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Chemie ohne Mut

, Bernd Ziesemer

Evonik, Lanxess, Covestro – und selbst BASF: Deutschlands Chemiekonzernen fehlt eine überzeugende Perspektive. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die drei deutschen Chemiekonzerne Evonik, Lanxess und die Bayer-Tochter Covestro bringen es gemeinsam auf 33 Mrd. Euro Umsatz. Das reicht gerade einmal für Platz acht oder neun in der Rangliste der größten Produzenten auf der Welt. Einzeln kommen die deutschen Unternehmen allesamt nicht unter die ersten 20. Schlimmer noch: Allen drei Konzernen fehlt eine nachhaltige Wachstumsperspektive.

Evonik rechnet 2016 sogar mit einem Rückgang bei Umsatz und Gewinn. Lanxess gliedert gegenwärtig das Kautschukgeschäft aus, das bisher 40 Prozent der Erlöse brachte. In spätestens fünf Jahren geht die unternehmerische Führung dieses Bereichs an den Joint-Venture-Partner Aramco aus Saudi-Arabien über. Und die Zukunft von Covestro bleibt ebenfalls unsicher, auch wenn das Unternehmen gegenwärtig noch Zuwächse prophezeit.

Selbst die Nummer Eins schrumpft statt zu wachsen: Jahrzehntelang konnte die BASF AG stolz den Titel des größten Chemiekonzerns auf der Welt tragen. Mit der geplanten Fusion der beiden amerikanischen Konkurrenten Dow und Dupont rutscht das deutsche Traditionsunternehmen auf Platz zwei – es sei denn, der Konzern steigt doch noch in einen Bieterkampf bei Dupont ein. Sinnvoll wäre es: Und auch in absoluten Zahlen verliert BASF gegenwärtig an Größe und Rendite.

Wo bleibt der unternehmerische Mut?

Immer noch verdienen die deutschen Chemiekonzerne unter dem Strich gutes Geld. 2015 war für einige von ihnen sogar ein besonders gutes Jahr. Alle sind jedoch zu klein, um international eine große Rolle zu spielen – mit Ausnahme von BASF. Ihre Konkurrenten aus den USA, China und Saudi-Arabien wachsen gleichzeitig in immer größere Dimensionen hinein.

Langfristig bleibt den Deutschen nur eine Alternative: Entweder müssen sie sich untereinander zusammenschließen – oder durch Übernahmen im Ausland die kritische Masse ansammeln, die sie im globalen Wettbewerb brauchen. In der Vergangenheit sind viele tastende Versuche gescheitert, beispielsweise Lanxess und Evonik zusammenzubringen. Eine Wiedervorlage früherer Pläne erscheint mehr als zweifelhaft, auch wenn man es nicht völlig ausschließen kann. Bleiben also nur Übernahmen von ausländischen Konkurrenten – oder auch Fusionen mit ihnen. An Geld für den Kauf anderer Konzerne fehlt es den meisten deutschen Chemieunternehmen nicht. Einige Kriegskassen sind sogar prall gefüllt.

Es mangelt in der deutschen Chemie momentan an anderem: an dem notwendigen unternehmerischen Mut. Natürlich gibt es viele Argumente gegen Fusionen und vor allem Übernahmen, die man nicht einfach vom Tisch wischen kann. So liegt die Bewertung möglicher Übernahmekandidaten sehr hoch, jeder Kauf könnte sehr teuer werden. Deshalb rechnen sich viele mögliche Deals nicht einfach von selbst und schon gar nicht auf kurze Sicht. Aber gerade deshalb kommt es ja auf unternehmerische Initiative an: auf das Vertrauen und die Fähigkeit, aus eins und eins nicht einfach zwei zu machen, sondern mehr. Ein Mann wie der frühere BASF-Chef Jürgen Hambrecht, der jetzt den Aufsichtsrat in Ludwigshafen führt, glaubte in seiner Vorstandszeit an den großen Wurf. Ob das auch für seinen Nachfolger gilt, entscheidet sich in den nächsten Wochen in Amerika.


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