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01.07.2011
Chris Coon
Chris Coon
Foto: FTD.de

Überlebenskünstler

Der gläserne Penner

von Eike Radszuhn

Chris Coon schnorrt für seinen Lebensunterhalt - und für die Statistik: Der New Yorker will eine Million Menschen anhauen, die Ausbeute protokolliert er online.

Der 29-jährige Obdachlose Chris Coon zieht jeden Morgen durch New York und bittet Menschen auf der Straße um Geld. So weit business as usual. Aber Coon dokumentiert seine Tageseinnahmen im Internet, eine penibel geführte Statistik: Wie viele Leute hat er angeschnorrt? Wie viele haben etwas gegeben? Wie viele Dollar hat er hingelegt für Essen, Fahrkarten, Kleidung, Schulden? Und wie ist sein Tag so gelaufen? Auf seiner Website dokumentiert der Mann mit den strähnigen blonden Haaren ein ehrgeiziges Projekt: Coon will eine Million Menschen um eine Spende bitten und darüber Buch führen.

Ein "soziales Experiment" nennt er die Aktion, tatsächlich ist es vor allem eine clevere Geschäftsidee. Coon hat einen Weg gefunden, seine Obdachlosigkeit zu vermarkten. Seit Mitte Mai betreibt er seine Webseite Askamillion.com, zu finden sind allerlei Daten über die Menschen, die der zweifache Vater so anquatscht: Er notiert Geschlecht, Alter und ethnische Abstammung, fragt nach Einkommen und Wohnviertel. Im Internet kann man sich dann durch die Statistiken klicken und online gleich ein wenig Geld spenden oder für 25 Dollar ein T-Shirt kaufen: "Just a homeless guy conducting a social experiment - check it out" steht darauf, außerdem Internetadresse, Facebook- und Twitter-Name. Bislang läuft das Geschäft mit den Shirts allerdings noch schleppend.

"Ich bin eines Morgens aufgewacht und habe gedacht: Ich muss einen Weg finden, um Geld zu verdienen", sagt Coon. Nach eigenen Angaben lebt er seit dem zwölften Lebensjahr in Wohnheimen, im Gefängnis oder auf der Straße. "Ich habe versucht, einen Job zu finden, aber ohne Diplom, Adresse und Klamotten ist das schwierig." Stattdessen kaufte er ein Notizbuch und fing an, seine Bettlerstatistik zu führen; zunächst mit dem Ziel, die Daten zu verkaufen, vielleicht an ein Forschungsinstitut oder ein Unternehmen. Eine Frau hörte von dem Projekt, überließ ihm einen alten Laptop, mit dem er nun seinen Blog bestückt. Der Betrieb der Website kostet 41 Dollar im Monat, für die Verbindung nutzt er öffentliche W-Lan-Zugänge. Das klappt nicht immer, dann werden die Einträge spärlicher.

Es geht langsam voran

Auch eine mustergültige Social-Media-Kampagne hat Coon losgetreten. "Verbreitet mein Projekt weiter auf Facebook, Twitter, Craigslist oder jedem anderen sozialen Netzwerk", bittet er auf seiner Website. Bei Facebook hat er 182 Freunde, bei Twitter 64 Follower. Viel Luft nach oben - aber vor drei Tagen berichtete Amerikas populäre Internetzeitung Huffington Post über ihn. "Seitdem kann ich kaum zählen, wie viele Interviews ich gegeben habe", sagt Coon.

Was sein Projekt angeht, geht es allerdings recht langsam voran. In zwei Monaten hat er rund 3500 Leute angesprochen und statistisch erfasst. 1042 davon haben gespendet, 1205 Dollar kamen zusammen. "Ich werde die Million aber auf jeden Fall voll machen", sagt Coon und ist sich bewusst, dass er dafür seine Quote steigern muss. "Es geht mir nicht darum, viel Geld mit der Sache zu machen", beteuert er. "Wenn es gut läuft, werde ich anderen mit den Spenden helfen."

Das Erste, was er mit dem Geld bezahlen will, ist eine gemeinsame Wohnung für seine Töchter Sharmaijah und Khloe. Das schreibt Coon auch so auf seiner Website. "Damit spreche ich Emotionen an, aber das tut doch jeder Obdachlose", wird er in einem früheren Zeitungsartikel zitiert. Seine Handynummer hat er ins Internet gestellt, für Rückfragen. Er sagt: "Ich versuche einfach, das Ganze so professionell wie möglich zu machen."


Quelle: impulse.de
© 2011 Capital

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