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Altes neues Finanzrisiko

, Simon Johnson

Kommt Ihnen das bekannt vor? Großbanken mit zu wenig Eigenkapital. Die Geldhäuser sind auf eine Krise schlecht vorbereitet. Von Simon Johnson

Simon Johnson
US-Ökonom Simon Johnson

Simon Johnson ist Professor an der Sloan School of Management des MIT und Mitverfasser von White House Burning: The Founding Fathers, Our National Debt, and Why It Matters to You.


Das bedeutendste aktuelle Finanzrisiko für die Vereinigten Staaten ähnelt frappierend jener Entwicklung, die in den Jahren 2007-2008 so enorme Probleme verursachte: Großbanken, die in ihren Bilanzen einen zu hohen Anteil an Fremdkapital und ein zu geringes Maß an Eigenkapital aufweisen. Uneinheitliche weltweite Regulierungen – ganz zu schweigen von offenbar schlafenden Regulierungsbehörden – verschärfen diese strukturelle Schwachstelle noch weiter.

Wir haben diesen Film bereits gesehen und er nahm ein schlechtes Ende. Das nächste Mal könnten wir eine noch schlimmere Horror-Vorstellung erleben.

Jeder Boom gestaltet sich anders, aber jeder größeren Finanzkrise liegt das gleiche Problem zugrunde: Wichtige Banken geraten in Schwierigkeiten und wanken am Rande des Zusammenbruchs. Eine Störung im Zentrum eines Bankensystems führt zu Kreditverknappung mit höchst negativen Auswirkungen auf die Realwirtschaft. In unserer modernen Welt, in der das Finanzsystem eng mit der gesamten Wirtschaft verwoben ist,  können die Folgen besonders schwerwiegend sein – wie wir in den Jahren 2008 und 2009 erfahren haben.

Eigenkapitalanteil von US-Großbanken zu niedrig

Die wichtigste Frage für jedes Finanzsystems lautet, über wie viel verlustausgleichendes Eigenkapital die wichtigsten Banken in ihren Bilanzen verfügen. Erleidet ein Unternehmen Verluste, sinkt der Wert des Eigenkapitals und weniger Eigenkapital bedeutet eine höhere Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls. 

Die Kapitalquoten, auf die Banken und Behörden am häufigsten verweisen, führen in die Irre, weil darin Posten enthalten sind – wie etwa der Firmenwert und aktive latente Steuern – die sich nicht zum Ausgleich von Verlusten eignen. Vielmehr gehört das Augenmerk dem materiellen Eigenkapital und immateriellen Vermögenswerte. Auch die  Bilanzierung von Derivaten muss sorgfältig unter die Lupe genommen werden. In diesem sehr technischen, jedoch entscheidenden Punkt sind nämlich die US-amerikanischen Rechnungslegungsvorschriften (US GAAP) erheblich großzügiger gestaltet (weil sie potenzielle Verluste unterbewerten) als die International Financial Reporting Standards (IFRS).

Thomas Hoenig, Vizepräsident des amerikanischen Einlagensicherungsfonds Federal Deposit Insurance Corporation, veröffentlicht seine eigenen Berechnungen des Kapitalniveaus der weltgrößten Banken und diese Daten liegen nun für den Zeitraum bis Ende 2014 vor. Die US-Bank mit dem höchsten Fremdkapitalanteil, Morgan Stanley, verfügt über weniger als vier Prozent Eigenkapital. Das heißt, 96 Prozent ihrer Bilanz bestehen aus irgendeiner Form von Fremdkapital. Durchschnittlich liegt der Eigenkapitalanteil amerikanischer Großbanken bei knapp unter fünf Prozent.

Das ist mehr – allerdings nicht viel mehr – Kapital als manche in Schwierigkeiten geratene Bank im Vorfeld der Finanzkrise des Jahres 2008 auswies. Citigroup beispielsweise verfügte laut Hoenigs Berechnung im November 2008 über nicht mehr als 4,3 Prozent Eigenkapital. Ende 2012, als Hoenig mit der Veröffentlichung seiner US GAAP-IFRS-Anpassung begann, lag das durchschnittliche Eigenkapital der größten US-Banken bei etwa vier Prozent.  Man könnte nun argumentieren, dass sich diese wesentliche Maßzahl in die richtige Richtung entwickelt, allerdings ist die Geschwindigkeit bestenfalls als Schneckentempo zu bezeichnen.

Schocks lauern an verschiedenen Stellen

Noch bedeutsamer erscheint der Umstand, dass es mit fünf Prozent Eigenkapital unwahrscheinlich ist, jene Art von Verlusten auszugleichen, die es in einem hoch volatilen Umfeld zu bewältigen gilt. Größere Schocks könnten an unerwarteter Stelle auftreten. So wäre es beispielsweise möglich, dass sich Vermögenswerte als weniger liquide erweisen als von Anlegern vermutet, wie dies bei den Geldmarktfonds im Jahr 2008 der Fall war – heute bereiten Exchange-Traded Funds (ETFs) den Skeptikern Kopfzerbrechen. Oder die Bepreisung übermäßig komplexer Papiere könnte schwieriger werden. Es ist ein Warnsignal, wenn jemand, der Collateralized Loan Obligations verkauft, die damit verbundenen Risiken nicht vollständig erklären kann.

Oder der Schock betrifft vielleicht den Wert der Staatsverschuldung in fernen Regionen wie dies 1982 der Fall war. Es ist durchaus bemerkenswert, dass keiner der Experten – ob aus dem öffentlichen oder privaten Sektor – wirklich eine klare Vorstellung hat, was passiert, wenn es zu weiteren Schwierigkeiten mit der griechischen Staatsverschuldung kommt.

Doch als die gefährlichsten Schocks könnten sich diejenigen erweisen, deren Ursprung in den Großbanken selbst liegt. Die jüngste maßgebliche Entwicklung in dieser Hinsicht bilden die von der Pro-Reform-Gruppe Better Markets – die auch ein praktisches Informationsblatt herausgibt –  so bezeichneten „de-facto-garantierten ausländischen Tochterunternehmen“, die mit Derivaten handeln – ein undurchsichtiges Phänomen, in das wohl alle großen Akteure involviert sind. Der Trick besteht darin, dass sich eine de-jure-garantierte ausländische Tochterunternehmung zahlreichen in den USA anwendbaren Regeln unterwerfen müsste, wie etwa den Vorschriften hinsichtlich Geschäftsgebarung, Transparenz und Verrechnung (wie die Derivate tatsächlich gehandelt werden). Eine angeblich unabhängige ausländische Tochtergesellschaft ist von diesen Regeln ausgenommen.

Aber wie Dennis Kelleher von Better Markets ausführt, stehen die Banken im Falle verschärfter Zwänge im Vorfeld einer Krise unter großem Druck, diese Tochtergesellschaften wieder in ihre Bilanzen aufzunehmen. Genau das passierte auch während der letzten Krise, wobei Citigroup das herausragende Beispiel darstellte.

Der Hauptgrund, warum derartige Schlupflöcher existieren besteht darin, dass die Regulierungsbehörden sich entschieden haben, sie nicht zu schließen. In manchen Fällen mag der Grund in einem Mangel an Information oder Problembewusstsein liegen. Doch vielfach glauben die Regulierungsbehörden schlicht, dass die betreffenden Vorgehensweisen durchaus in Ordnung sind – entweder weil man von Lobbyisten davon überzeugt wurde oder weil die betreffenden Personen selbst in der Branche gearbeitet haben (oder bald dort landen könnten.)

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate, 2015. 
www.project-syndicate.org


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