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Börsencrash in China: Rolle rückwärts

, Horst Löchel

Der Eingriff der chinesischen Behörden in den Aktienmarkt hat geradezu groteske Züge angenommen, sagt Horst Löchel

Smog © Getty Images
Die Börse in Shanghai

Prof. Dr. Horst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und MBA Direktor an der Frankfurt School of Finance & ManagementHorst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance & Management und Associate Professor an der China Europe International Business School in Shanghai.


Mit der Vergabe der olympischen Spiele im Jahr 2022 nach Peking feiert China gerade einen weiteren, großen außenpolitischen Erfolg. Es könnte noch besser kommen. Der chinesische Renminbi steht vor der Aufnahme in die Königsklasse der Währungen, die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds, einem Währungskorb, der sich bisher nur aus Dollar, Euro, Pfund und Yen zusammensetzt.

Ob das allerdings gelingt, hängt nicht zuletzt von der Handhabung der gegenwärtigen Börsenkrise durch die chinesischen Behörden ab. So soll der Währungsfond China angehalten haben, die Freiheit des Aktienmarktes stärker zu akzeptieren und die massiven Eingriffe staatlicher Behörden in der jüngsten Vergangenheit einzuschränken. Es knirscht gewaltig hinter den Kulissen. Der Währungsfond hat die Entscheidung in den Herbst verschoben.

Tatsächlich hat der Eingriff der chinesischen Behörden in den Aktienmarkt geradezu groteske Züge angenommen. So wurde beispielsweise eine Hotline eingerichtet, um ‚verdächtige Verkäufe‘ und ‚bösartige Leerverkäufe‘ bei den Behörden anzuschwärzen. Fehlt nur noch, dass für den Crash an den Märkten in Shanghai und Shenzhen ausländische Investoren verantwortlich gemacht werden, was allerdings bei einem Marktanteil von nur drei Prozent schwierig möglich sein dürfte.

Ein krasser Widerspruch

Man fragt sich, was die chinesischen Behörden – offenbar in Übereinstimmung mit der Regierung – treibt, so direkt und massiv in den Markt einzugreifen. Das Vorgehen steht im krassen Gegensatz zu den Beschlüssen der Wirtschaftskonferenz der Partei von November 2013, die mehr Liberalisierung gerade im Finanzsektor verlangt und dem Markt eine ‚entscheidende Rolle‘ versprochen hat. Stattdessen soll es nun sogar einen staatlich verordneten ‚Zielkurs‘ für den Shanghai Index geben. Massive Käufe der Wertpapieraufsicht und staatlicher Fondsgesellgesellschaften - finanziert durch die Zentralbank -, sollen ihn sicherstellen.

Gut getan haben diese Eingriffe dem Markt nicht. Ganz im Gegenteil ist die Unsicherheit gestiegen und mit ihr die Volatilität der Kurse. Das Handeln der chinesischen Regierung selbst ist zum Spekulationsobjekt geworden. Kann das gutgehen?

Zielscheibe enttäuschter Investoren

Der Aktienmarkt ist der Urmarkt der Marktwirtschaft. Eine Kurskontrolle gleicht der Quadratur des Kreisen. Niemand – auch nicht der Staat – ist allwissend und kennt den ‚richtigen‘ Kurs, der sich vielmehr aus den Entscheidungen über Angebot und Nachfrage vieler Investoren ergibt. Ein Aktienmarkt, in dem massiv in die Preisbildung von Seiten des Staates eingegriffen wird, verdient seinen Namen nicht und verfehlt seine Funktion der Kapitalallokation zwischen Investoren und Unternehmen.

Der Kurs der chinesischen Regierung ist nicht risikolos. Sie macht sich unnötig zur Zielscheibe enttäuschter Investoren. Sie übernimmt Verantwortung für etwas, was sie weder verantworten kann noch verantworten muss. Es ist eine Sache ein Staatsunternehmen zu kontrollieren, aber eine ganz andere die Kurse am Aktienmarkt zu manipulieren. Mit Marktwirtschaft hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.

Umgekehrt müssen private Anleger lernen für ihre Entscheidung gerade zu stehen. Die Bäume wachsen bekanntermaßen nicht in den Himmel und auch in China hat sich herumgesprochen, dass Aktien besonders riskant sind, weswegen sie langfristig auch eine höhere Rendite abwerfen als andere Anlageformen – aber eben nur langfristig.

Crash ohne große Auswirkungen

Allerdings ist nicht zu erwarten, dass der Börsencrash nennenswerte realwirtschaftliche Auswirkungen haben wird – weder in China und schon gar nicht für die Weltwirtschaft. Dafür ist der Zusammenhang von Aktienmarkt und Realwirtschaft in China einfach zu schwach. So sind die Kurse beispielsweise im letzten Jahr astronomisch gestiegen obwohl Wachstum und Unternehmensgewinne beständig sinken. Umgekehrt haben sich die Kurse auch in den Jahren nicht bewegt, in denen die Wachstumsraten noch höher waren. Tatsächlich hatte der Shanghai Index nach der Finanzkrise und vor dem rasanten Anstieg des letzten Jahres eine der schlechtesten Performance aller Aktienmärkte überhaupt.

Eine gewisse Gefahr für die chinesische Konjunktur und damit auch die Weltwirtschaft stellen kreditfinanzierte Aktienkäufe dar. Allerdings halten die Privathaushalte weniger als 15 Prozent ihres Vermögens in Aktien – oft junge Leute, soziale Aufsteiger und Vermögende - und nur ein kleiner Teil davon wurde mit Krediten finanziert. Man schätzt den Anteil dieser Kredite an allen Krediten unter 1,5 Prozent und der Anteil der Privathaushalte, die überhaupt Aktien halten, beträgt nur 7 Prozent.

Schließlich darf nicht vergessen werden, dass nur diejenigen bis dato Geld verloren haben, die etwa ab April diesen Jahres noch eingestiegen sind, alle anderen stehen immer noch im Gewinn. Die Kurse sind nach wie vor gut 70 Prozent höher als vor dem Start der Rallye vor einem Jahr. Ein Konjunktureinbruch auf Grund sinkender Kurse scheint daher doch sehr unwahrscheinlich.

Die eigentliche Gefahr sinkender Aktienkurse liegt nicht in der Realwirtschaft, sondern in der Ordnungspolitik. Es besteht die Gefahr, dass China seine großen Fortschritte auf dem Weg in die Marktwirtschaft in den letzten Jahrzehnten aufs Spiel setzt und das Rad der Geschichte zurückdreht. Das wäre schlecht für Welt und noch mehr für China.

Das nächste Wirtschaftsforum der Partei findet im November statt. Hoffen wir, dass China seinen langen Marsch in die Marktwirtschaft fortsetzt.


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