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Crowdinvesting vor Bewährungsprobe

, Dirk Elsner

Ein Abgesang auf das Crowdinvesting kommt zu früh. Aber an einer Professionalisierung führt kein Weg vorbei. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


Crowdfunding hat als neue Form der Finanzierung in den letzten Jahren immer mehr Anhänger gewonnen. Über eine Internetplattform beschaffen sich Kapital suchende Personen für ihre Projekte oder Unternehmen finanzielle Ressourcen von vielen Menschen, die kleinere Geldbeträge anlegen wollen. Banken sind bei den verschiedenen Formen des Crowdfunding eigentlich nur nötig, um die Finanzmittel über Konten zu übertragen. Unter den verschiedensten Varianten des Crowdfundings (siehe diesen Blogeintrag zur Abgrenzung) gibt es auch eine Form, bei denen die Kapitalgeber Eigenkapital oder eigenkapitalnahe Mittel zur Verfügung stellen. Mittlerweile haben sich dafür die Bezeichnungen equity-based Funding oder kürzer Crowdinvesting durchgesetzt.

Das Crowdinvesting zur Finanzierung von Start-ups, aber auch anderer Unternehmen,  entwickelt sich in Deutschland weiter. Ich habe zwar noch keine Gesamtzahlen für 2014 gesehen. Die hohen Wachstumsraten auf Basis von Zwischenberichten (wie etwa hier von Für-Gründer.de) zeigen weiter deutlich nach oben. Trotz einer gefühlt hohen Medienpopularität bewegt sich das Volumen dieser Finanzierungsform aber weiterhin im Nanobereich, gemessen an den gesamten Fremd- und Eigenmitteln, die Unternehmen zur Finanzierung einsetzen.

Das Handelsblatt fragte Mitte Januar, ob dem Crowdinvesting die Puste ausgehe. Das Blatt verglich dabei die deutlich höheren Wachstumsraten in Großbritannien mit der im Vergleich dazu moderaten Entwicklung in Deutschland und machte eine Wachstumsdelle im Laufe des letzten Jahres aus. Fast könnte man meinen, die Wirtschaftszeitung leitet hier schon den Abgesang auf die noch junge Finanzierungsform ein. Das wäre aus meiner Sicht verfrüht, vor allem weil die Wachstumsraten schon immer stark schwankten, wie eine Studie der Universität Oldenburg zeigt.

schmerzhafte Erfahrungen mit Pleiten

Allerdings höre ich aus Gesprächen heraus, dass die Anfangseuphorie bei den Plattformen, Investoren und Unternehmen etwas gewichen ist. Eine Ursache für den Stimmungsrealismus könnte darin liegen, dass mittlerweile die Crowd schmerzhafte Erfahrungen mit Pleiten gesammelt hat, die bei Hochrisikoinvestitionen freilich genauso wenig überraschend sind, wie der jährliche Wintereinbruch.

Es ist keine besondere Sensation, wenn beim Crowdinvesting einmal etwas schief geht. Eigenkapital bzw. eigenkapitalnahe Mittel weisen für Anleger ein sehr hohes Risikoprofil auf, insbesondere wenn die Mittel in Start-ups fließen. Den Kapitalgebern ist das in der Regel bewusst. Sie hoffen, dass bei mehreren Beteiligungen mindestens ein Volltreffer dabei ist, der die Verluste aus den anderen Investments mehr als ausgleicht. Profiinvestoren, wie Peter Thiel, wissen: „Die meisten risikofinanzierten Unternehmen gehen nicht an die Börse und werden nicht aufgekauft – sie gehen pleite.“

Alexander Hüsing hat Ende des Jahres für die Webseite „Deutsche Startups” eine Übersicht mit den größten deutschen Crowd-Pleiten zusammengestellt. Mich überrascht dabei nicht die Tatsache, dass es hier Pleiten gibt. Mich hatte vor zwei Jahren eher gewundert, dass es bis dahin noch keine nennenswerte Pleite gegeben hatte.

Einige der Pleiten sorgen mittlerweile im Netz dennoch für erhebliche Diskussionen. Darunter fiel besonders ein Funding auf, das über den deutschen Pionier Seedmatch abgewickelt wurde: Vibewrite, ein Start-up aus München, das einen digitalen Lernstift entwickeln wollte, kam bereits wenige Wochen nach dem  erfolgreichen Abschluss über Seedmatch in finanzielle Schwierigkeiten. Bis Ende September hatte das Unternehmen laut der Projektseite bei Seedmatch 560.250 Euro eingesammelt. Bereits Anfang Oktober soll aber laut Presseinformation des Insolvenzverwalters die DAK-Gesundheit einen Insolvenzantrag wegen unbeglichener Sozialversicherungsbeiträge gestellt haben.

[Seitenwechsel]

Intransparenz und unklare PR-Rhetorik

Wer schon einmal in einem oder für ein zahlungsschwaches Unternehmen gearbeitet hat, der weiß, dass Sozialversicherungsträger nicht bei der ersten Zahlungsverzögerung sofort zum Insolvenzgericht rennen. Normalerweise gibt es hier stets Spielraum, über den man sprechen kann. Hier könnte also vermutet werden, dass bereits während der Fundingphase hinter den Kulissen mächtig um fällige Verbindlichkeiten von Vibewrite gerungen wurde.

Erstaunlich, dass in zwei Updateberichten von den Problemen mit den Sozialversicherungsbeiträgen am 7.11.2014 und selbst am 12.12.2014 nichts zu lesen war. Man erfuhr lediglich, dass sich die Marktreife für das Produkt um mindestens neun Monate verzögern werde und die Suche nach weiteren Investoren zunächst erfolglos gewesen sei. Erst drei Tage später las man von den eigentlichen Problemen. Mit dieser kommunikativen “Glanzleistung” hat nun auch die digitale Wirtschaft ein Beispiel für Intransparenz und unklare PR-Rhetorik hingelegt, für die sonst stets die Banken gescholten wurden.

Nun muss man fair sein. Ein Start-up zum Laufen zu bringen und liquide zu halten, ist insbesondere in Deutschland echte Knochenarbeit. Ich verneige mich vor jedem Gründer, der diesen beinharten und oft nicht von (finanziellem) Erfolg gekrönten Weg geht. Dies vorangestellt erzeugt dieser Fall dennoch einen negativen Beigeschmack, weil möglicherweise in der Fundingphase wichtige Informationen den Interessenten nicht zur Verfügung gestellt wurden.

Die Bewährungsprobe ist da

Der Fall Vibewrite könnte Wasser auf die Mühlen der Gegner dieser neuen Finanzierungsform sein. Für mich ist er freilich eher ein Meilenstein, der die Professionalisierung fördern kann. Ich hatte bereits vor zwei Jahren kritisiert, dass viele Präsentationen die Chancen neuer Geschäftsmodelle überbetonen, die Risiken dagegen meist nur am Rande, im Disclaimer oder im Kleingedruckten erwähnen. Den Investoren vorgelegte Planungen gleichen dabei eher den Wünschen der Gründer und kratzen oft nur die Oberfläche. Ich schrieb außerdem:

“Die erste Bewährungsprobe wird kommen, wenn erste Investments über die Crowd ausfallen und sich herausstellt, dass dabei schlecht, zu wenig oder im schlimmsten Fall sogar falsch informiert wurde.”

Genau diese Bewährungsprobe ist nun da. In der Szene wird nun intensiv darüber diskutiert, wie man auf solche Fälle reagieren sollte. Dazu gehört auch die Verantwortung der Plattformen selbst. Nun hat hier Seedmatch eine juristische Konstruktion gewählt, mit der das finanzierende Unternehmen nicht die Pflicht hat, einen sonst ab 100.000 Euro für öffentliche Finanzierungen erforderlichen Verkaufsprospekt zu erstellen (siehe diesen Text der BaFin zur Prospektpflicht beim Crowdfunding). Kein Prospekt für die Anleger heißt aber auch, deutlich weniger Informationen (was dagegen die Finanzaufsicht erwartet, kann man in dieser “Überkreuz-Checkliste für Vermögensanlagen-Verkaufsprospekte” nachlesen).

Leider unterstreicht dieser Fall, dass wir viele der unhandlichen und gründungsfeindlichen Gesetze in Deutschland immer wieder solchen Fällen zu verdanken haben. Im letzten Sommer lief die Crowfundingszene zu Recht Sturm gegen den Entwurf für ein “Kleinanlegerschutzgesetz”. Zwar will das Gesetz die Grenze für die Prospekte deutlich anheben, aber insgesamt sehen die Vertreter in der Fülle neuer und zum Teil sehr unpraktikabler Vorschriften eher eine Gefährdung der noch jungen Branche (ausführliche Stellungnahme des Branchenverbands "German Crowdfunding Network" unter diesem PDF-Link).

Der bürokratische Aufwand, der etwa hinter der Prospektpflicht und vielen anderen Regelungen steckt, ist hoch. Dabei decken etwa die nach der oben verlinkten Checkliste geforderten Informationen nicht einmal das ab, was sonst professionelle Investoren in einer Due Diligence erwarten. Dennoch, bei vielen Crowdinvesting-Angeboten besteht Nachholbedarf bei der Professionalisierung und Standardisierung der bereitgestellten Informationen. Wenn die Plattformen die eingangs erwähnte Wachstumsdelle ausbügeln wollen, müssen sie hier mehr Qualität von den Unternehmen einfordern und die eigene Qualitätssicherung verbessern. Die Crowd kann bei entsprechenden Anreizen hier sicher hilfreich sein, genauso wie Leadinvestoren, die einen verbesserten Zugang zu Informationen bekommen.

Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, dass Qualität dabei nicht heißt, dass Investments ohne Risiko sein müssen. Qualität heißt aber, dass Investoren die Risiken auf Basis der bereit gestellten Informationen möglichst klar selbst einschätzen können. Ein Hinweis im Kleingedruckten auf einen möglichen Totalverlust, mag zwar rechtlich angemessen sein, ökonomisch ernst genommen wird man so freilich von Investmentprofis nicht.

Weitere Kolumnen von Dirk Elsner, die er für die inzwischen eingestellte deutsche Ausgabe des „Wall Street Journal“ geschrieben hat, finden Sie auf seiner Übersichtsseite 


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