Erst brachten die Banken das Land an den Rand des Abgrunds. Und als Nächstes die Teenies mit ihrem Vermehrungstrieb? Zumindest die aufgebrachte Leserin auf der Internetseite der Massenzeitung "Daily Mail" ist sich da ziemlich sicher: "In neun Monaten werden wir, die Steuerzahler, wieder mal die Rechnung zahlen müssen."
Die 62-Millionen-Nation Großbritannien kann ab Frühjahr 2012 mit Zuwachs rechnen. Denn zwischen der Kanalküste und dem schottischen Hochland gehen die Kondome aus. Grund ist ein festgefahrener Rechtsstreit zwischen dem Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser und seinem indischen Zulieferer TTK, der jedes Jahr 1,3 Milliarden Präservative für die Reckitt-Marke Durex herstellt. Seit Anfang Mai liefern die Inder nun schon keine neuen Kondome mehr - was sich inzwischen auch im Einzelhandel bemerkbar macht.
Knapp die Hälfte des weltweiten Kondommarkts kontrolliert Reckitt Benckiser. Nahezu jede zweite Latexmembran in Großbritannien verkauft die dortige Konzerntochter SSL International. In ziemliche Verlegenheit bringen die Lieferprobleme den obersten Verhüter des Landes, den nationalen Gesundheitsdienst NHS. Über Streetworker, Hausarztpraxen und Beratungszentren verteilt der NHS routinemäßig Tausende von Kondomen gratis - nicht zuletzt, um Großbritanniens rekordreife Schwangerschaftsquote unter Jugendlichen zu senken. In manchen Gegenden werden über sechs Prozent der 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger.
"Wir bedauern, dass der Hersteller Reckitt Benckiser Produktionsprobleme bei Durex-Kondomen meldet", teilte die Behörde geschäftsmäßig mit. "Wir versuchen, eine Unterbrechung unserer diesbezüglichen Dienste so gering wie möglich zu halten." Was aber keine einfache Aufgabe sein dürfte: Die Markentreue gilt bei Durex-Kondomen als besonders ausgeprägt. Fraglich ist, wie viele Nutzer bereitwillig etwa auf Latex des zweitgrößten Herstellers Ansell (Condomi) aus Australien umsteigen.
Reckitt streitet mit seinem Joint-Venture-Partner TTK um den Preis, zu dem Durex-Kondome in Indien verkauft werden sollen. Was wie eine Lappalie klingt, wird erbittert ausgefochten. Die Inder wollen so lange keinen Nachschub liefern, wie der Streit nicht vor Gericht entschieden ist. Und das kann dauern: Wie die Financial Times berichtet, hat ein Londoner Gericht den Fall gerade erst an eine Schiedsstelle in Indien überwiesen. Die Sache könnte sich noch Monate hinziehen.
Quelle: ftd
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