Anstandsbesuche sehen anders aus. Als Gastgeschenk gibt es nur ein unscheinbares Blatt Papier mit amtlichem Vermerk. Akten, Papier, Computer, Organizer und Handys, die für den Hausherren eigentlich unentbehrlich sind, verschwinden in Kartons und werden abtransportiert.
Zurück bleiben ein leeres Büro und ein zutiefst verstörter Manager.
Szenen wie diese spielen sich in Deutschland fast täglich ab. Die Überraschungsgäste kommen von der Staatsanwaltschaft.
Ihr Kompetenzbereich: Wirtschaftsstraftaten.
Ihr Auftrag: Hausdurchsuchungen.
Allein 2005 registrierte das Bundeskriminalamt rund 90 000 aktenkundige Fälle von Wirtschaftskriminalität – zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Und die Quote dürfte weiter steigen.
Ob Vorstand, Geschäftsführer, Projektmanager, Vertriebschef oder Einkäufer: Die Gefahr, im ganz normalen Geschäftsalltag gegen eine Strafnorm zu verstoßen, war nie so groß wie heute. So ist die Grenze zwischen legitimer Kontaktpflege unter potenziellen Geschäftspartnern und versuchter Korruption nur noch schwer zu ziehen. Der verzweifelte Versuch, eine angeschlagene Firma zu retten, mündet allzu leicht in Konkursverschleppung.
Und wo strafbare Täuschung beginnt, etwa wenn eine Firma bestellte Waren nicht bezahlen kann, ist erst recht schwer nachzuvollziehen.
"Der Kampf um Marktanteile oder das Überleben eines Unternehmens ist härter geworden", weiß Wolfgang Semmroth, Rechtsanwalt in Köln, aus seiner langjährigen Erfahrung im Bereich des Wirtschaftsstrafrechts. "Wer im Wettbewerb bestehen will, muss alle juristisch zulässigen Mittel einsetzen." Gleichzeitig aber wird die Rechtslage immer verworrener. "Jeder Unternehmer in Deutschland muss derzeit 84 000 Vorschriften beachten – bei etlichen drohen massive Strafen. Und: Ist ein Unternehmer oder Manager erst einmal rechtskräftig verurteilt, muss er neben etwaigen Geld- oder Freiheitsstrafen im Zweifel auch noch den angerichteten Schaden ersetzen. "Wer sich bei jedem Schritt erst noch rechtlich rückversichern wollte, könnte den Betrieb sofort zusperren", so Semmroth. Seit dem Niedergang des Neuen Marktes gebe es zudem eine regelrechte Hysterie, jede Form von Wirtschaftskriminalität im Keim zu ersticken.









