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Der Dilettantismus der Aufseher

, Bernd Ziesemer

Ob Bahn, Deutsche Börse oder VW: Viele Aufsichtsräte großer Konzerne arbeiten immer noch nicht professionell. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Manchmal sehnt man sich nach einem Mann wie Manfred Schneider. Der heute 78-Jährige führte über viele Jahre die Aufsichtsräte so unterschiedlicher Konzerne wie Bayer, RWE und Linde. Der ehemalige Bayer-Vorstandsvorsitzende erledigte seine Arbeit kompetent, ruhig und skandalfrei. Zuweilen musste sich Schneider die Kritik anhören, er besetze zu viele Ämter gleichzeitig. Aber trotzdem hörte man in seiner Blütezeit so gut wie nie den Vorwurf, der Multi-Aufsichtsrat habe seine Unternehmen nicht im Griff.

Das ist selbst in den größten Konzernen des Landes keine Selbstverständlichkeit, wie man in der vergangenen Woche sehr gut beobachten konnte. Gleich drei Aufsichtsräte blamierten sich innerhalb weniger Tage gleichzeitig bis auf die Knochen. Bei der Bahn versaubeutelte Aufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht ohne Not die Vertragsverlängerung für Vorstandschef Rüdiger Grube und provozierte damit den sofortigen Rücktritt seines Spitzenmanagers. Ein Nachfolger steht nicht bereit.

Bei der Deutschen Börse brachte Oberaufseher Joachim Faber seinen Vorstandschef Carsten Kengeter in eine gefährliche Lage. Die Justiz wirft dem Börsenchef Insidergeschäfte vor – und das mitten in den Fusionsverhandlungen mit der London Stock Exchange. Die Initiative zu seinem schlecht getimten Aktienkauf ging vom Aufsichtsrat aus.

Und last but not least VW: Dort gerät der ehemalige Konzernchef Martin Winterkorn wegen des Dieselbetrugs immer stärker in die Schusslinie der Staatsanwälte. Kommt es tatsächlich zu einer Anklage, steht der Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch dumm dar. Schließlich war es seine Idee, Winterkorn einen offiziellen Persilschein auszustellen, noch bevor die Ermittlungen in dem Betrugsskandal überhaupt richtig angelaufen waren.

VW liegt im Corporate-Governance-Ranking ganz hinten

Die Beispiele zeigen: Erstaunlich viele deutsche Aufsichtsräte arbeiten immer noch ziemlich dilettantisch. Zwar reden alle seit fast 20 Jahren über die Regeln guter Unternehmensführung. Doch in Wahrheit befolgen viele Gremien die Empfehlungen für Corporate Governance nur formal. In der Szene nennt man sie nicht ohne Grund die „Häkchenmacher“. Sie setzen ihren ganzen Ehrgeiz darauf, gesetzliche Vorgaben und Vorschläge des Corporate-Governance-Regelwerks gewissenhaft abzuhaken. Aber um die gründliche Vorbereitung ihrer Sitzungen, um die Einbeziehung aller Aufsichtsräte und die professionelle Verhandlungsführung mit ihren Vorständen scheren sie sich nicht. Manche Aufsichtsratschefs erklären sogar stolz, sie vertrauten bei Entscheidungen „ganz auf ihren Bauch“. Leider geht die Sitzung dann nicht selten auch in die Hose.

Am schlechtesten geführt sind seit Jahren die Aufsichtsräte von Unternehmen, in denen die öffentliche Hand ihre Finger hat. VW liegt im Corporate-Governance-Ranking der Fondsgesellschaft Union Investment zu recht auf den letzten Platz. Der Bahn-Aufsichtsrat steht seit Jahren in der Kritik und Felcht gilt seit langem als Fehlbesetzung. Lediglich bei der Deutschen Börse kann man sich über den schweren Fehler Fabers wundern – holte sein Aufsichtsrat doch bisher meist gute Noten von externen Experten. Aber auch diese Fachleute neigen eben zu oft dazu, sich nur die Zusammensetzung der Gremien anzuschauen und andere, leicht erfassbare Kriterien zu beurteilen. In die wirkliche Arbeit der Aufsichtsräte schnuppert niemand richtig hinein. In Deutschland fehlt leider immer noch eine kompetente Rangliste der realen Aufsichtsratspraxis.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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