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„Wird nur noch passiv gehandelt, wird es kritisch“

, Julia Groth

Analyst Oliver Paesler erklärt, warum ETFs eine Gefahr für Aktienanleger darstellen und warum sich Indexfonds im Sommer zum Teil stark von ihren Indizes entfernt haben. Von Julia Groth

Händler an der Frankfurter Börse vor einem Screen © Deutsche Börse AG
Wenn es an den Märkten abwärts geht, verstärken ETFs den Trend noch

Oliver Paesler ist Experte für quantitative Investmentstrategien beim Datenanbieter Logical Line

Oliver Paesler ist Experte für quantitative Investmentstrategien beim Datenanbieter Logical Line

 


Capital: Herr Paesler, börsengehandelte Indexfonds (ETFs) haben einen immer stärkeren Einfluss auf die Bewegungen an den Aktienmärkten. Können sie für die Märkte zur Gefahr werden?

Oliver Paesler: Das kommt darauf an, in welchem Umfang sie eingesetzt werden. Solange ETFs nur eines von vielen Anlageinstrumenten sind, besteht keine Gefahr. Wenn an den Aktienmärkten fast nur noch passiv gehandelt wird, wird es kritisch.

Warum?

Aktienkurse verlieren dann ihren Informationsgehalt. Normalerweise spiegeln sie wider, wie Anleger die Gewinnaussichten für Unternehmen einschätzen. ETFs kümmern sich aber nicht um Fundamentaldaten. Sie kaufen oder verkaufen Aktien nur deshalb, weil diese in einem Index enthalten sind. Je stärker der Einfluss von ETFs in einem Markt ist, desto ähnlicher entwickeln sich die Aktienkurse. Letztlich schrumpft so paradoxerweise genau das Diversifikationspotenzial, das Anleger sich von Indexfonds erhoffen.

Die Bank of England hat davor gewarnt, dass ETFs Trends an den Märkten verstärken können. Sehen Sie diese Gefahr ebenfalls?

Ja, ETFs begünstigen den Herdentrieb an den Märkten. Das tun aber auch andere Anlageinstrumente, zum Beispiel Derivate.

Liquiditätsengpässe wurden zum Problem

Im Sommer sind ETFs zeitweise deutlich stärker gefallen als ihre zugrundeliegenden Indizes. Wie ist das möglich?

Einzelne Aktien waren wegen der Turbulenzen zwischenzeitlich vom Handel ausgesetzt, ETFs konnten also nicht schnell genug reagieren. Normalerweise haben vor allem Schwellenländer-ETFs dieses Problem. Exotische Märkte sind meist nicht sonderlich liquide. Anleger müssen damit rechnen, dass sich Emerging-Markets-Indexfonds zeitweise anders entwickeln als ihre Indizes, weil sie Aktien nicht immer sofort kaufen oder verkaufen können.

Sogenannte Market-Maker sollen doch eigentlich für Liquidität sorgen. Funktioniert das nicht?

Market-Maker kaufen Aktien und liefern sie an ETFs. Wenn sie zeitweise gewisse Aktien nicht bekommen, wird es aber für Indexfonds schwierig. Das gilt auch für ETFs, die die Entwicklung eines Index über Swaps nachbilden, also gar nicht die Aktien des Index im Portfolio haben. Market-Maker müssen in diesem Fall sicherstellen, dass sie ihren ETF-Kunden die gewünschte Performance liefern, zum Beispiel über Futures. Auch da gibt es Probleme, wenn nicht genug Liquidität im Markt ist. In einem illiquiden Umfeld steigen die Spreads, also die Spannen zwischen Ankauf- und Verkaufspreis von Wertpapieren. Market-Maker verkaufen die Papiere dann nämlich zu höheren Preisen an ETFs weiter, um sich selbst abzusichern. Der jüngste Aktienmarkt-Crash fand in den Sommermonaten statt, in denen üblicherweise weniger gehandelt wird, der Markt also etwas illiquider ist als in anderen Monaten.

Werden Probleme wie Liquiditätsengpässe und starke Prozyklik an den Märkten zunehmen, wenn noch mehr Anleger in Indexfonds investieren?

Das ist anzunehmen, und man kann nichts dagegen tun. Irgendwann wird der Markt die Sache allerdings mit einem Crash bereinigen.

Sollten Privatanleger also besser nicht in ETFs investieren?

Man muss wegen der genannten Risiken nicht komplett auf Indexfonds verzichten. Sie können ein sinnvolles Investment sein, Privatanleger können mit ETFs viele Strategien gut und einfach umsetzen. Eine gesunde Mischung aus unterschiedlichen Anlageinstrumenten ist dabei immer eine gute Idee.


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