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Auf in die 30-Stunden-Woche?

, Rebecca Cassidy

In Großbritannien kommen Forderungen nach einer radikalen Verkürzung der Arbeitszeit auf. Dafür gibt es gute Argumente: Unsere Vorfahren genossen ihre Freizeit. Von Rebecca Cassidy

Feierabend © Getty Images

Wer sich in den grauen Januar-Tagen ins Büro schleppt, ist vermutlich besonders anfällig für Verheißungen einer besseren Arbeitswelt. Dies dürfte auch der Grund sein, weshalb ich unlängst sehr aufmerksam einen Beitrag der New Economics Foundation studierte, der sich mit den Vorzügen einer 30-Stunden-Woche befasste. Diese, so die Autoren, wäre produktiver, nachhaltiger, würde unser Wohlbefinden steigern und dafür sorgen, dass die bezahlte Arbeit gleichmäßiger auf die Bevölkerung verteilt würde.

In Großbritannien gelten lange Arbeitszeiten auf perverse Weise immer noch als positives Merkmal. Ermattete Menschen brüsten sich mit ihrer 50-Stunden-Woche wie mit einem Verdienstorden. Wer am Freitagabend im Pub über endlose Arbeitseinheiten stöhnt, erntet Anerkennung statt Ablehnung angesichts der verstörenden Selbstgeißelung, als die sein Verhalten vermutlich in Dänemark, Deutschland oder den Niederlanden betrachtet würde. Die BBC fand im Jahr 2012 heraus, dass ein Beschäftigter in Großbritannien im Schnitt 1647 Stunden pro Jahr arbeitet. Das ist zwar deutlich weniger als bei den führenden Südkoreanern mit ihren umwerfenden 2193 Stunden. Aber doch mehr als bei seinem deutschen Kollegen, der 1408 Stunden arbeitet und den Niederländern, die mit 1377 Stunden am Ende der Skala liegen.

Zum Teil erklären sich diese Abweichungen durch die lange Rezession in Großbritannien und den schrumpfenden öffentlichen Sektor. Doch sie zeigen auch, dass es grundsätzlich unterschiedliche Anschauungen über den kulturellen Wert der Arbeit und das Zusammenspiel von Arbeit und eigener Identität gibt.

Viel Freizeit für Jäger und Sammler

Rebecca Cassidy
Rebecca Cassidy ist Professorin für Anthropologie am Goldsmiths College der University of London

Ende der 1960er-Jahre fand in Chicago ein Symposium unter dem Titel „Man the Hunter“ statt, bei dem vor allem unzählige Fallstudien des US-Anthropologen Marshall Sahlins behandelt wurden. Sahlins war zu dem Schluss gekommen, dass in der Ära der Jäger und Sammler der eigentliche Ursprung der Überflussgesellschaft liege und widersprach damit gängigen Ansichten. Bis dahin galt die Epoche als Zeit umherirrender Nomaden, die in ihrer materiellen Ausstattung und sozialen Struktur primitiv waren: arm und elend, angesichts ihrer mangelnden technischen Voraussetzungen darauf beschränkt, um ihr pures Überleben zu kämpfen.

Sahlins hingegen wies nach, dass diese Menschen ihre grundlegenden Bedürfnisse sehr leicht befriedigen konnten und sie in materiellem Überfluss lebten. So konnten das Volk der Kung im heutigen Botswana oder die Bewohner Nordaustraliens als Jäger und Sammler ihren grundlegenden Bedarf problemlos mit 15 bis 20 Stunden Arbeit pro Woche decken. Sie befanden sich also nicht nur in keinem täglichen Kampf ums Überleben, sondern waren nach heutigen Maßstäben sogar radikal unterbeschäftigt. Wenn sie genug zu essen hatten, hörten sie einfach auf zu arbeiten. Dies gab den Gruppen Zeit, sich ausführliche Geschichten zu erzählen, auszuruhen und soziale Kontakte zu pflegen. Es wurde kein Besitz angehäuft, da dies die Mobilität eingeschränkt hätte, und die Menschen waren daher materiell mehr oder weniger gleichgestellt.

Das Chicagoer Symposium fand große Beachtung. Die Jäger und Sammler wurden als eine Art Urkommunisten gefeiert, was ihnen eine gewisse Nähe zu den Forschern verlieh, die sich ihrer angenommen hatten.

„Nicht wirtschaftlich denkende Menschen“

Die Thesen Sahlins' stießen aber auch auf breite Kritik. Zum einen konzentrierte sich die Veranstaltung von Chicago schon im Titel zu sehr auf das Jagen, obwohl der andere Aspekt der frühzeitlichen Kultur - das Sammeln - deutlich mehr Zeit in Anspruch nahm und auch die meisten Kalorien beitrug. Zum anderen wurde vernachlässigt, dass es einen Unterschied in der Lebensqualität zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen und Geschlechtern gab. Und schließlich lässt sich eine bestimmte Periode, in der die Menschen ohne Ackerbau und Viehzucht auskamen, angesichts eines beständigen Wandels nur schwer isoliert betrachten.

Trotzdem lohnt es sich, die Beschreibung der „nicht wirtschaftlich denkenden Menschen“, die die Jäger und Sammler in gewisser Hinsicht ja waren, genauer zu untersuchen, auch um unser eigenes Verständnis von Wohlstand zu überprüfen. Folgt man der zugrunde liegenden These, dann lag das mangelnde Erwerbsstreben dieser Menschen nicht daran, dass sie ihre Urinstinkte überwunden hatten, sondern zeigt schlicht und einfach, dass nicht alle Menschen automatisch unbegrenzt immer noch mehr wollen. Und dies sagt auch etwas über unser spezielles Wirtschaftssystem aus. Denn dazu gehört ja ein Selbstverständnis, dem zufolge es sinnvoll ist, auch dann noch weiterzuarbeiten, wenn unsere dringendsten Bedürfnisse längst erfüllt sind. Wir sind bereits daran gewöhnt, nach Überfluss zu verlangen.

Die Verfechter einer 30-Stunden-Woche in Großbritannien werden es nicht einfach haben. So muss gewährleistet sein, dass Arbeiter in den unteren Einkommensschichten genug zum Leben haben, und auch die Unterstützung der Unternehmen für neue Regulierungsmaßnahmen dürfte nur schwer zu bekommen sein. Die wichtigste Aufgabe aber wäre es, eine generelle Debatte darüber in Gang zu setzen, welches Ziel Arbeit haben soll. Wenn wir entscheiden wollen, ob wir mehr oder weniger arbeiten wollen, müssen wir erst einmal herausbekommen, wozu wir überhaupt arbeiten.


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