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Aufstand der Investoren

, Bernd Ziesemer

Ob bei Linde, SAP oder VW: Überall regt sich Widerstand gegen die schlechte Arbeit der Aufsichtsräte. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Selten gab es so viel geballte Kritik von institutionellen Investoren zu hören wie in dieser Hauptversammlungssaison. Bei Linde prangerten Aktionärsvertreter den Ego-Kurs des Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Reitzle an, der zum „Chaos“ in dem Dax-Konzern geführt habe. Bei SAP kam nur mit größter Mühe eine Mehrheit für die Entlastung der Unternehmensspitze zusammen. Und bei VW drohten Fonds mit gerichtlichen Klagen gegen die Weigerung des Konzerns, die Ergebnisse einer internen Untersuchung über die Ursachen des Dieselbetrugs zu veröffentlichen.

Bei allen Unterschieden zwischen den betroffenen Konzernen gibt es doch eine Gemeinsamkeit: Die Vorsitzenden der jeweiligen Aufsichtsräte handeln seit langem nicht so, wie es die Grundsätze einer guten Unternehmensführung erfordern. Bei Linde missachtet Reitzle bei der angestrebten Fusion mit Praxair die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitsteilung zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. Bei SAP agiert der – ohne Zweifel sehr verdienstvolle – Konzerngründer Hasso Plattner als ob ihm das Unternehmen allein gehörte. Und bei VW hat sich Hans Dieter Pötsch heillos verfangen in zahlreichen Interessenkonflikten. Seine Loyalität gehört allein der Familie Porsche-Piech. Im Gegenzug lässt ihn der Clan nicht fallen, obwohl die Staatsanwälte gegen ihn ermitteln und seine eigene Rolle in der Dieselbetrugsaffäre viele Fragen aufwirft.

Autokratischer Stil

Nach den Buchstaben des Aktiengesetzes handeln die Aufsichtsratsvorsitzenden nur als primus inter pares. Doch in der Praxis führen sie ihr Gremium vielfach noch autokratisch. Wenn sie sich verrennen, rennen die anderen Kapitalvertreter meist opportunistisch mit. Dazu trägt das deutsche System der Mitbestimmung in den Aufsichtsräten bei. Am klarsten zeigt sich das bei Linde: Weil sich Reitzle bereits öffentlich darauf festgelegt hat, die mehr als umstrittene Fusion mit Praxair notfalls mit seiner Doppelstimme als Chef des Aufsichtsrats zu erzwingen, müssen die übrigen Vertreter der Kapitalseite als monolithischer Block auftreten. Auch wenn einige Aufsichtsräte inzwischen ebenfalls ihre Zweifel an dem Zusammenschluss haben, wollen sie den Vertretern der Arbeitnehmer keinesfalls den Triumph gönnen, Reitzle zu überstimmen.

Man diskutiert zwar bei solchen Gelegenheiten durchaus heftig in deutschen Aufsichtsräten. Am Schluss aber trifft sich die sogenannte Kapitalbank vor der eigentlichen Aufsichtsratssitzung separat, um anschließend geschlossen abzustimmen. Die Minderheit beugt sich der Mehrheit – so ist es Usus in so gut wie allen Aufsichtsräten. Deshalb gilt dann anschließend, wenn die Dinge falsch laufen, die Devise „Wir sind alle schuld“. Und damit am Ende natürlich keiner.

Zu wenig Mut

Man müsste eigentlich von den gestandenen Managern, die üblicherweise in den Aufsichtsräten sitzen, mehr Mut erwarten. Doch das ist nur selten der Fall. In der Regel ordnen sich alle dem Chef des Aufsichtsrats unter. Und wenn sie in den seltensten Fällen gar nicht mehr mit dem Kurs des Vorsitzenden übereinstimmen, dann treten sie eben zurück – so wie zuletzt Georg Thoma bei der Deutschen Bank. Man kann das alles für ehrenwert halten – aber im Sinne der Eigentümer der Aktiengesellschaften ist es durchaus nicht immer.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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