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Albtraum der Anlagenbauer

, Bernd Ziesemer

Lange galt sie als Vorzeigebranche in Deutschland. Doch nun kämpfen die Konstrukteure von Chemie- und Stahlwerken ums Überleben. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Ob bei Linde, Thyssenkrupp, Bilfinger oder Siemens: Den Konzernsparten, die sich mit der Errichtung von Großanlagen beschäftigen, geht es schlecht. Mit dem Bau von Stahlwerken, Chemieparks oder Kraftwerken kann man gegenwärtig kaum Geld verdienen. Noch mehr als die Mischkonzerne spüren das die reinen Anlagebauer wie beispielsweise die Düsseldorfer SMS-Gruppe, die weltweit schlüsselfertige Stahlkomplexe errichtet. Firmeneigentümer Heinrich Weiss zieht deshalb seit einigen Monaten ein hartes Sanierungsprogramm durch.

Dass es der Branche ziemlich schlecht geht, wäre normalerweise keine besonders dramatische Nachricht. Der Anlagenbau gehört seit jeher zu den extrem zyklischen Branchen. Die Konzerne gehen immer mal wieder durch tiefe Täler, nur um danach umso besser zu verdienen. Zeiten schwachen Wachstums auf der Welt wie augenblicklich, bedeuten schlechte Geschäfte für die Anlagenbauer. Jeder Unternehmenschef, der schon etwas länger in der Branche arbeitet, kennt diese Zyklen. SMS-Eigentümer Weiss nutzte frühere Abschwünge sogar, um sein kleines Imperium durch preiswerte Zukäufe weiter zu vergrößern.

Komplexe Herausforderungen

Die jetzige Krise aber ist anders. Die deutschen Anlagenbauer müssen nicht nur mit der geringen globalen Nachfrage fertig werden, sondern mit mindestens drei strukturellen Brüchen gleichzeitig: Erstens erwächst ihnen aus Asien, vor allem aus China und Südkorea, immer mehr klassische Konkurrenz. Früher kamen die Wettbewerber ausschließlich aus den Ländern der Triade – Europa, den USA und Japan. Mittlerweile aber bieten asiatische Konzerne auch komplizierte Anlagen an – meist zu einem günstigeren Preis als die Deutschen. Und der technologische Abstand im Anlagenbau schrumpft weiter.

Zweitens sorgt der Trend zur digitalen Fabrik dafür, dass plötzlich Unternehmen aus der IT-Branche einen immer größeren Anteil am Auftragswert beanspruchen. Wer künftig als Systemintegrator im Anlagenbau wirkt, entscheidet sich nach Expertenschätzungen in den nächsten fünf Jahren. Wenn es schlecht läuft für die Anlagenbauer, finden sie sich künftig in der Rolle des Zulieferers oder Subkontraktors wieder. Das ist ein Albtraum für die Branche.

Drittens müssen sich die Anlagenbauer selbst von oben bis unten digitalisieren und dabei ihr Angebotsspektrum deutlich erweitern. Von der Entwicklung bis zum fortlaufenden Betrieb großer Anlagen fallen künftig riesige Datenmengen an, die es zu analysieren und zu nutzen gilt. Bisher tun sich viele Anlagenbauer damit schwer. Neue Serviceleistungen können ihnen zusätzliches Geschäft verschaffen – wenn nicht andere Anbieter aus anderen Branchen dieses Geschäft machen.

Die Kosten senken, sich schlanker aufstellen, die Konsolidierungschancen nutzen – und abwarten. Das war bisher keine schlechte Strategie in den Konjunkturtälern. Jetzt reicht das nicht mehr aus. Die Anlagenbauer müssen sich gleichzeitig auch neu aufstellen. Noch nie waren die Herausforderungen für die zuständigen Manager bei Thyssenkrupp oder Linde so komplex wie heute.


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