtschaftlichen Faktoren stärker in Erscheinung treten. Der heimische Preisanstieg – gemessen am Deflator des Bruttoinlandsproduktes – lag im letzten Jahr bei 1,7 Prozent. In beiden Jahren des Prognosezeitraums dürfte diese Größe mit gut zwei Prozent zulegen, während die Verbraucherpreise, in denen sich außenwirtschaftliche Effekte stärker niederschlagen, in diesem Jahr praktisch stagnieren und im nächsten Jahr mit 1,5 Prozent steigen dürften. Insgesamt wird damit deutlich, dass in Deutschland von einem deflationären Szenario keine Rede sein kann.

[Seitenwechsel]

keine Teflon-Ökonomie

Der Arbeitsmarkt zeigt sich weiterhin in robuster Verfassung. Die Erwerbstätigkeit eilt von Rekord zu Rekord, auch dank der Zuwanderung von Arbeitskräften. Die Sogkräfte des Aufschwungs am Arbeitsmarkt dürften die negativen Beschäftigungseffekte, die mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes verbunden sind, im Aggregat überdecken. In beiden Prognosejahren dürften jeweils 340.000 neue Jobs entstehen. Trotz weiterhin kräftiger Zuwanderung sinkt die Arbeitslosenquote voraussichtlich auf 6,4 Prozent (2015) und 6,1 Prozent (2016).

Trotz des kräftigen konjunkturellen Aufwindes werden die öffentlichen Haushaltsüberschüsse nicht größer, sondern dürften in beiden Jahren bei 0,3 Prozent der Wirtschaftsleistung verharren (gegenüber 0,6 Prozent im Vorjahr). Das ist kein Ausweis ehrgeiziger Finanzpolitik, insbesondere vor dem Hintergrund extrem niedriger Zinsen. Die Bruttoschuldenstandsrelation ist gleichwohl stark rückläufig, weil das nominale Bruttoinlandsprodukt kräftig expandiert und auch weil die Portfolien der „Bad Banks“ weiter reduziert werden. Die Schuldenrelation dürfte im nächsten Jahr mit 67 Prozent in die Nähe des Maastricht-Kriteriums rücken (im Jahr 2014 betrug sie noch 74 Prozent).

Auch wenn sich die Konjunkturaussichten wieder aufgehellt haben: Die deutsche Volkswirtschaft ist keine Teflon-Ökonomie. Der prognostizierte Aufschwung in Deutschland sollte nicht zu wirtschaftspolitischer Sorglosigkeit verführen. Zum einen, weil die ökonomische Entwicklung von externen Faktoren jederzeit gestört werden kann, zum anderen liegen die Risiken im Aufschwungsprozess selbst und den daraus oftmals resultierenden wirtschaftspolitischen Fehlschlüssen.

Abwärtsrisiken bestehen insbesondere in verschärften geopolitischen Spannungen rund um den Konflikt in der Ukraine. Dieser ist zwar immer noch nicht gelöst, derzeit scheint dadurch das Investorenvertrauen hierzulande aber nicht allzu sehr beeinträchtigt zu sein. Ferner wären mit einem kräftigen Anstieg des Rohölpreises die konsumstützenden Kaufkrafteffekte wieder verloren. Auch die Entwicklung des Außenwertes des Euro ist unsicher; eine drastische Abwertung könnte kurzfristig über den Außenhandelskanal stimulieren, damit aber zugleich das Konjunkturmuster durcheinander bringen. Letztlich ist nicht auszuschließen, dass die Unternehmensinvestitionen noch schneller Tritt fassen als hier unterstellt.

Risiken des Booms rechtzeitig entgegenwirken

Stabilisierungspolitisch ist jetzt eine Politik der ruhigen Hand geboten. Die zunehmende Auslastung der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten dürfte im nächsten Jahr bereits als Beginn einer Überdehnung spürbar werden. Eine solche Überdehnung, die mittelfristig in die Überhitzung führen kann, stellt eine stabilisierungspolitische Zielverfehlung dar, der man idealerweise nicht erst begegnen sollte, wenn sie bereits eingetreten ist. Jeder Boom ist seiner Natur nach nicht nachhaltig und muss früher oder später durch eine Anpassungsrezession korrigiert werden – im Durchschnitt aus Boom und Anpassungsrezession stellt sich eine Volkswirtschaft schlechter als bei einer stetigeren Entwicklung. Das mit einem Boom einhergehende Risiko ist für Deutschland derzeit besonders ausgeprägt, da das anhaltende Niedrigzinsumfeld die Fehlverwendung von Kapital besonders wahrscheinlich macht. So sind an den Immobilienmärkten bereits mancherorts Übertreibungen zu erkennen.

Auch die staatlichen Entscheidungsträger neigen dazu, in Zeiten des Aufschwungs die Ansprüche an die Wirtschaftsleistung heraufzusetzen und Regulierungen zu erlassen, deren schädliche Nebenwirkungen im Boom zunächst überdeckt werden, die aber die Anpassungsprozesse zur Korrektur von Fehlentwicklungen noch weiter erschweren. Gerade im Bereich der Arbeitsmarktregulierung sollten sich die wirtschaftspolitischen Verantwortungsträger daran erinnern, warum die Hartz-Reformen einst notwendig wurden.

Schließlich wird der Ruf nach höheren öffentlichen Investitionen in Zeiten sprudelnder Staatseinnahmen immer lauter. Nicht zuletzt zur Abwehr der prozyklischen Wirkung einer solchen Politik sollten gerade jetzt zusätzliche Ausgaben durch Umschichtungen im Haushalt finanziert werden. Wann, wenn nicht in Zeiten der Prosperität, sollte sonst ein wirksames Umsteuern zugunsten wachstumsfördernder Weichenstellungen erfolgen. Hierzu gehört auch, die stabilitätsorientierte Finanzpolitik in Deutschland nicht im vermeintlichen Interesse der Konjunkturbelebung im übrigen Euroraum aufzugeben. Es wäre der Stabilität des Währungsraums wenig gedient, wenn die strukturbedingte Wachstumsschwäche in einem Teil durch konjunkturelle Überhitzung in einem anderen Teil temporär überdeckt würde.


Artikel zum Thema