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Die brasilianische Krankheit

, Christian Schütte

Der Rohstoff-Crash bringt auch Regierungen ins Wanken. Steht Südamerika vor einer politischen Zeitenwende?

Christian Schütte © Trevor Good
Christian Schütte

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber, so heißt es: Sie reimt sich.

Der Rohstoff-Crash, den die Welt derzeit erlebt, ist keine Neuauflage der Weltwirtschaftskrise 1929ff. Dass Kupfer heute rund 20, Eisenerz rund 30 und Erdöl rund 40 Prozent billiger ist als noch Ende vergangenen Jahres, liegt vor allem daran, dass die Märkte sich auf ein Ende des ganz großen Investitionsbooms in China einstellen. Und dass beim Erdöl obendrein ein erbitterter Anbieterkampf um langfristige Marktanteile tobt - zwischen den alten Ölscheichs in Saudi-Arabien und den neuen Ölbaronen in den USA.

Die Folgen für die Rohstoffexporteure sind aber dennoch katastrophal. Brasilien meldete am Dienstag, dass seine Wirtschaftsleistung im dritten Quartal um 4,5 Prozent unter Vorjahr lag. Das ist beinahe ein Einbruch wie ihn Deutschland während der Finanzkrise 2009 erlebte. Und es ist die schlimmste Rezession in Brasilien seit den 30er Jahren.

Der Reim, der in den Sinn kommt, stammt denn auch aus der Politik jener Epoche: Als die Weltwirtschaftskrise sich ab 1929 dramatisch verschärfte, purzelten die Regierungen Südamerikas bald wie die Dominosteine: Im Februar 1930 wurden in Kolumbien erstmals nach über 20 Jahren die Konservativen abgewählt. Es folgte im Mai ein Militärputsch in Bolivien, im August ein Staatsstreich in Peru, im September einer in Argentinien und im Oktober war auch in Brasilien Revolution. Im Juli 1931 wurde dann auch noch der Präsident von Chile, im August der von Ecuador gestürzt. Halbwegs stabil blieb in diesen Jahren nur die Autokratie in Venezuela, wo seit den späten 20er Jahren das Geschäft mit dem neuen Rohstoff der Zukunft boomte: Erdöl.

Mit dem Crash kommen die Skandale

Wiederholt sich solch ein Muster jetzt? Die Argentinier haben bereits den Wechsel gewählt. Mauricio Macri, der nächste Woche sein Amt antritt, ist der erste Mitte-rechts-Präsident des Landes seit 15 Jahren. Manche Kommentatoren sehen in seiner Wahl den Beginn einer Zeitenwende, das "Ende der rosa Flut" (Economist), die in Südamerika über die Jahre vor allem linke und gemäßigt linke Parteien an die Regierung gebracht hatte.

Klar ist, dass eine solche Wende weniger von der Ideologie als von der allgemeinen Unzufriedenheit getrieben wäre. Ein scharfer Einbruch nach einem Rohstoffboom kostet nicht nur Einkommen und Arbeitsplätze. Wenn das Geld ausgeht, platzen oft auch noch Finanzskandale und Korruptionsaffären auf. Die Glaubwürdigkeit der bisherigen Führungsschicht leidet massiv. Frei nach Warren Buffett: Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Badehose schwimmt.

Brasilien ist ein Musterbeispiel für einen solchen Stimmungsabsturz: Die Arbeitslosigkeit ist auf über zehn Prozent gestiegen; und die Elite kämpft mit endlosen Skandalen. In dieser Woche hat der - selbst in Affären verstrickte -Parlamentspräsident ein Amtsenthebungsverfahren gegen die höchst unbeliebte sozialdemokratische Präsidentin Dilma Rousseff eröffnet. 

Ob und wie daraus Macht- und Richtungswechsel werden, ist schwer vorherzusagen. Die Zeiten schneller Putsche sind auch in Südamerika Vergangenheit. Gewählt wird 2016 nur in Peru - und an diesem Wochenende das Parlament in Venezuela. Die Abhängigkeit dieses Landes vom Erdöl ist längst zu einem Fluch geworden. Die Opposition beklagt aber, dass die herrschenden Sozialisten keine fairen Wahlen zulassen.

Statt spektakulärer Regierungswechsel könnte 2016 allerdings eine Abfolge von Regierungskrisen, Parteirevolten und Personalveränderungen bringen. Auch die Rohstoffvolkswirtschaften des Westens kennen das Muster ja schon: In Kanada wurde kürzlich die Regierung abgewählt, in Australien wechselte die Mehrheitsfraktion ihren Premierminister aus.

Wenn ein großer Boom zu Ende geht, wird es für jede Regierung der Welt plötzlich äußerst unangenehm.


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