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Karriere - Der Ausstieg beginnt im Kopf

, Carsten Alex

Es ist nie zu spät für einen beruflichen Neuanfang. Wie der Schritt aus der Jobroutine gelingen kann. Von Carsten Alex

Carsten Alex
Carsten Alex ist Coach und Buchautor in Berlin. Nach seinem Ausstieg bei Daimler hat er sich mit der Beratungsfirma „Menschen, mit Wirkung“ selbstständig gemacht

Immer mehr Menschen fragen sich nach dem Sinn ihrer Arbeit. Sie stellen sich die Frage, ob dies bereits alles war, was einem das Berufsleben zu geben vermag. Sicher, das ist ein Luxusproblem der heutigen Zeit, und es ist auch nicht auf alle Arbeitnehmer übertragbar. Und dennoch kommt fast jeder in seinem Berufsleben einmal an den Punkt, an dem er sich mit dieser Frage beschäftigt. Bei manchen ist das früher der Fall, bei anderen später.

Häufig enden diese inneren Dialoge, die das Für und Wider einer beruflichen Veränderung abwägen, bereits vor der ersten Hürde. Es braucht nicht allzu viel Vorstellungsvermögen, dass es sich dabei um das Thema Finanzen handelt. 

Allein der Gedanke, heute nicht genau zu wissen, was wir an Altersrente zu erwarten haben, löst ein kollektives Unbehagen in weiten Teilen der Gesellschaft aus. Da überrascht es nicht, dass bei vielen vermeintlich unzufriedenen Arbeitnehmern plötzlich alles in neuem Lichte erscheint, sobald sie ernsthaft über einen Um- oder Ausstieg im Job nachdenken. „Nein, so schlimm ist es dann doch wieder nicht. Und überhaupt sollte man dankbar sein, Arbeit zu haben“, sagen sie sich dann.

Zufrieden, latent unzufrieden, unzufrieden

Capital 08/2014
"Wie lange will ich arbeiten" - Titelthema der neuen Capital

So gehen die inneren Dialoge dann in die zweite Runde – und enden häufig in einer Sackgasse. Zweck-Opportunismus stellt sich ein. Und die Freiheit der Gedanken an eine bessere berufliche Zukunft bleibt eine Illusion, die – wenn überhaupt – nur für Andere möglich ist. Die Rückkehr in den bewährten Modus der Berufsalltagsroutine ist die logische und notwendige Konsequenz.

Stark vereinfacht lassen sich mit Blick auf die Arbeitszufriedenheit drei Kategorien von Arbeitnehmern unterscheiden. Typ A sind Menschen, die mit ihrem Berufsleben zufrieden sind und sich erfüllt fühlen. Sie sind beim für sie richtigen Arbeitgeber, in der richtigen Aufgabe oder haben ihre berufliche Erfüllung – man kann auch sagen: ihr Glück – in einer selbstständigen Tätigkeit gefunden. Wer als Berater und Trainer in vielen Unternehmen unterwegs ist, der erlebt, dass dieser Typ Arbeitnehmer immer seltener wird.

Menschen vom Typ B begleitet im Joballtag eine latente Unzufriedenheit, die sie aber geschickt ausblenden. Es gibt noch genügend kleine Lichtblicke, die den „Schmerz“ erträglich machen. Noch.

Typ C steht für Menschen, die sich in ihrer beruflichen Unzufriedenheit eingerichtet haben. In den meisten aller Fälle besteht dieser Zustand bereits seit Jahren. Konstruktiv-kritische Fragen an den Status quo und danach, was bestimmte Entwicklungen im Job mittel- und langfristig für sie selbst bedeuten, stellen sie sich nicht mehr. Auch die Frage nach möglichen beruflichen Alternativen ist tabu.

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Das Berufsleben aussitzen

Die Folgen dieses Verhaltens führen bei vielen Menschen zu Veränderungen, die Dritten nicht verborgen bleiben. Die Lebensfreude sinkt seit Jahren. Die Motivation, jeden Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, war auch schon mal besser. Einzig das Projekt „Renteneintritt“ gibt noch Zuversicht und Hoffnung – nach dem Motto: Die paar Jahre schaffe ich auch noch.

Menschen dieses Typus haben für gewöhnlich bereits die zweite Hälfte ihrer Lebens­zeit erreicht. Sie sind zwischen 40 und 45 Jahre alt und wollen im Prinzip das Spiel – die verbleibenden Berufsjahre – nur noch über die Restlaufzeit bringen. Diese Menschen übersehen grob fahrlässig, dass dieses Spiel – das Leben – für gewöhnlich in der zweiten Spielhälfte interessanter wird. Dieser Typ verschwendet wertvolle Lebensjahre damit, sein Berufsleben auszusitzen und auf den Renteneintritt zu warten – in der häufig irrigen Hoffnung, dass das Spiel dann neu beginnt.

Was fehlt den B- und C-Typen, um ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen? Das Gefühl, plötzlich die berufliche Zukunft selbst zu beeinflussen, versetzt viele in helle Aufregung – selbst wenn es im ersten Schritt lediglich um ein Gedankenspiel geht. Wer diesen Prozess selbst mit- und durchgemacht hat, weiß, was gemeint ist: Sich dem Leben zu stellen und Antworten auf Fragen zu geben, die man bisher lieber anderen als sich selbst gestellt hat, ist die eigentliche Herausforderung.

B- und C-Typen orientieren sich eher an vermeintlichen Risiken als an potenziellen Chancen. Sie sehen das Glas häufiger halb leer als halb voll. Sie halten lange, sehr lange am Bestehenden fest und begeben sich ohne echte existenzielle Not nicht auf unbekanntes Terrain. Bewegung kommt meist erst durch äußere, oft tragische Einflüsse zustande wie beispielsweise eine Scheidung, den Tod eines Nahestehenden oder eine schwere Erkrankung. Für Menschen, die selbst dann noch zögern, lautet die Jokerfrage: Was muss (noch) passieren, dass du endlich Verantwortung für dein Berufsleben übernimmst und nicht weiterhin die Ursachen deiner beruflichen Unzufriedenheit an Dritte delegierst?

Träumen im Vorwärtsgang

Für den ersten Schritt heraus aus der Jobroutine ist es entscheidend, Ideen und Wünsche konkret zu machen. Es hilft, einfach mal „Kleiner Muck“ zu spielen und sich seinen ganz persönlichen Traumjob zu kreieren. Als Grundlage dient all das, was bisher beklagt und kritisiert wurde, zum Beispiel die fehlenden Freiräume oder die unflexiblen Arbeitszeiten. Mit Hilfe dieses einfachen Perspektivenwechsels lässt sich ein mit viel positiver Energie besetztes Lastenheft für die ideale neue berufliche Aufgabe entwickeln.

Diese Übung ist auch eine gute Gelegenheit, die Ernsthaftigkeit des Anliegens zu überprüfen. Ist da wirklich genug Energie drin? Gibt es einen echten Wunsch nach beruflicher Veränderung? Oder wird doch lieber das Credo des „beruflich notorisch Unzufriedenen“ gepflegt, dem alle Türen offen ständen, wenn man ihn doch nur ließe?

Wichtig beim Träumen ist allerdings, dass dies im Vorwärtsgang geschieht, nicht mit dem Blick zurück. Was wünsche ich mir – nein, viel besser, was erwarte ich noch – von meinem Berufsleben? Es empfiehlt sich dabei, etwas aus dem gewohnten Umfeld herauszutreten. Nach allen Erfahrungen finden Menschen den entscheidenden Impuls in Begegnungen und Gesprächen mit Menschen, die sich bereits getraut haben und den Berufswechsel oder einen frühen Ausstieg aus dem Job geschafft haben.

Manchmal braucht es eine dritte Person, die mit etwas Nachdruck hilft, über die erste Hürde zu kommen und die Grundlage für eine bessere berufliche Zukunft und mehr Zufriedenheit, Erfüllung und Befriedigung im Berufsleben zu schaffen. Es wird in den seltensten Fällen von alleine besser. Es wird niemand kommen und uns an die Hand nehmen, und auch unsere Lebensarbeitszeit wird eher zu- als abnehmen. Umso mehr lohnt es sich auch noch im fortgeschrittenen Alter, einen Neuanfang zu wagen.

Menschen, die mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden sind, sollten jetzt anpacken und die Aufgabe annehmen. Je länger man wartet, desto unbeweglicher wird man. Es ist an der Zeit, „Eigenverantwortung“ für das eigene Berufsleben zu übernehmen und aus der gefühlten Ohnmacht herauszutreten. Die Bedeutung von Geld und die Frage, ob man sich eine Veränderung leisten kann, werden dabei völlig überbewertet. Der erste Schritt zu mehr Berufszufriedenheit beginnt im Kopf.

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