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Was Goldfans und Flüchtlingseiferer eint

, von Christian Kirchner

Besitzstandswahrung ist der gemeinsame Nenner von Goldanhängern und Flüchtlingseiferern – inklusive verbaler Ausreißer. Von Christian Kirchner

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Haben Sie am Donnerstag, dem 5. November nichts vor? Dann könnten Sie nach München fahren, zur Edelmetallmesse. Den Eröffnungsvortrag um kurz nach 10 Uhr hält Prof. Wilhelm Nölling. Er hat das Thema „Wie sicher ist unsere Zukunft in Deutschland – sind Euro und Flüchtlingskrise beherrschbar?“

Dass es im Eröffnungsvortrag der jährlichenZentralveranstaltung der Edelmetallanhänger auch um das Flüchtlingsthema geht, ist kein Zufall. Meiner Beobachtung nach ist die Schnittmenge groß zwischen überzeugten Edelmetallanhängern und jenen, die in der Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland kaum noch zu beruhigen sind. In meinen sozialen Medien, in den einschlägigen Goldforen und –internetseiten ist unter vielen Edelmetallfans der Teufel los.

Werfen Sie, wenn Sie gute Nerven haben, ruhig einmal einen Blick auf Beiträge, in denen angebliche als Flüchtlinge getarnte islamistische Terroristen „bis ins letzte Dorf“ verteilt werden, ehe sie „losschlagen“ sollen (hier mit dem schönen Dokumententitel „Wir werden siegen“), lesen Sie nach, dass „die Musels bestimmt nicht freiwillig gehen“ (hier) oder „der Türke (wo die Frauen auf der Ebene von Haustieren gehalten werden) Deutschland in der Hand hat“ (hier) oder in Deutschland „viele feiern und ihren zukünftigen Peinigern zujubeln“. Lesen Sie Wasserstandsmeldungen über Flüchtlinge in Gold-Marktberichten auf (hier), wobei ich hier Blogs, die die Grenzen der Scharlatanerie und unseres Grundgesetzes weit überschreiten noch außen vor lasse.

Der Wunsch nach Besitzstandswahrung

Keine Pauschalisierungen: Solche Stimmen sind nur ein Teil einer in Deutschland lebendigen, kritischen und am Austausch interessierten Gruppe an Anlegern, die eher an die Zukunft einer Edelmetallanlage denn an Aktien, Anleihen oder Immobilien glauben. Und auch längst nicht jeder Kritiker der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung überschreitet Grenzen. Doch das heißt beileibe nicht, dass ich einer Scheinkorrelation aufsäße. Denn es gibt einen großen gemeinsame Nenner zwischen Edelmetallfans und grenzüberschreitenden Gegnern der aktuellen Flüchtlingspolitik: Der Wunsch nach Besitzstandswahrung.

Gerade der aggressive Teil der Edelmetallanhänger, von denen ich in den vergangenen 15 Jahren einige beruflich kennen gelernt habe, weisen eine schäbige menschliche Eigenschaft auf: Der Lustgewinn an schlechten Nachrichten, Eskalation, Leid, Krisen oder Krieg, ja selbst Epidemien. Schließlich stärken solche Ereignisse die eigene Position. Ein charakterliches Problem haben sie damit nicht. Hier haben viele der ganz harten „Goldbugs“ einen blinden Fleck: Schließlich ist es die dumme Masse, die nicht verstanden hat, dass alles geldpolitisch, wirtschaftlich, sozial den Bach runter gehen wird, während man selbst, quasi als intellektuelle Avantgarde, die Dinge frühzeitig durchschaut und sich gerüstet hat.

Entsprechend hat sich auch über die Jahre ein sprachlicher Code entwickelt, in dem es fortlaufend um Systemzusammenbrüche, Staatszerfall, Fiat-Money, Goldpreismanipulation, den Crack-up-Boom, Lieferschwierigkeiten bei Münzen, den laufenden 3. Weltkrieg und den „Großen Neustart“ geht, um auszugsweise weitere Vortragsthemen der nahenden (und übrigens für Anleger zur Horizonterweiterung empfehlenswerten) Edelmetallmesse zu zitieren.

„Es ist alles noch viel schlimmer“

Es ist eine eigene Welt, die ihrerseits schon sprachlich manipulativer ist, als es all jene Banker, Journalisten und Politiker je sein könnten, denen man selbst unentwegt Manipulation vorwirft. Entsprechend hat sich natürlich auch ein ganzer Wirtschaftszweig entwickelt, der in Deutschland wächst und gedeiht, von Aktienpromotern, Rednern, Strategen über Edelmetallhändler bis hin zu Tresor- und Schließfachanbietern.

Dieser Zweig wird wachsen. Denn mit einer alternden Bevölkerung wächst auch die Gruppe der Menschen, denen Besitzstandswahrung und Notsparen immer wichtiger werden. Und die empfänglicher sind für Warnungen vor Krisen aller Art – und natürlich auch der Vorsorge. Denn je älter Menschen sind, desto unsicherer empfinden sie selbst klassische Sparanlagen, desto wichtiger wird Sicherheit (oder Scheinsicherheit?) einer Geldanlage, desto unwichtiger werden Zinsen oder Rendite, desto eher werden Edelmetalle zu einer Musterlösung, am besten noch verwahrt in einem Hochsicherheits-Betonbunker im Granit des Sankt-Gotthard-Massiv hinter kugel- und explosionssicheren Türen (das Angebot finden Sie hier).

Ein schöner Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zum Thema Abzocke mit Goldmünzenabos trug am vergangenen Sonntag den treffenden Titel: „Es ist alles noch viel schlimmer“, denn das ist die Kernbotschaft der Edelmetallszene für all jene, die so dumm sind, noch keine Vorbereitungen getroffen zu haben für das, was kommen wird.

Nun könnte man natürlich argumentieren: Warum darum kümmern? Schließlich ist dies ein freies Land, hier kann jeder sein Geld anlegen, wie er will. Und er darf auch seine Meinung zur Flüchtlingsdebatte kundtun. Radikalisierungstendenzen in der Flüchtlingsdebatte (die so breit und intensiv, wie es nur geht, geführt werden muss),  gibt es zudem auch fernab der Edelmetallszene, tagtäglich auf Facebook.

Sich zumindest für die unübersehbaren Tendenzen zu sensibilisieren und einen Plan zu fassen – und sei es tatsächlich der Kauf von ein paar Münzen und Barren Gold - ist schon mal ein Anfang, um nicht kopflos zu werden, auf zyklischen Höchstkursen zu kaufen oder gar Betrügern auf den Leim zu gehen, wenn sich Krisen tatsächlich einmal verschärfen.


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