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Bundesliga–Finale gegen die Langeweile

, Jörn Quitzau

Zurück zu den Wurzeln: Ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft könnte die Bundesliga wieder spannend machen. Von Jörn Quitzau

Bundesliga © Getty Images
Noch sind die Bundesliga-Stadien voll, aber wie lange geht das noch gut angesichts der Bayern-Dominanz

Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.deJörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de


Der amerikanische Ökonom Walter C. Neale schrieb im Jahr 1964 einen Aufsatz, der bis heute zu den Klassikern der sportökonomischen Literatur zählt. In seinem Beitrag „The peculiar economics of professional sports“ legte er dar, dass sportliche Ausgeglichenheit für den kommerziellen Erfolg eminent wichtig ist. Neale beschrieb am Beispiel des Profiboxens das sogenannte Louis-Schmeling-Paradoxon: Ohne ebenbürtigen Gegner kann ein Boxer zwar leicht Weltmeister werden, aber leider kein Geld verdienen. Fehlt die Spannung, bleibt das Publikum weg.

Die laufende Meisterschaftsrunde der Fußball-Bundesliga gilt praktisch seit dem 4. Oktober letzten Jahres als entschieden. An jenem 8. Spieltag deklassierte der Tabellenführer und amtierende Meister Bayern München den Zweitplatzierten Borussia Dortmund mit 5:1 und baute seinen Vorsprung auf 7 Punkte und 13 Tore aus. Angesichts der überwältigenden Dominanz der Bayern in den Vorjahren rechnet niemand ernsthaft damit, dass das Meisterschaftsrennen in dieser Saison noch einmal spannend wird. Gemäß Louis-Schmeling-Paradoxon müsste das Interesse an der Bundesliga also längst eingebrochen sein.

Dass es bisher soweit noch nicht gekommen ist, liegt erstens an der Attraktivität von Duellen der Kategorie „David gegen Goliath“. Natürlich hoffen die Zuschauer Woche für Woche, dass der große FC Bayern einmal ausrutscht. Und bei diesem Ausrutscher möchte jeder gern live dabei sein. Zweitens freut sich (neben den Bayern-Fans) zumindest der neutrale Zuschauer über den attraktiven Fußball, den der FC Bayern in den letzten Jahren spielt – es geht wohl auch ein bisschen um so etwas wie Fußball-Ästhetik, die manchen über den Verlust der Spannung hinwegtröstet. Und drittens gilt das Louis-Schmeling-Paradoxon wohl eher in der langen Frist. Erst wenn sich die Spannungsarmut verfestigt hat, fangen die Fans an, sich abzuwenden. Was kann die Liga tun, damit es nicht so weit kommt?

Von US-Profiligen lernen

Die amerikanischen Profisportligen haben hier einige Antworten zu bieten. Offenbar haben sich die Amerikaner die Mahnungen des Walter C. Neale sehr zu Herzen genommen und mehrere Instrumente zur Aufrechterhaltung der sportlichen Ausgeglichenheit etabliert: Zum Beispiel werden Einnahmen zwischen den Teams umverteilt, bestimmte Gehaltsobergrenzen dürfen nicht überschritten werden und da es keinen Auf- und Abstieg gibt, können kleine, wirtschaftlich schwache Teams gar nicht erst in die Liga gelangen.

Tatsächlich gibt es in den USA kein Abonnement auf die Meisterschaft, so wie es in der Bundesliga derzeit der Fall zu sein scheint. In den vergangenen 25 Jahren war die Anzahl unterschiedlicher Meister in allen vier großen US-Sportligen (NFL, NBA, NHL und MLB) deutlich höher als in der Bundesliga.

Der wichtigste Grund dafür dürfte sein, dass nach dem Ende der regulären Saison der Meister in einer Playoff-Runde ermittelt wird. Hier werden die Karten neu gemischt. Warum soll das kein Modell für die Bundesliga sein? Der 10-Punkte-Vorsprung des FC Bayern München auf den Vizemeister Wolfsburg nach dem 34. Spieltag der vergangenen Saison würde auf Null gestellt. Warum treten nicht die vier Erstplatzierten der Abschlusstabelle in zwei Halbfinals (jeweils mit Hin- und Rückspiel) gegeneinander an und ermitteln den Meister in einem Finale?

auch wirtschaftlich sehr reizvoll

Letzte Saison hätten die Halbfinals Bayern München gegen Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg gegen Borussia Mönchengladbach gelautet. Und wenn der FC Bayern letztlich auch das Finale gewonnen hätte und auf diese Weise Deutscher Meister geworden wäre, so wäre es zum Saisonende doch noch einmal richtig spannend gewesen. Denn die Unwägbarkeiten im Fußball sorgen dafür, dass in einem oder zwei Spielen jede Mannschaft schlagbar ist. Den zeitlichen Korridor schafft man durch eine kürzere Winterpause, einen strafferen Terminplan oder eine um zwei Klubs verkleinerte Liga.

Eine solche Endspiel-Variante ist nicht nur sportlich hochinteressant, sondern auch wirtschaftlich sehr reizvoll. Damit würden gleichermaßen die Interessen der Klubs und der Fans berücksichtigt. Alle anderen Ideen (zum Beispiel die geschlossene Europaliga), die immer mal wieder durch die Fußball-Landschaft geistern, sind zum Scheitern verurteilt. Sie passen nicht zu den gewachsenen Strukturen im europäischen Fußball. Und das Beste zum Schluss: Nicht einmal Fußball-Traditionalisten dürften Einwände gegen diese Reform haben, denn bis zur Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 wurde doch der Deutsche Meister traditionell in einem Finale ermittelt.


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