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Abschiedsfalle bei Adidas

, Bernd Ziesemer

Konzernchefs verabschieden sich gern mit besonders guten Zahlen. Meist kommt danach das böse Erwachen für die Aktionäre. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Mehr Umsatz als erwartet, deutlich höhere Gewinne und eine verbesserte Prognose für das laufende Geschäftsjahr – besser kann sich ein Vorstandschef nicht von seinem Konzern verabschieden. Herbert Hainer, der langjährige Adidas-Lenker, verkündete die Wunderzahlen vergangene Woche bei der Vorstellung seiner letzten Bilanz. Im Oktober übernimmt Kasper Rorsted die Führung des Sportartiklers – doch letzten Donnerstag durfte sich Hainer noch einmal im Gefühl der Unersetzlichkeit sonnen. Das „Handelsblatt“ sprach von einem „Triumph“.

Doch steht Adidas wirklich so gut dar wie die Zahlen nahelegen? An den strategischen Problemen des Konzerns ändern sie jedenfalls nichts. Der große amerikanische Wettbewerber Nike enteilt den Deutschen immer weiter, der neue Angreifer Under Armour greift immer erfolgreicher von unten an. Wer Hainers Abschiedszahlen für nachhaltig hält, könnte leicht in die typische Abschiedsfalle für Aktionäre geraten.

Fast jeder Konzernchef träumt davon, sein Unternehmen „besenrein“ zu übergeben. Doch in den meisten Fällen bleiben viele Probleme unter dem Teppich. Auf die grandiosen Abschiedszahlen des einen Chefs folgen deshalb in der Wirtschaft mit schöner Regelmäßigkeit die gruseligen Antrittszahlen des anderen Chefs. Denn der neue Mann (oder äußerst selten: die neue Frau) ist nur an einem interessiert: Bereits im ersten Amtsjahr möglichst alle verborgenen Leichen des Vorgängers ans Tageslicht zu bringen, um anschließend auf niedrigerem Niveau neue Erfolge zu verkünden.

Aktionäre tappen in die Abschiedsfalle

Ein zweites Beispiel aus der vergangenen Woche für diese Abschiedsfalle: die Commerzbank. Der glücklose Vorstandschef Martin Blessing präsentiert zum Abschied erstmals seit fünf Jahren wieder einen Milliardengewinn und zahlt sogar wieder 20 Cent Dividende pro Aktie. Also alle Ziele erreicht? Wohl kaum. In Wahrheit konnte Blessing das Kreditinstitut nur auf äußerst niedrigem Niveau stabilisieren. Seit Jahren erkauft sich die Bank im operativen Geschäft teuer Marktanteile – langfristig keine nachhaltige Strategie. Und eigentlich kann sich die teilverstaatlichte Commerzbank auch keine Dividende leisten, so lange nach wie vor Milliarden an unverkäuflichen Papieren in der Bad Bank des Instituts lagern.

In den vergangenen Jahren sind deutsche Aktionäre immer wieder in die Abschiedsfalle getappt. Beispielsweise bei Linde: Im Mai 2014 gab der damalige Vorstandschef Wolfgang Reitzle sein Amt mit phantastischen Zahlen ab, das „Manager Magazin“ nahm ihn umgehend in die „Hall of Fame“ auf. Schließlich sei Reitzle ein „beseelter Perfektionist“, ja vielleicht der beste Manager Deutschlands überhaupt. Der Übergang zum Nachfolger Wolfgang Büchele aber funktionierte alles andere als perfekt. In den ersten 17 Monaten seiner Amtszeit musste der neue Mann gleich zwei Gewinnwarnungen abgeben. Also alles allein nur seine Schuld? Dass kann nur glauben, wer nichts von großen Konzernen und ihren sehr langfristigen Geschäftsentwicklungen versteht. In Wahrheit wurzeln viele Probleme, die Büchele nun einholen, bereits in den letzten Jahren der Ära Reitzle.


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