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  • Kolumne

Banker gegen Arbeiter

, Michael Pettis

In der Eurokrise pocht die Finanzwelt darauf, dass alle Schulden bedient werden. Der Preis dafür ist eine jahrelange Wirtschaftsmisere – die den Extremisten nützt. Von Michael Pettis

Michael Pettis © Getty Images
Michael Pettis


Michael Pettis lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in China. Er ist Finanzprofessor an der Peking University und Senior Associate des Carnegie Endowment. Der Amerikaner hat an der Wall Street gearbeitet und zahlreiche Regierungen beraten


Seit fast zwei Jahrhunderten ist es immer dasselbe Spiel: Nach jeder Finanzkrise gibt es einen Interessenkonflikt zwischen den Bankern und den Arbeitnehmern, die verschiedene Lösungen der Krise wollen.

Banker wollen vor allem Stabilität, was für sie heißt, dass der Wert des Geldes und der Forderungen an ihre Schuldner erhalten bleibt. Die Arbeiter brauchen Wirtschaftswachstum – sei es auch auf Kosten des Geldsystems und der Gläubiger.

Deutschland müsste Lohnniveau steigern

Auch die Eurokrise ist ein Teil dieser langen Geschichte. Die Banker verlangen heute, dass ein Land wie Spanien „verantwortungsvoll“ handelt, was für sie bedeutet: Es muss im Euro bleiben und seine Schulden bedienen, ganz gleich wie schmerzhaft das ist. Verlässt ein Land den Euro und schuldet um, dann, so heißt es, stürzt seine Wirtschaft ins Chaos.

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Doch dieser Rat hat einen hohen Preis. Deutschland hat vor fast 15 Jahren mit einer Politik begonnen, die das Lohnniveau drückte und deutsche Arbeitnehmer so wieder wettbewerbsfähig machte. Die Folge ist eine sinkende Nachfrage in Europa, vor allem jetzt, da andere Länder gezwungen sind, dasselbe zu tun. Da Europa insgesamt zu groß ist, um die Lücke durch Nachfrage aus dem Ausland zu schließen, wird die Arbeitslosigkeit noch lange hoch bleiben.

Um Europa zu retten, müsste Deutschland heute die Einkommen seiner Arbeitnehmer steigern (das hat jüngst sogar die Bundesbank erkannt). Der Rest Europas könnte folgen, sodass die Binnennachfrage überall stiege. Aber die deutschen Banker schauen auf die Schulden und das Bankensystem ihres Landes. Daher unterbleiben solche Schritte.

Es wird Jahre dauern, bis die krisengeschädigten deutschen Banken rekapitalisiert sind. Bis dahin werden Deutschlands Politiker so tun, als ob es möglich sei, die Schulden in Europa voll zurückzuzahlen – genauso, wie US-Banken in den 80er-Jahren immer so taten, als ob Lateinamerika seine Schulden bezahlen könnte. Erst ab 1987/88, als die Banken genug ­Polster aufgebaut hatten, akzeptierten sie das Offenkundige. 1990 gab es – in Mexiko – den ersten von vielen Schuldenschnitten.

Extremisten erobern Themenhoheit

Der Krieg zwischen Bankern und Arbeitern ist auch in Deutschland schon einmal geführt worden: Der Faschismus kam an die Macht, als die Arbeiterschaft nach dem Krieg für die Abzahlung der enormen Auslandsschulden leiden musste.

Es war zu allen Zeiten klar, dass die Arbeitnehmer in der Krise letztlich diejenigen unterstützen, die ihre Interessen am klarsten vertreten. Genau deshalb hat auch der Erfolg Marine Le Pens bei der Europawahl so große Bedeutung.

Le Pen hat sich an die Spitze des Aufstands gegen die monetäre Zwangsjacke der französischen Wirtschaft gestellt, sie verlangt, dass Frankreich den Euro verlässt. Die französische Elite verabscheut sie dafür (und wegen ihrer Anti-Einwanderer-Thesen). Aber fernab von Paris, bei den Arbeitern und der unteren Mittelschicht in der Provinz, hat die Euro-Botschaft ohne Zweifel viel Unterstützung gewonnen.

Europas Krise muss gelöst werden. Und wenn die Parteien der Linken und der Mitte die Themenhoheit an die extreme Rechte abgeben, dann wird diese das Problem eben nach ihren Vorstellungen lösen.

Die Politiker des Mainstreams müssen erkennen, dass die Beibehaltung des Euro und das gleichzeitige Fortwälzen der Schulden die Wirtschaft Europas für viele, viele Jahre zur Misere verurteilt. Wer das nicht sieht, wird zunehmend an den Rand gedrängt werden.

Der Beitrag von Michael Pettis erschien zuerst in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Das ökonomische Quartett: David McWilliams (Irland), Heleen Mees (Niederlande), Jim O'Neill (Großbritannien), Michael Pettis (USA). Jeden Monat schreibt bei Capital einer dieser vier Ökonomen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, und jeder hat damit eine andere Perspektive auf die Welt


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