20.08.2008
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Foto: shutterstock

Burn-out im Job

Verfluchter Stress

Was treibt motivierte, leistungsstarke Menschen in die seelische Erschöpfung, was macht sie krank? Alarmierend viele Deutsche stehen unter Dauerstress. Der Druck am Arbeitsplatz fordert seinen Tribut. Wie kann man gegensteuern? Zwei Führungskräfte erzählen von ihrer Erfahrung mit dem Burn-out.

Die Beherrschte

Zielvorgaben übertroffen, eigene Bedürfnisse unterdrückt: Manchmal schützt gezielte Selbstbeobachtung vor unbewusster Überarbeitung.

Julia Schulz, 37, arbeitete als Personalchefin internationaler Unternehmen. Zweimal war sie an Massenentlassungen beteiligt, vertrat ihre Arbeitgeber vor dem Arbeitsgericht. Erst im Nachhinein bemerkte Schulz, dass sie sich in ihrer konfliktreichen Position über Jahre überlastet hatte. Sie machte sich selbstständig, berät heute Firmen und coacht Führungskräfte auf dem Gebiet der Burn-out-Prävention ( www.mindscout.info). Ihre Arbeitszeit teilt sie selbst ein, feste Wellness-Tage inklusive.

 
Julia Schulz
Julia Schulz

Plötzlich merkte ich, dass etwas mit mir nicht stimmt. Nach einer Kündigungswelle war gerade wieder Ruhe in den Konzern eingekehrt. Es handelte sich um die zweite Massenentlassung, die ich binnen kurzer Zeit gleich in zwei Unternehmen miterlebt hatte. Ich wollte zur Tagesordnung übergehen, doch es ging nicht. In Zwiegesprächen begab ich mich auf eine Mentalreise. Es interessierte mich im Job immer weniger, was mein Gegenüber mir erzählte. Dabei war genau das immer meine Stärke als Personalerin gewesen: Interesse für jeden Mitarbeiter. Zudem häuften sich die Momente, in denen ich plötzlich nicht mehr wusste, was ich gerade tun wollte. Ich stand innerlich im Nebel. Alarmiert schaute ich auf die letzten Jahre zurück – und nahm jetzt auch erstmals meine häufigen Entzündungen an Blase, Kiefer und Hals ernst, woraufhin ich mich in professionelle Hände begab. Was war passiert? Zunächst hatte es da die goldenen Jahre mit Einstellungen wie am Fließband gegeben. Mit 20 Interviews am Tag, ständigen Geschäftsreisen, ewig langen Conference-Calls. Meine Zielvorgaben habe ich immer erreicht oder gar übertroffen. Ich war eine Meisterin des Multitasking: Telefonieren, planen, E-Mails beantworten – alles funktionierte gleichzeitig. Doch wie nah war man den Menschen noch? Heute weiß ich, die Belastung bestand nicht allein in der Arbeitsmenge; auch nicht nur in dem aus fehlendem Feedback resultierenden Gefühl, immer mehr bewirken zu müssen. Besonders die Massenentlassungen zehrten an mir – obwohl ich von ihrer wirtschaftlichen Notwendigkeit überzeugt war. Ich baute Manager auf, die vor Verzweiflung weinten. Und auch gekündigte Kollegen kamen mit ihrer Wut zu mir. Um mich selbst aber kümmerte ich mich zu wenig.

Julia Schulz ist ein typisches Beispiel für einen motivierten Menschen, der sich in seinem Beruf aufreibt, bis Körper und Geist rebellieren.

 Burn-out – die neue Volkskrankheit. Wie viele Deutsche davon betroffen sind, weiß zwar keiner genau. Doch die Indizien sprechen für einen alarmierenden Trend. So hat sich seit Anfang der 1990er-Jahre der Anteil der Krankschreibungen aufgrund psychischer Leiden, zu denen Burn-out gerechnet wird, etwa verdreifacht. Und eine Studie aus dem letzten Jahr über Mitarbeiter in IT-Projekten ergab, dass sich 40 Prozent seelisch und körperlich erschöpft fühlen. "Wir registrieren einen stark wachsenden Zulauf an ausgebrannten Führungskräften aus der Wirtschaft", sagt Manfred Nelting, Gründer des Gezeitenhauses in Bonn, einer jener idyllischen Privatkliniken für psychosomatische Medizin, die derzeit boomen. Was Burn-out ist? Ein eindeutiges Krankheitsbild gibt es nicht. Die Forschung kennt mehr als 100 Symptome, sie reichen – je nach Stadium – vom Gefühl der Unentbehrlichkeit über den Widerwillen gegen Kollegen bis zu Gedächtnisschwächen, anhaltender Erschöpfung und Magen-Darm-Geschwüren. Matthias Burisch, Burn-out-Forscher an der Uni Hamburg, sieht den Ausgangspunkt in einer Fallensituation. "Die betroffenen Menschen sind entweder blockiert bei der Verfolgung eines unerreichbaren Zieles, an dem sie festhalten wollen; oder sie verharren in einer subjektiv schwer erträglichen Situation, die sie nicht verändern können."

Julia Schulz befand sich in einem Rollenkonflikt, sie saß "zwischen den Stühlen".

Als Personalleiterin war sie erste Ansprechpartnerin sowohl für die Geschäftsleitung als auch für die Belegschaft. Ihr Anspruch an sich selbst war es, die Unternehmensziele zu erfüllen. Andererseits lag ihre Leidenschaft darin, Mitarbeiter auf ihrem Karriereweg zu coachen. Bei den Massenentlassungen prallten beide Antriebskräfte aufeinander. "Der Leistungsmotivation steht ein innerer Widerspruch, das Gefühl der Sinnlosigkeit, entgegen", erklärt Burisch.

Schulz funktionierte perfekt und verlangte von sich selbst, auch in emotional angespannten Situationen kühlen Kopf zu bewahren. Obwohl die Personalerin mit psychologischem Background über Know-how im Stressmanagement verfügte und Burn-out-Gefährdete in Coaching-Gesprächen begleitete, nahm sie ihre über Jahre währende Überbelastung nicht wahr. "Das hilft mir heute, zu verstehen, warum Betroffene die Symptomatik tatenlos so lange mit sich herumtragen." Wer nur noch wie eine Maschine funktioniere, verliere das Gefühl für sein Befinden. Um dem vorzubeugen, darf man erstens die Selbstpflege nicht vergessen. "Oft sind wir mit uns viel strenger als mit den Menschen um uns herum", erklärt Schulz. Ihr Tipp: "Projizieren Sie das Interesse und die Fürsorge, die Sie anderen gegenüber aufbringen, auch auf sich selbst. Betrachten Sie ihr Leben aus der Vogelperspektive und fragen Sie: Was würden Sie Ihrem besten Freund in solch einer Situation raten?"

Zweitens empfiehlt es sich, in Phasen hoher Belastung ein Stresstagebuch zu führen. "Schreiben Sie abends auf, wann und warum Sie heute lustlos, demoralisiert oder enttäuscht waren. Und überlegen Sie im Folgeschritt, welche Faktoren unabänderlich sind und welche sich abstellen lassen, indem Sie etwa Hilfe einfordern", so Expertin Schulz. Charakteristisch für Burn-out-Betroffene ist, dass sie Konflikte und andere belastende Situationen immer mit sich allein ausgemacht haben. Für die Verarbeitung von Stress ist aber der Austausch mit anderen enorm wichtig. Ideal sei es, wenn es dafür im Unternehmen Supervisionsstunden gäbe. "Solche professionell moderierten Gesprächskreise unter Kollegen können das Gefühl mindern, allein auf weiter Flur zu kämpfen." Damit der gute Vorsatz zur Selbstpflege nicht beim ersten Ansturm von Stress wieder über Bord geht, sollten Zeiten für Reflexion, Entspannung und Austausch wie Geschäftstermine in den Kalender eingetragen werden. Psychologe Burisch: "Bald werden Sie die Erfahrung machen, dass Ihnen solche Auszeiten nicht nur gut tun, sondern auch Ihre Effektivität steigern."


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