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  • Ausblick 2016

Der unspektakuläre Aufschwung

, Carsten Klude

Die Schwellenländer bremsen die Weltwirtschaft. Dagegen sind die Aussichten für Deutschland und die USA gut. Von Carsten Klude

Container
Containerschiff: Der Welthandel kommt nicht richtig auf Touren

Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Hamburger Privatbank M.M. Warburg


Auch in diesem Jahr ist es der Weltwirtschaft nicht gelungen, eine stärkere konjunkturelle Dynamik als in den Vorjahren zu entfalten. Wie bereits vor einem Jahr vermutet, beläuft sich das globale Wachstum auch 2015 auf kaum mehr als drei Prozent. Ausschlaggebend hierfür waren einmal mehr die Schwellenländer. Deren Wachstum hat sich in diesem Jahr auf rund vier Prozent verlangsamt im Vergleich zu Wachstumsraten von 7,5 Prozent nach der Finanzkrise. Die konjunkturellen Aussichten für die Schwellenländer hängen im nächsten Jahr zu einem nicht unerheblichen Teil vom weiteren Verlauf der Rohstoffpreise ab. Sie notieren heute auf einem ähnlichen oder sogar noch tieferen Niveau als zum Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise im Herbst 2008.

Diese krisenhafte Entwicklung könnte aber auch der Schlüssel für eine Erholung sein. Unseres Erachtens spricht vieles dafür, dass sich die in diesem Jahr besonders stark gebeutelten Emerging Markets 2016 zumindest etwas besser entwickeln werden. Noch fehlen handfeste Besserungssignale, aber zumindest einige der wichtigen OECD-Frühindikatoren und auch manche der Einkaufsmanagerindizes haben sich zuletzt stabilisiert oder verbessert.

Konsum trägt US-Aufschwung

Im Unterschied zu den Schwellenländern entsprach das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern 2015 weitgehend den Erwartungen. Die USA werden 2015 ein reales Wirtschaftswachstum von rund 2,5 Prozent erreichen. Für 2016 rechnen wir erneut mit einem Wirtschaftswachstum zwischen 2 und 2,5 Prozent. Angesichts vieler Frühindikatoren aus dem verarbeitenden Gewerbe, die auf einem eher niedrigen Niveau liegen, mag dies optimistisch klingen.

Doch wesentlich wichtiger als die Industrie ist für die USA der Konsum; 70 Prozent des US-BIPs entfallen auf den privaten Verbrauch. Da sich die Arbeitsmarktsituation in den vergangenen Monaten weiter verbessert hat, wird der Konsum auch 2016 Motor der US-Wirtschaft bleiben. Auch wenn die Einkommen nicht besonders stark gestiegen sind, ist die volkswirtschaftliche Lohn- und Gehaltssumme aufgrund des Beschäftigungszuwachses heute fast fünf Prozent höher als vor einem Jahr. Auch im siebten Jahr des Aufschwungs ist eine neue Rezession in den USA von daher nicht zu erwarten, sofern schwere exogene Schocks ausbleiben.

Deutsche Konjunktur bleibt stark

Trotz eines zwischenzeitlich beachtlichen konjunkturellen Gegenwindes in Form vielfältiger Unsicherheiten – erneute Euro- beziehungsweise Griechenlandkrise, Schwäche der Schwellenländer, insbesondere Chinas, Volkswagen-Skandal – hat sich die deutsche Wirtschaft 2015 sehr ordentlich entwickelt. Und das dürfte 2016 nicht anders sein. Während die Aufschwünge der letzten Jahre zumeist hauptsächlich oder sogar allein von den Unternehmen getragen wurden, haben jetzt die Privathaushalte das Zepter übernommen. Der Konsum wächst dieses Jahr dank eines boomenden Arbeitsmarktes, ordentlicher Lohnsteigerungen und einer nicht vorhandenen Inflation mit zwei Prozent und damit so stark wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Aber nicht nur der Konsum hat sich besser als gedacht entwickelt, auch die Exporte legten 2015 kräftig zu – und das trotz aller zwischenzeitlichen Diskussionen um die negativen Auswirkungen der Nachfrageschwäche aus den Schwellenländern. Dabei wurde aber oftmals übersehen, dass Länder wie China, Russland oder Brasilien weder die einzigen, noch die wichtigsten deutschen Handelspartner sind.

Unsere positive Einschätzung zu den deutschen Wachstumsperspektiven wird durch die derzeitige Situation bei den Frühindikatoren untermauert. Der Ifo-Geschäftsklimaindex für das verarbeitende Gewerbe hat sich nach einer kleinen Delle in den Sommermonaten zuletzt wieder erholt – auch wenn er im Dezember wieder leicht nachgab. Allerdings lässt sich erkennen, dass die Industrieunternehmen mit mehr Gegenwind zu kämpfen haben, als es noch zu Jahresbeginn der Fall gewesen ist. Das ist hauptsächlich auf das geringere Wachstum in China und den anderen Schwellenländern zurückzuführen. Dagegen ist die Stimmung im Groß- und vor allem im Einzelhandel sowie in der Bauindustrie so gut wie selten zuvor; selbst der Automobilsektor zeigt sich von dem VW-Skandal unberührt. Auch das ist ein Signal, dass das Wachstum des privaten Verbrauchs, aber auch der Bauinvestitionen die Konjunktur maßgeblich tragen werden.

Zudem sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass das Geschäftsklima der gewerblichen Wirtschaft und insbesondere der Industrie zwar im Fokus der Öffentlichkeit stehen, aber die deutsche Wertschöpfung mittlerweile nur noch zu 25 Prozent aus diesem Sektor kommt. 75 Prozent entfallen dagegen auf die Dienstleistungen. Der bislang noch wenig beachtete Ifo-Geschäftsklimaindex für die Dienstleistungsunternehmen befindet sich derzeit auf einem Allzeithoch. Die Botschaft, die mit dieser Entwicklung einhergeht, liegt unseres Erachtens auf der Hand: Für Konjunkturpessimismus in Deutschland gibt es derzeit keinen Grund. Von daher rechnen wir für 2016 mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes von 1,6 Prozent.


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