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Vorsicht bei britischen Aktien

, Thomas Neumann

Die Brexit-Debatte wirkt sich auf britische Aktien aus. Vor allem "Binnenwerte" sind stark absturzgefährdet. Von Thomas Neumann

Brexit Leave-EU-Schild © Getty Images
Welche Folgen hat ein britischer EU-Austritt? Die Unsicherheit ist jetzt schon spürbar

Thomas Neumann ist Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Bestadvice Private Vermögen GmbH, München.Thomas Neumann ist Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Bestadvice Private Vermögen GmbH, München.

 


Unabhängig vom Ausgang des britischen Referendums am 23. Juni 2016 über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union hat schon heute die Unsicherheit über das Ergebnis der Abstimmung das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt. Laut der für die Analyse der Staatsfinanzen zuständigen Behörde Office for Budget Responsibility (OBR) ist es von 2,4 auf zwei Prozent zurückgegangen. Dies betrifft vor allem die kleineren und mittleren Unternehmen. Sie sind tendenziell stärker vom britischen Heimatmarkt abhängig als die großen Konzerne, die im Londoner Leitindex FTSE 100 enthalten sind. Deshalb sollten Anleger vor allem britische Nebenwerte besser meiden.

Doch auch die großen Börsenwerte, die stark von der Binnenkonjunktur abhängig sind, wie Marks & Spencer, leiden unter dem schwachen Pfund, da sie ihre Handelswaren vor allem im Ausland einkaufen. Schon jetzt hat das britische Pfund im Vergleich zum Euro sowie zum Dollar deutlich an Wert eingebüßt und notiert auf einem Sieben-Jahres-Tief. Sollte es zum Brexit kommen, rechnen Experten mit kräftigen Kapitalabflüssen aus London und einem weiteren Absinken des Pfundes von bis zu 20 Prozent. Eine Zahlungsbilanzkrise ist wahrscheinlich, da die britische Leistungsbilanz mit minus vier Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) ohnehin schon defizitär ist.

GBP/EUR (Britische Pfund / Euro) Währung

GBP/EUR (Britische Pfund / Euro) Währung Chart
Kursanbieter: FXCM

Ob Standard- oder Nebenwerte, in beiden Fällen gilt: Anleger sollten genau analysieren, wie hoch Umsatz und Gewinn sind, die von den Unternehmen in Großbritannien erwirtschaftet werden. Je höher die Abhängigkeit vom Königreich, desto größer die Risiken eines kräftigen Kursrutsches im Falle des EU-Austritts. Kursverluste bis zu 20 Prozent für britische Aktien könnten die Folge sein.

Das tangiert auch Investoren, die beispielsweise über ETFs im Stoxx Europe 50 investiert sind. Dieser Index setzt sich zu 34 Prozent aus großen britischen Unternehmen wie HSBC, Rio Tinto oder BP zusammen. Zudem hätte ein Brexit nicht nur für Großbritannien, sondern insgesamt für die EU und Deutschland erhebliche Folgen. Die Europäische Union ist ein wichtiger Markt für Großbritannien.

Dass ein Exodus der Finanzunternehmen aus der Londoner City – eines der weltweit bedeutendsten Finanzzentren – bei einem Brexit ein schwerer Schlag für die britische Wirtschaft wäre, steht heute schon fest. Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister tragen immerhin zwölf Prozent zur gesamten britischen Wirtschaftsleistung bei. Mit bisher 66 Mrd. Pfund im Jahr liefern sie mehr Steuern an den Staat ab als jede andere Branche auf der Insel. Ein Rückzug der Finanzindustrie aus der Londoner City hätte somit unabsehbare Auswirkungen auf die Finanzierung des Staatshaushalts. Einsparungen wären die Folge, eine Negativspirale könnte in Gang gesetzt werden.

Nach dem Brexit kommt die schottische Unabhängigkeit

Hinzu kommt, dass Aktien der Unternehmen mit großen Engagements in Schottland zunehmend riskanter werden. Denn nach einem Brexit würde Schottland sicher einen zweiten Versuch unternehmen, sich via Referendum vom Königreich abzuspalten, um doch noch in der EU bleiben zu können. Diese politische Unsicherheit würde die Kurse von schottischen Aktien wie Diageo, Royal Bank of Scotland, Lloyds oder Standard Life zusätzlich belasten.

Doch neben den Verlierern der Brexit-Diskussion gibt es auch einige wenige Profiteure der schwachen britischen Währung: Dazu zählen Unternehmen mit einem starkem Standbein in Kontinentaleuropa wie der Telekommunikationskonzern Vodafone oder der Tourismusriese Thomas Cook sowie Firmen mit hohen Umsätzen in den USA, darunter der Pharmahersteller Shire und der Bauzulieferer Wolsely. Die Aktien der Konzerne bleiben auf der Kaufliste vieler großer Investoren.

Fazit: Unabhängig von der Uhrzeit sollten Anleger mit Blick auf Großbritannien eine heiße Tasse Tee trinken und abwarten. Wahlweise beruhigt auch ein Glas schottischer Whiskey die Nerven.


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