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Blockchain mit Milliardenpotenzial

, Dirk Elsner

Die Blockchain-Technologie hat das Zeug für eine Revolution des Zahlungsverkehrs. Bis zum Durchbruch wird es aber noch dauern. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


Kaum ein Thema scheint derzeit sowohl die viel beschworene Financial Technologie (FinTech) als auch die klassische Finanzbranche zu elektrisieren, wie die Potenziale der Blockchain. Diese Technologie tritt an, die Prozesse im Finanzwesen langfristig grundlegend zu verändern. Das behaupten zwar derzeit viele aus der FinTech-Branche, aber hier könnte es am ehesten zutreffen.

Die Blockchain-Technologie gilt als Blaupause für die digitale Übertragung von Rechten, die bisher in anderer Form verbrieft sind (beispielsweise Banknoten, Wertpapiere, Verträge, Urkunden). Mit Hilfe kryptographischer Verfahren kann sie ein digital verbrieftes Recht eindeutig einem Rechteinhaber zuordnen und rechtssicher übertragen. Technisch ist die Blockchain eine Datei, mit der alle Transaktionen eines speziellen digitalen Guts eindeutig nachvollzogen werden können. Die Doppelübertragung digitaler Rechte soll durch verschiedene Schutzmechanismen ausgeschlossen werden.

Mitte August veröffentliche die Fachwebseite “Let´s Talk Payments” eine interessante Übersicht über Blockchain-Aktivitäten von Banken, soweit sie bekannt sind. Allein die britische Bank Barclays soll in zwei Innovation-Labs 75 Mitarbeiter auf das Thema angesetzt haben, freilich ohne viele Details zu verraten. Kaum überraschend ist dabei, dass die meisten Häuser nach verbesserten Bezahlverfahren forschen. Trotz des Hypes um digitale Bezahlverfahren wie die von Paypal, Apple Pay, Paydirekt oder bequemen Tools wie Facebook Messenger oder Wechat beziehungsweise kontaktlosen und mobilen Verfahren sind die dahinter liegenden Prozesse meist die gleichen wie vor 20 Jahren.

ineffiziente Prozesse

Die neuen Angebote modernisieren zwar die Karosserie, im Maschinenraum findet man aber im Prinzip alte Technik, übrigens auch bei den FinTechs. Verschiedene Banken, Clearingstellen und Zahlungsabwickler sorgen nach dem eigentlichen Bezahlvorgang des Kunden dafür, dass Geld dann auch wirklich rechtssicher vom Kunden des Kunden bis zum Konto des Zahlungsempfängers transportiert wird und dort verfügbar wird. Dabei können gut und gern sieben bis zehn Stationen dazwischen liegen. Jeder dieser Dienstleister in dieser Kette ist (noch?) aus verschiedenen Gründen notwendig und will natürlich etwas verdienen und sorgt für entsprechende Kosten. 

Jeremy Almond, Mitgründer und CEO des Unternehmen Paystand schätzt in einem Beitrag für CoinDesk die jährlichen Kosten der Zahlungsabwicklung auf 550 Mrd. US-Dollar. Das beinhaltet nicht nur die direkten Kosten für Gebühren, sondern auch die Kosten für ineffiziente Prozesse. Das kann man sich gut vor Augen führen am Beispiel einer Handelstransaktion zwischen Unternehmen. Die relevanten Geschäftsdaten einer Transaktion werden in der Regel mindestens zweimal in verschiedenen Systemen manuell erfasst (beim Käufer und Verkäufer). Dazu kommen dann die Zahlungstransaktionen, für die oft ebenfalls Daten in eigenen Systemen zu erfassen sind. Almond kritisiert, dass wir in einer Zeit, in der wir alle möglichen Bewegungsdaten erfassen können und etwa beim Versand von Produkten aus exakten Tracking-Informationen den Verlauf einer Warenlieferung verfolgen, dies mit Zahlungsdaten nicht können.

Mit der Verbreitung der Blockchain-Technologie soll sich das in Zukunft ändern. Sie eröffnet im Idealfall Lösungen für alle oben beschriebenen Prozessbrüche. Über sogenannte „Smart Contracts“ wird die Vertragsabwicklung bis hin zum Zahlungsprozess automatisiert. Ralf Keuper hat das für das IT-Magazin beschrieben:

“Im Grunde genommen funktioniert ein Smart Contract, die Wortschöpfung geht zurück auf Nick Szabo, wie ein ganz gewöhnlicher Programmcode in Form einer Wenn-Dann-Bedingung: Sobald ein Ereignis mit direktem Bezug zu einem Vertragsinhalt eingetreten ist, löst es die entsprechende Aktion aus, das heißt der Vertrag existiert in digitaler Form. Die Vertragspartner kommunizieren über die Blockchain direkt miteinander. Ein Vermittler, wie eine Bank oder ein Anwalt, wird nicht mehr benötigt. So werden sowohl die Objekte (Verträge, Vertragsinhalte) wie auch die Beziehungen der Vertragsparteien digitalisiert.” (siehe außerdem zu Smart Contracts und Blockchain die gut lesbaren Texte in t3n bzw. Süddeutsche).

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Erhebliche Vereinfachung für Banken

Die Blockchain-Technologie ermöglicht neben einer automatisierbaren Lieferungs- und Erfüllungskontrolle ebenfalls die direkte Zahlungsabwicklung zwischen Käufer und Verkäufer. Wird einem „Smart Contract“ signalisiert, dass der Lieferant seine Leistung vereinbarungsgemäß erbracht hat, könnte daran ebenfalls automatisiert die Zahlungstransaktion ausgelöst werden. Theoretisch könnte man dabei sogar auf eine Bank dazwischen verzichten, wenn Unternehmen ihre Zahlungsmittel selbst verwalten, wie das schon jetzt bei Kryptowährungen möglich ist. Tatsächlich glaube ich aber, dass die Banken vorerst die Technologie bereitstellen werden, um die Zahlungsabwicklung verlässlich durchzuführen. Aber auch für sie bedeutet die Blockchain-Technologie eine erhebliche Vereinfachung, denn sie könnten die Zwischenstationen (Zahlungsabwickler, Korrespondenzbanken und Clearingstellen) leicht umgehen und nebenbei die Transaktionsgeschwindigkeit deutlich erhöhen. Ein Vorteil für alle Beteiligten, nur nicht für die im Hintergrund arbeitenden Zahlungsabwickler.

Heute liest (siehe beispielsweise diese Kurzanalyse der Deutschen Bank) man täglich irgendwo, dass Banken, Börsen, Kreditkartenfirmen, Clearinghäuser und Versicherer das Potenzial dieser Technologie analysieren. Es nützt dabei freilich wenig, wenn jede Bank an eigenen Methoden tüftelt. Das oben beschriebene Szenario funktioniert nur, wenn sich Realwirtschaft und Finanzwelt auf ein Verfahren einigen und ein einheitliches, möglichst unabhängiges Protokoll (also ein Set von Regeln) existiert. Dahin gibt es zwei, vielleicht auch mehr Wege.

• Internationale Gremien (zum Beispiel die Uno) einigen sich auf ein einheitliches, international anzuwendendes Protokoll.

• Private Unternehmen, Branchenverbände oder Standardisierungsorganisationen entwickeln ein praktikables und akzeptiertes Protokoll.

Blockchain-Technologie spart Kosten

Der Weg zur ersten Variante dürfte noch sehr weit sein. Bis dieses Protokoll juristisch und technisch implementiert ist, werden wohl weitere Jahre vergehen. Dafür wäre dem Verfahren internationale Akzeptanz, große Rechtssicherheit und das Wohlwollen der Regulierer sicher. Gut möglich, dass sich bis dahin schon längst private Verfahren etabliert haben, die aber dann zunächst Insellösungen bleiben. Hier könnten sich über evolutionäre Prozesse die am besten geeigneten Verfahren durchsetzen.

Ist das nun alles heiße Luft? Eindeutig nein, denn festhalten kann man heute schon, dass die konzeptionellen Grundlagen bereits existieren. Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, die Grenzkosten der Vertrags- und Zahlungsabwicklung deutlich zu senken. Es dürfte aber noch einige Jahre bis zu einer breiteren Anwendung vergehen. Andererseits steht die Finanzbranche unter großem Kostendruck. Das Blockchain-Konzept verspricht ihnen ungeahnte Einsparungspotenziale im Backoffice. Aber spätestens dann wird es vermutlich Zeit, die bestehende IT-Infrastruktur grundsätzlich zu erneuern. 


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