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Adidas und Co. kehren Asien den Rücken

, Bernd Ziesemer

Immer mehr deutsche Unternehmen produzieren lieber wieder in der Heimat statt im Ausland. Letztes Beispiel: Adidas. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Erst der Motorsägen-Spezialist Stihl, dann der Teddy-Hersteller Steiff und nun auch noch der Sportartikler Adidas: Immer mehr deutsche Unternehmen verlagern ihre Produktion aus China, Vietnam oder Indonesien zurück nach Deutschland. Dort produzieren, wo die meisten Kunden leben, lautet das neue Schlagwort. Mit „Speed-Factories“ in Deutschland und den USA will der neue Adidas-Chef Kasper Rorsted schneller auf wechselnde Trends und Moden reagieren, wie er vergangene Woche bekräftigte. Seine Vision: Irgendwo in Europa bestellt ein Jugendlicher Online einen Sportschuh – und sofort läuft in einer vollautomatisierten Fabrik die Produktion an. Man nennt es Industrie 4.0 – und nicht nur Adidas verspricht sich durch neue Fabrikationsmodelle zugleich auch deutlich höhere Renditen. Rorsted hebt vor allem deshalb seine Prognosen für die nächsten Jahre deutlich an.

In Hochlohnländern wie Deutschland werden wieder Industrien heimisch, die noch vor zehn Jahren als für immer verloren galten. Das betrifft zum Beispiel die Herstellung von Schuhen und Textilien, aber auch von Kunststoffteilen oder Komponenten für den Maschinenbau. In allen Fällen suchen die betreffenden Unternehmen mehr Flexibilität und schnellere Lieferzeiten. Die Digitalisierung der gesamten Lieferkette macht es heute möglich, auf individuelle Kundenwünsche in früher undenkbar kurzen Intervallen zu reagieren. Lange Transportwege passen daher oft nicht mehr in die Zeit. Adidas-Schuhe in Vietnam zu bestellen und erst drei Monate später in die Läden zu bringen, geht nicht mehr. Hinzu kommt: Bei einer automatisierten Fertigung spielen billige Lohnkosten keine große Rolle mehr. Viele asiatische Länder haben so ihre komparativen Kostenvorteile im globalen Wettbewerb verloren.

Kleinere asiatische Länder sind die Verlierer

Immer weniger deutsche Unternehmen glauben an das Konzept verlängerter Werkbänke in Asien oder Osteuropa. Sie produzieren dort nur dann noch im großen Stil, wenn sie dadurch vor Ort auch große Absatzmärkte sichern können. Das beste Beispiel dafür ist die Autobranche, die in China immer größere Kapazitäten aufbaut – aber dort eben auch immer mehr Autos verkauft. Die Verlierer dieser Entwicklung sind kleinere asiatische Länder, die keinen nennenswerten Binnenmarkt zu bieten haben. Sie bemühen sich deshalb verstärkt um einen Abbau der Zollschranken in der Region, um einen einheitlichen Markt nach dem Vorbild der Europäischen Union zu schaffen.

Der Rückzug großer Konzerne aus der Peripherie des Weltmarkts schadet einigen Branchen, die noch vor kurzem als die Gewinner der Globalisierung galten. Das beste Beispiel dafür sind die großen Logistikanbieter. Geld lässt sich in der Branche künftig eher mit dem Aufbau von immer besseren und immer schnelleren Lieferketten in einzelnen großen Märkten verdienen als mit weltumspannenden Netzen über Zehntausende von Kilometern.

Gegenwärtig diskutiert die halbe Welt – Stichwort Brexit oder Donald Trump – über immer neue politische Rückschläge für die Globalisierung. Aber möglicherweise spiegelt der gesellschaftliche Trend zur Rückbesinnung auf nationale Grenzen nur Veränderungen an der ökonomischen Basis wieder. Darüber gibt es bisher so gut wie gar keine Debatte.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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