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Der menschlich mögliche Klimaschutz

, Claudia Kemfert

Der große globale Ansatz beim Klimaschutz ist gescheitert. Gerade deshalb kann der Gipfel in Paris ein Erfolg werden. Von Claudia Kemfert

Als Engel verkleidete Frauen demonstrieren in Paris für den Klimaschutz © Getty Images
Auch die Pariser Klimakonferenz wird von Protesten begleitet

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Foto: DIW/Daniel Morsey


Der Klimagipfel in Paris ist noch gar nicht vorbei, da streiten sich die Experten schon, ob die Ergebnisse ein Erfolg oder Misserfolg sind. Wie so oft wird der Streit umso erbitterter geführt, je theoretischer er daher kommt. Es geht ums Prinzip.

Da stehen auf der einen Seite renommierte Klimawissenschaftler und beklagen das erneute Scheitern eines solchen Gipfels, der noch weniger als Kyoto und Kopenhagen zum effizienten Klimaschutz beitragen werde. Die globale Erwärmung werde sich bis zum Ende des Jahrhunderts nicht unter zwei Grad begrenzen lassen. Schuld sei die Halbherzigkeit aller Beteiligten. Man malt Horrorszenarien an die Wand und ruft nach Lösungen – und zwar sofort und bitte schön global. Alles andere führe in die Apokalypse des Klimawandels, eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes.

Auf der anderen Seite stehen vernehmliche Volkswirte, deren Lösung so einfach daher kommt, dass es geradezu frappierend erscheint, sich ihr zu verweigern: Man brauche nur einen globalen CO2-Handel einzuführen; dann würden sich die volkswirtschaftlich effizientesten Lösungen quasi von allein entwickeln. Denn nur ein globaler CO2 Preis könne verhindern, dass Unternehmen aus Ländern, die aktiven Klimaschutz mit deutlichen Emissionsminderungen betreiben müssen, abwandern in Länder, die das nicht tun.

Unrealistische Positionen

Nebenbei gewännen Entwicklungsländer an Attraktivität, die anders als die Industriestaaten keinen „Treibhausgas-Rucksack“ mit sich herumschleppen. Da die Industriestaaten Emissionsrechte von ihnen erwerben müssten, könnten sie zusätzlich von einem globalen Emissionshandel profitieren. Die Vertreter dieser Position werfen den Gipfel-Teilnehmern „Ignoranz“ und „Dummheit“ vor.

Bei allem Streit und Gezeter übersieht man leicht, dass die beiden Positionen ganz wunderbar zusammenpassen – sie sind theoretisch korrekt und auch moralisch absolut richtig. Nur leider sind sie unrealistisch.

Der Mensch ist nicht so. Nicht theoretisch, nicht korrekt, nicht moralisch und vor allem nicht absolut. Beide Positionen waren schon vor 20 Jahren bekannt. Bereits bei den Klimaverhandlungen in Kyoto 1997 wurden schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel beschworen und beklagt. Und es wurde heftig über die Einführung eines globalen CO2-Handels diskutiert. Doch am Ende wurde die Idee verworfen. Warum? Die Industriestaaten wollten ihr Vermögen nicht einfach so transferieren. Einerseits mangelte es an Vertrauen in die Entwicklungsländer: Die Industrienationen verlangten Kontrollen und Garantien für den Klimaschutz. Andererseits hatten sie handfeste eigene Interessen: Lieber wollten sie in den Klimaschutz im eigenen Land investieren und so nebenbei Wertschöpfung und Arbeitsplätze generieren.

Die Logik dahinter ist einfach: Der Verzicht auf theoretisch volkswirtschaftliche Effizienz ermöglicht wirtschaftliche Chancen. Der Verzicht auf den kürzesten Weg zum Zwei-Grad-Klimaschutzziel bedeutete trotzdem nicht den Verzicht auf Klimaschutzziele überhaupt. Die Energiewende in Deutschland ist das beste Beispiel. Sie ist bei aller Diskussion eine Erfolgsgeschichte. Heute arbeiten schon knapp 400.000 Beschäftigte in diesem Bereich. Die Kosten erneuerbarer Energien haben sich massiv vermindert. Auch so kann Klimaschutz effektiv umgesetzt werden; vor Ort und lokal, mit Akzeptanz der Bevölkerung.

Klimaschutz funktioniert nur „bottom up“

Der wissenschaftliche Top-down-Ansatz der bisherigen Klimagipfel ist gescheitert. Es mag richtig und klug sein, die globale Klimaerwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, die Emissionen aller Nationen zu reduzieren und ein globales CO2-Handelsabkommen mit einem definierten „Emissionsbudget“ abzuschließen, an das sich die Industriestaaten halten müssten. Doch mehr als 20 Jahre mit Predigten aus der theoretischen Wissenschaft haben nichts gebracht. Bei der Wahl zwischen Weltuntergang und Askese entscheidet sich der Mensch für die (kleine) Sünde – und die Politik der kleinen Schritte: Klimaschutz funktioniert nur „bottom up“, weil Klimaschutz vor Ort betrieben wird, weil Klimaschutz von Menschen gelebt werden muss, weil die Politik die Menschen mitnehmen muss und die Wirtschaft leichter auf lokale Rahmenbedingungen reagiert.

Auch der Weltfrieden ist eine prima Idee, hilft aber nicht beim Streit mit dem Nachbarn. Die Welt wird zum Bedauern vieler Weltökonomen nicht von einem globalen Planer gesteuert, der sich über Ländergrenzen hinwegsetzen und mal eben schnell Klimaschutzinstrumente wie CO2-Preise und andere Abgaben einführen kann. Die Fixierung auf ausschließlich „globale Lösungen“ führt am Ende zu gar nichts.  Denn „globale Lösungen“ sind gleichbedeutend mit „keine Lösungen“. Das freut die fossile Wirtschaftswelt, aber nicht das Klima und schon gar nicht die Menschen.

Daher ist der jetzige Ansatz in Paris richtig: Man sammelt die einzelnen Ländervorschläge ein, verhandelt über möglicherweise ambitioniertere Vorhaben und gießt diese dann in ein klar definiertes Abkommen. Jedes Land muss diese vorgeschlagenen Ziele verbindlich umsetzen. Lose Absichtserklärungen gelten nicht. Man verabschiedet sich von der großen Lösung der globalen Klimasteuerung und wendet sich dem menschlich Möglichem im Kleinen zu. Genau deswegen hat der Klimagipfel 2015 beste Aussichten auf Erfolg.


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