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Deutschlands Schrumpfkonzerne

, Bernd Ziesemer

Deutsche Unternehmen fürchten sich vor globaler Größe. Letztes Beispiel: die Deutsche Bank. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Vorwärts Genossen, wir müssen zurück! Der alte Sponti-Spruch aus der linken Szene könnte seit Donnerstag auch als Motto der Deutschen Bank herhalten. Die Strategie des neuen Vorstandschefs John Cryan läuft darauf hinaus, das Kreditinstitut über zwei Jahre gesund zu schrumpfen. Wenn die Operation gelingt, gibt die Deutsche Bank zwar ihren globalen Führungsanspruch auf, verdient aber endlich wieder gutes Geld – vor allem auf dem deutschen Heimatmarkt.

Die Deutsche Bank ist nicht der erste (und gewiss nicht der letzte) Schrumpfkonzern in Deutschland. Im Gegenteil: Fast könnte man meinen, in unseren Chefetagen gehe seit einiger Zeit die allgemeine Angst vor globaler Größe um. Der Pharmakonzern Bayer spaltet sein Chemiegeschäft unter dem Namen Covestro ab. Der Kölner Chemiekonzern Lanxess bringt 40 Prozent seines Umsatzes in ein Joint-Venture mit saudi-arabischen Partnern ein. Die früheren Energieriesen Eon und RWE verabschieden sich weitgehend von ihrem Auslandsengagement. Und Siemens trennt sich seit Jahrzehnten immer wieder von größeren Konzernabteilungen. Der nächste Kandidat: die Medizinsparte, die seit diesem Jahr bereits als selbständige Einheit arbeitet.

Angst vor globaler Größe

In den Listen der weltgrößten Konzerne tauchten deutsche Namen immer seltener auf. Stattdessen dominieren chinesische und amerikanische Unternehmen die einschlägigen Rankings. Seit sich die Wirtschaft in den USA erholt, vergeht dort kein Monat ohne neue spektakuläre Fusionen. Gerade spielen die beiden Pharmakonzerne Pfizer und Allergan einen Zusammenschluss durch, der ein Riesenunternehmen mit dem kaum noch vorstellbaren Börsenwert von 330 Mrd. Dollar schaffen würde. Angst vor globaler Größe? In den USA gibt es das nicht. Wohl aber bei uns.

Kein Zweifel: Auch kleinere Unternehmen können hochprofitabel sein. Nicht der Umsatz, sondern der Gewinn zählt. Vielen deutschen Konzernen ist die Schrumpfkur der Vergangenheit gut bekommen. Bayer ist das beste Beispiel dafür: Die beiden großen Abspaltungen – erst Lanxess, jetzt Covestro – haben das Unternehmen fokussiert und stärker gemacht. Oft gibt es auch gar keine Alternative zur radikalen Verkleinerung der Konzerne – wie jetzt bei der Deutschen Bank. Trotzdem bleibt ein Unbehagen: In einer Weltökonomie, in der Skaleneffekte immer wichtiger werden, zählt Größe auf lange Sicht eben doch.

Deutschen Managern fehlen allerdings häufig der Mut und die Fähigkeit, die Komplexität eines großen globalen Konzerns zu beherrschen. Gerade erleben wir bei VW, wie alte Führungsmethoden und neue Größe auf Dauer in Konflikt geraten. Noch ist nicht entschieden, ob sich beim Volkswagen-Konzern am Schluss eine neue Führungsorganisation und -kultur durchsetzt. Oder ob sich Deutschlands größter Autobauer durch den Verkauf einzelner Marken ebenfalls in einen Schrumpfkonzern verwandelt. Aus Sicht der Eigentümer, also der Aktionäre, bergen beide Alternativen sowohl Chancen als auch Risiken. Vom Ziel, der größte Autohersteller der Welt zu werden und am ewigen Rivalen Toyota vorbei zu ziehen, verabschiedet sich die neue VW-Führungsriege gegenwärtig bereits. Ein neues strategisches Ziel aber gibt es bisher nicht.


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