19.10.2009
Einziger weiblicher Vorstand eines Dax-Unternehmens: Siemens-Managerin Barbara Kux.
Einziger weiblicher Vorstand eines Dax-Unternehmens: Siemens-Managerin Barbara Kux.
Foto: Siemens AG

Management

Dax sucht Frau

von Johanna Ritter

In den größten deutschen Unternehmen wird kaum eine Top-Position von einer Frau besetzt. Dabei hätte doch gar kein Aufsichtsrat oder Vorsitzender etwas gegen eine weibliche Kollegin – aber nur vordergründig, wie eine Studie belegt.

Als erste Frau hat Elinor Ostrom den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten. Die 76-Jährige hat noch Zeiten erlebt, in denen das für eine Frau völlig unmöglich war. Und auch heute ist es eine kleine Sensation. Doch auch fernab der ökonomischen Theorie, in der freien Wirtschaft, sind Frauen in Top-Positionen noch immer selten anzutreffen - vor allem in Deutschland.

Das belegt eine Analyse der Beratungsfirma Heidrick & Struggles, in der die größten Unternehmen von 13 europäischen Volkswirtschaften berücksichtigt wurden. Von 518 Aufsichtsratsmandaten bei Dax-Unternehmen sind nur 64 von Frauen besetzt - gerade einmal zwölf Prozent. Auf der Arbeitgeberseite in den Kontrollgremien sind sogar nur drei Prozent weiblich.

Das ist zwar etwas mehr als im europäischen Durchschnitt, wonach nur zehn Prozent der Aufsichtsratsposten von Frauen belegt werden. Doch Europa hat große Schritte gemacht: Die Zahl weiblicher Aufsichtsräte in Europa hat sich seit 2001 in etwa verdoppelt. In Deutschland dagegen stagniert der Anteil der Frauen in den Kontrollgremien. 2007 waren schon einmal 12,4 Prozent der Dax-Aufseher weiblich, berichtet Heidrick & Struggles. Mit Ländern wie Schweden oder Norwegen, die auf über 20 Prozent kommen, kann Deutschland nicht mithalten.

"Gerade in Aufsichtsräten wäre es wünschenswert, wenn sich die Anzahl von Mandatsträgerinnen erhöhen würde", sagt Berit Bretthauer, Beraterin von Heidrick & Struggles. Das hätte nicht nur Signalwirkung und wäre eine inhaltliche Bereicherung. Es würde auch die Wahrscheinlichkeit von weiblichen Vorstandsberufungen erhöhen. Derzeit ist die Siemens-Managerin Barbara Kux die einzige Frau, die eine Vorstandsposition in einem Dax-Unternehmen inne hat.

Dabei gibt es kaum einen Mann in einer Top-Position, der sich offen gegen mehr Frauen auf gleicher beruflicher Ebene ausspricht. "Doch wenn man genauer nachfragt, zeigen die männlichen Entscheider, was sie wirklich über mehr weibliche Kolleginnen in Führungsetagen denken", sagt Carsten Wippermann von der Firma Sinus Sociovision. Genau das hat Wippermann getan: Für eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat ein Team um den Soziologen Tiefeninterviews mit 40 Männern in Führungspositionen geführt. "Alle befragten Männer sprachen sich zunächst sehr positiv aus, aber dann fanden sie eine Vielzahl von Argumenten, was alles gegen mehr Frauen in Führungspositionen spricht, jeder auf seine Weise", sagt Wippermann.

Drei Typen hätten sich dabei heraus kristallisiert: Erstens der Konservative. Er hat noch nie viel von Frauen in Führungspositionen gehalten. Dann der Aufgeschlossene: Frauen müssten eigentlich viel stärker in Spitzenpositionen vertreten sein, aber das passt nicht zu ihrer Rolle. "Weich, kommunikativ, nachhaltig denkend - das sind Eigenschaften, die nicht mit der Härte, die man für einen Führungsposten braucht, zusammenzubringen sind.", sagt Wippermann. Der dritte Typ betrachte die ganze Diskussion als überflüssig. "Er ist der Überzeugung, die Genderbetrachtung ist Humbug, aber es gebe einfach zu wenig Frauen, die überhaupt Spitzenjobs anstrebten", sagt Wippermann.

Hätten Frauen die Finanzkrise verhindert?

"Auf der deutschen Führungsebene ist das traditionelle Versorgermodell so stark vertreten, wie nirgends sonst in der der Wirtschaft", sagt der Soziologe. Gegen den Frauenmangel helfen könne den deutschen Unternehmen der internationale Einfluss. "Es mutet einem deutschen Chef vielleicht einmal komisch an, wenn er in Verhandlungen mit ausländischen Unternehmen plötzlich so vielen Frauen gegenüber sitzt", sagt Wippermann. Von allein ändere sich aber in der deutschen Firmenlandschaft nichts. Deswegen wäre die Quote vielleicht ein wirksames Mittel gegen den Frauenmangel in Führungspositionen.

"Mindestens 25 Prozent Frauen in Aufsichtsräten sollten gesetzlich vorgeschrieben sein", sagt die Unternehmensberaterin und FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow. Eine Quote von 40 Prozent, wie sie im Wahlkampf von SPD, Linken und Grünen gefordert wurde, hält sie aber für derzeit unrealistisch. Die paritätische Besetzung der Aufsichtsräte sei zwar das Ziel, aber heute gebe es noch zu wenige Frauen, die in der Wirtschaft um die Top-Positionen buhlten.

Das, was als "weiche Faktoren" belächelt werde, fehle den deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb, sagt Schulz-Strelow. "Frauen können motivieren und haben eine höhere Teamfähigkeit als Männer. Sie nehmen die Menschen auch in schwierigen Situationen mit." Vielleicht, meint sie, hätte sogar die Finanzkrise einen anderen Verlauf genommen, wenn Frauen und Männer gleichermaßen in der Wirtschaft vertreten gewesen wären. "In gemischten Gremien gibt es eine viel bessere Diskussionskultur und bessere Unternehmensergebnisse."


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