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Commerzbank-Chefs verzweifelt gesucht

, Bernd Ziesemer

Deutschlands zweitgrößtes Kreditinstitut braucht schnellstens neue Leute an der Vorstands- und Aufsichtsratsspitze. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Große Konzerne tauschen nur sehr selten ihre Vorstands- und Aufsichtsratschefs gleichzeitig aus. Bei der Commerzbank zeichnet sich solch ein Doppelwechsel jedoch ab: Der Vorstandsvorsitzende Martin Blessing geht offiziell im Oktober, der Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller spätestens Anfang 2018 (wahrscheinlich aber früher). Für beide stehen noch keine Nachfolger fest. Das Paradoxe bei der Suche: Es ist leichter, einen Nachfolger für Blessing zu finden als für Müller.

Im jetzigen Commerzbank-Vorstand gibt es mindestens zwei Kandidaten für den Chefposten – und auch außerhalb des Kreditinstituts genügend Bewerber. Im Aufsichtsrat zeigt jedoch niemand größere Ambitionen, den Posten von Müller zu übernehmen. Und externe Kandidaten gibt es kaum. Die Anforderungen an den Vorsitzenden eines Bankaufsichtsrats sind hoch – viel höher als in der Industrie. In normalen Konzernen reicht es aus, wenn Bewerber die Anforderungen des Aktiengesetzes und die deutschen Corporate-Governance-Regeln erfüllen.

In den Banken gelten jedoch zusätzlich die viel strengeren Anforderungen des Gesetzes über das Kreditwesen (KWG). Danach prüft die Bundesanstalt für die Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) jeden einzelnen Kandidaten für einen Aufsichtsrat auf ausreichende Sachkunde. Außerdem darf ein Bankaufsichtsrat nur maximal vier Kontrollmandate halten.Und die Aufseher sollen sich „umfänglich“ um die Strategien, die Risiken und die Vergütungen in ihren Banken kümmern. Der Aufsichtsratschef eines Kreditinstituts übernimmt damit selbst ein hohes persönliches Risiko – und eigentlich einen Vollzeitjob, der aber in der Regel nicht wie ein Vollzeitjob bezahlt wird.

Schwierige Suche nach Müller-Nachfolger

Wie hoch die Risiken sind, zeigt sich in diesen Wochen gerade bei der Deutschen Bank. Dort prüft der Vorstand eine mögliche Verfehlung von Aufsichtsratschef Paul Achleitner beim Umgang mit den Aufsichtsbehörden. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, müsste der Vorstand schlimmstenfalls auf Schadenersatz gegen Achleitner klagen, um sich nicht selbst haftbar zu machen. Das KWG macht den Aufsichtsratschef einer Bank ausdrücklich mitverantwortlich für die Einhaltung aller regulatorischen Anforderungen – ein erschreckend weitläufiges Feld von Fallstricken. Im Fall der Commerzbank regiert außerdem auch noch die Bundesregierung als Großaktionär mit – eine weitere große Herausforderung für den Aufsichtsrat.

Einen geeigneten Nachfolger für Müller zu finden, wird so zu einem komplizierten Puzzle-Spiel. Als früherer Vorstandschef und jahrzehntelanger Commerzbanker kennt der 71jährige sein Haus in- und auswendig. Aus dem Stand könnte daher nur ein einziger Kandidat bruchlos seine Nachfolge antreten: Blessing. Doch das verbiet der Corporate-Governance-Kodex, der eine zweijährige Abkühlungsphase fordert. Außerdem signalisiert der amtierende Vorstandschef keinerlei Neigung, seiner unglücklichen Zeit bei der Commerzbank ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Zwar legte das Kreditinstitut zuletzt relativ gute Gewinnzahlen vor – aber über den Berg ist es noch keineswegs. Wer immer also künftig den Aufsichtsrat führen sollte – er muss mit weiteren Krisen und Herausforderungen aller Art rechnen.

Sollte Müller also einfach länger weitermachen? Auch das verbietet sich. Der amtierende Aufsichtsratschef ist einer der Hauptverantwortlichen für die miserable Lage, in die das Institut geraten ist. Viele fordern schon lange seinen Abgang. Im Zweifel sollte die Bank lieber mit einem alten Tabu brechen – und einen ausländischen Banker zum Chef des Aufsichtsrats machen. In anderen Ländern gibt es geeignetere Kandidaten als bei uns.


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