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Der grosse Verlierer Gazprom

, Bernd Ziesemer

Der russische Erdgasriese rutscht immer tiefer in die Krise. Die deutsche Wirtschaft aber will die Probleme nicht sehen. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Als ich 1992 zum ersten Mal die großen Erdgasfelder im hohen Norden Russlands besuchte, stand die Förderung kurz vor dem Zusammenbruch. Der Staatskonzern Gazprom konnte nicht einmal mehr genug Lebensmittel für die Arbeiter in die eisige Kälte schaffen, geschweige denn die notwendigen Ersatzteile für die Anlagen. Zehn Jahre später konnte man bei einem Besuch in der Moskauer Gazprom-Zentrale die selbstbewusstesten Manager der Welt treffen, die mit Milliarden Dollar hantierten wie Kinder mit ihrem Taschengeld. 2007 stieg der Börsenwert des halb privatisierten Unternehmens auf phantastische 290 Mrd. Dollar.

Doch seitdem geht es mit Gazprom kontinuierlich bergab. Allein in den letzten fünf Jahren haben die Aktien zwei Drittel ihres Werts verloren. Der Energieriese mit seinen gewaltigen Erdgasreserven rangiert weit hinter allen großen Wettbewerben in der Welt. Und das Schlimmste kommt noch: Im nächsten Jahr schlägt der niedrige Ölpreis, der mit einiger Verzögerung immer noch die Erdgas-Notierungen bestimmt, erst richtig auf Gazprom durch.

Auch sonst steht es schlimm um den Konzern. Gazprom ist der vielleicht größte wirtschaftliche Verlierer der irrwitzigen Machtpolitik, die Wladimir Putin im Kreml betreibt. Der Konzern operiert praktisch als verlängerter Arm der russischen Außenpolitik oft gegen jede wirtschaftliche Vernunft. In der Ukraine, dem wichtigsten Transitland für russisches Erdgas, musste Gazprom im Gefolge der Krim-Krise und der militärischen Auseinandersetzung im Donezk-Gebiet auf volle Konfrontation umschalten. Die Pläne einer Gaspipeline nach Südeuropa – das sogenannte Southstream-Projekt – scheiterte am Widerstand der Europäischen Union. Die Idee eines Erdgashubs in der Türkei geht gerade den Bach hinunter, weil Putin nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets nichts mehr von wirtschaftlicher Kooperation mit der Regierung Erdogan wissen will.

Gazprom wankt gefährlich

Die letzte schlechte Nachricht für Gazprom stammt von diesem Freitag: Polen und sechs weitere EU-Staaten wollen den Bau einer zweiten Gaspipeline nach Deutschland verhindern. Das sogenannte Northstream-II-Projekt sollte endlich wieder neuen Schub für Gazprom bringen. Nun droht das Aus. Denn den Gegnern – vor allem in Osteuropa – geht es um ganz grundsätzliche Fragen: Europa dürfe sich angesichts der unberechenbaren Großmachtpolitik Putins nicht noch weiter abhängig machen von russischem Erdgas.

Gazprom muss mit einem ganzen Bündel von negativen Faktoren kämpfen: Die Exporte stagnieren, weil die neuen Pipeline-Projekte nicht in Gang kommen. Die Finanzierung neuer Vorhaben fällt immer schwerer, weil die russischen Banken im Gefolge westlicher Sanktionen kurz vor der Pleite stehen und ausländische Institute aus dem gleichen Grund keine Kredite mehr geben wollen. Gleichzeitig sinkt auch der Absatz in Russland selbst, weil die Wirtschaft insgesamt immer mehr in die Krise rutscht.

Natürlich ist 2015 nicht 1992. Aber man kann kaum noch leugnen, dass der Gigant gefährlich wankt. Die deutsche Wirtschaft insgesamt und vor allem die Konzerne, die seit vielen Jahrzehnten eng mit Gazprom verbandelt, wollen das jedoch immer noch nicht wahrnehmen. Sie loben ihre „verlässlichen Partner“ und schwärmen von der „Liefertreue“, als ob in den letzten Jahren in Russlands nichts passiert wäre. Im Russland Putins, dessen Politik eine einzige Folge immer neuer erratischer Manöver ist, kann es jedoch keinen verlässlichen wirtschaftlichen Partner mehr geben.


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