Dafür, dass Ina Schlie schon ein strammes Morgenprogramm hinter sich hat, als sie ihr Büro aufschließt, wirkt sie heiter und gelassen. Um halb sechs ist sie aufgestanden, hat sich dezent geschminkt, einen braunen Hosenanzug angezogen und mit ihrem Mann den Frühstückstisch für fünf gedeckt, die bis halb acht alle aus dem Haus sein müssen. Er mit Benjamin in die Grundschule, sie mit den Zwillingen zur Kita und dann ab in Walldorfs SAP-City. "Ich freue mich, wenn ich morgens ins Büro gehe", sagt die Prokuristin. "Nun ja, bei drei Kindern ist das ja irgendwie auch verständlich."
Schlie ist bei SAP weit oben. Die 43-Jährige leitet die Steuerabteilung des Softwarekonzerns und berichtet direkt an den Finanzvorstand. Hätte ihr jemand im Studium prophezeit, dass sie Prokuristin eines DAX-Unternehmens werden würde, hätte sie laut gelacht. Dass sie viele Kinder haben wollte, war ihr dagegen immer schon klar. "Am liebsten eine Fußballmannschaft."

Frauen und Karriere – dieser Alltagsspagat markiert für Klischeedenker die Grenzen des Möglichen. Wer kein Mann ist, so die Logik, müsse härter als ein Corporate-Kerl auftreten. Und Frauen bezahlten einen guten Job im Privatleben: willkommen, Einsamkeit. Die Wirklichkeit der Businessfrauen sieht anders aus.
Da trifft man auf Managerinnen wie Schlie, die viel wollen und hinbekommen, im Job wie privat. Die Organisationstalent haben, aber eher pragmatisch als perfektionistisch sind. Die keine Hemmungen haben, Kinderbetreuung von außen zu holen. Neue Studien bestätigen, dass die Unvereinbarkeit von Familie und beruflichem Erfolg ein Stück weit Mythos ist. "Wenn Frauen wirklich Karriere machen und Kinder haben wollen, dann finden sie Wege und Lösungen", sagt Gabriele Stahl, Partnerin bei Odgers Berndtson. Die Personalberatung hat alle 49 weiblichen Vorstände oder Geschäftsführer in den 500 größten deutschen Unternehmen – ein Großteil von ihnen hat Kinder – zu Karrierehindernissen befragt. Von ihnen haben 32 teilgenommen. Über eine schlechte Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf klagt keine Einzige. Fast die Hälfte fühlte sich von Vorurteilen gebremst.
Für viele ist das Problem nicht, Mutter zu sein. Das Problem ist, von Chefs als Mutter wahrgenommen zu werden. Viel hängt von den Vorgesetzten ab, sagt Sigrid Seibold, Beraterin von Accenture in Singapur mit drei Kindern. Als sie Nachwuchs bekam, arbeitete sie in der IT-Branche. Wie sie das bloß alles schaffen würde, fragte ein Chef. "Ich hatte dort das Gefühl, dass man mir das einfach nicht zutraut, und habe mich deshalb für eine andere Unternehmenskultur entschieden", sagt die 41-Jährige.
Sonja Bischoff kann das bestätigen. Seit 25 Jahren fühlt die Wirtschaftsprofessorin in ihrer Langzeitstudie "Wer führt in (die) Zukunft?" dem mittleren Management den Puls. Besonders interessiert sie, was Karrieren von Frauen und Männern unterscheidet. Als sie jüngst bei einer Tagung im Hamburger Hafen-Klub die neueste Auflage der Studie vorstellte, zog sie ein Fazit: "Das große Karrierehindernis ist nicht die Familie. Die liegt als Faktor deutlich hinter den Vorurteilen." Das Publikum widersprach nicht.
Am schlimmsten sind die Vorurteile der Vorgesetzten
Sind also all die Firmenprogramme zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie überflüssig? Das nicht. Aber sie sind ein stumpfes Instrument, um die gläserne Decke zu durchbrechen – jene unsichtbare Schranke, die Frauen von Top-Positionen fernhält. Seibold hält die Angebote trotzdem für wichtig. "Viele im mittleren Management würden die ersten Karriereschritte sonst gar nicht erst machen." Das Reservoir, aus dem sich weibliche Talente schöpfen ließen, bliebe leer.
Niemand behauptet, dass eine Spitzenkarriere für Frauen mit Familie ein Kinderspiel ist. Das Beraterleben, weiß Seibold, schließt viele Reisen und Nachtarbeit mit ein. "Klar fragt man sich da manchmal: Wozu habe ich dann überhaupt eine Familie, ist es das wert?"
Die Geschlechterrollen, so viel steht fest, haben sich nicht geändert. Fast alle Topmanagerinnen aus der Odgers-Berndtson-Studie haben einen Karrieremann an ihrer Seite, keinen Hausmann. Seibold, vor Kurzem nach Fernost gezogen, genießt zumindest einen Vorteil: Für eine Rundumbetreuung der Kinder zahlt sie in Singapur um die 350 Euro monatlich – in Deutschland wären es schnell Tausende. Und wer will schon voll arbeiten, nur um die Nanny bezahlen zu können? Der Blick allein auf das gegenwärtige Einkommen sei aber falsch, sagt Petra Helfferich, Beraterin bei A.T. Kearney und Mutter von drei Kindern. "Wenn man das finanzielle Potenzial einer Karriere miteinbezieht, zahlt sich Ambition eben doch aus."










