• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Kommentar

Draghis Medizin ist kein Allheilmittel

, Frank Geilfuß

Quantitative Easing kann funktionieren - siehe USA. In Europa sind politische Reformen wichtiger. Von Frank Geilfuß

EZB-Zentrale in Frankfurt © ECB
Im neuen EZB-Gebäude (r.) fällt am Donnerstag eine wichtige Entscheidung

Frank Geilfuß ist Leiter Kapitalmärkte beim Bankhaus LöbbeckeFrank Geilfuß ist Leiter Kapitalmärkte beim Bankhaus Löbbecke. Er schreibt auf capital.de regelmäßig über Finanzmarktthemen


Der Countdown läuft, so gut wie alle Beobachter der Europäischen Zentralbank gehen davon aus, dass die Notenbank noch in dieser Woche mit ihren mehrfach angekündigten Anleiheaufkäufen beginnt. Quantitative Lockerung, auch monetäre Lockerung (englisch: Quantitative Easing oder QE), wird die Geldpolitik einer Notenbank genannt, die zum Einsatz kommt, wenn der Zinssatz der Zentralbank bereits in der Nähe von Null liegt und eine noch expansivere Geldpolitik erforderlich ist. In einem solchen Fall kauft die Zentralbank Anleihen, um Banken, Wirtschaft und Staat mit mehr Geld zu versorgen. Im Ergebnis nimmt die Bilanzsumme der Notenbank zu. Ziel dieser Maßnahmen ist es unter anderem, Liquidität und Eigenkapital von Geschäftsbanken zu erhöhen und diese zu einer konjunkturstimulierenden Kreditvergabe zu bewegen.

Wie immer bei solchen Eingriffen in die Marktgesetze ist erhöhte Vorsicht geboten: Die Nebenwirkungen können gravierender sein als das bekämpfte Problem. Spätfolgen der Stabilisierung einer Volkswirtschaft durch Methoden der monetären Lockerung können zum Beispiel die Gefährdung der Geldwert- oder Finanzmarktstabilität sein. Darüber hinaus muss mit der Entstehung von Spekulationsblasen an den Kapital- und Immobilienmärkten, aber auch mit erhöhter Inflation gerechnet werden. Da vor allem Letzteres in der gegenwärtig von Deflationsängsten geprägten Stimmungslage händeringend gewünscht wird, entsteht für die handelnde Notenbank oft ein Dilemma.

Erfolgreiches US-Beispiel

Befürworter schauen in diesem Streit gerne über den Atlantik. In den USA führte die schlagkräftige und breit angelegte monetäre Lockerung in den letzten Jahren tatsächlich zu einem veritablen Wachstum bei gleichzeitig geringer Inflation. Über Quantitative Easing I bis III (drei Schritte zwischen 25.11.2008 und 13.09.2012) wurden Wertpapiere wie Hypothekenpfandbriefe und Staatsanleihen für mehrere Billionen Dollar vom Markt genommen. Die Bilanzsumme der amerikanischen Notenbank hat sich in diesem Zeitraum von rund 700 Mrd. Dollar auf rund 4,5 Billionen Dollar ausgeweitet.

Die Vereinigten Staaten haben auch dank dieser ungewöhnlichen Schritte die Nachwehen der Krise von 2007 mittlerweile fast vollständig überwunden. Dies zeigt sich vor allem daran, dass sich die Kreditvergabe der Banken wieder normalisiert hat. So hat das Volumen der ausstehenden Konsumentenkredite 2014 um respektable sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Zum anderen hat sich der US-Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren kontinuierlich erholt. Die Arbeitslosenquote hat sich innerhalb von fünf Jahren fast halbiert und die Beschäftigung mit 140 Millionen Jobs ein neues Rekordniveau erreicht. Obwohl diese Zahlen die tatsächliche Verbesserung am Arbeitsmarkt überzeichnen, weil sich viele Jobsuchende in den USA nicht mehr arbeitslos melden, spricht dies für eine klare Verbesserung.

Gleichzeitig hielten sich die Lohnsteigerungen mit einer Rate von rund zwei Prozent unterhalb des Produktivitätswachstums. Durch eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit und deutlich mehr Überstunden ist die volkswirtschaftliche Lohn- und Gehaltssumme sogar um fünf Prozent gestiegen. Kombiniert mit der traditionell niedrigen Sparquote und den stark gesunkenen Energiepreisen sorgt diese Entwicklung für anhaltende Steigerungen beim privaten Konsum und hält damit den amerikanischen Wachstumsmotor auf Touren.

Darüber hinaus gehen von den Unternehmensinvestitionen Wachstumsimpulse aus. Aufgrund der höheren Auslastung werden die amerikanischen Unternehmen ihre Produktionskapazitäten nicht nur erneuern, sondern sogar erweitern. Darauf deuten zumindest die steigenden Aufträge für Investitionsgüter hin, die zuletzt um mehr als acht Prozent über dem Vorjahreswert lagen. Bei einer störungsfreien weiteren Entwicklung in diesem Sinne dürfte die US-Wirtschaft im laufenden Jahr um etwa drei Prozent wachsen.

Mission accomplished? Scheinbar ja! Inzwischen hat die US-Notenbank Fed ihre Wertpapieraufkaufprogramme beendet. An den Kapitalmärkten hat das wegen der eindeutigen Kommunikation entgegen der Befürchtungen nicht zu größeren Turbulenzen geführt. Am Markt wird nun allgemein erwartet, dass die Notenbank  ihre Bilanzsumme langfristig und in vorsichtigen Schritten zurückfahren wird. Über den Termin für eine erste Anhebung der Leitzinsen in den Vereinigten Staaten wird wegen der auch hier zunehmenden Angst vor Deflation seit Monaten sehr kontrovers diskutiert.

Die europäische Politik ist gefordert

In Europa wird noch kurz vor dem Start der Maßnahmen und dem zweifellos gelungenen US-Beispiel immer noch heftig darüber gestritten, ob mit ähnlichen Schritten die Konjunktur tatsächlich angeschoben werden kann. Die Aussicht auf eine Ausdehnung der Anleihenkaufprogramme durch die EZB hat die Renditen der Euro-Anleihen bereits tiefer in den Keller getrieben als noch vor einem Jahr vermutet. Der Renditeabstieg in nahezu allen europäischen Rentenmärkten führte im Gegenzug zu einem Risikoanstieg bei der Suche nach Alternativen oder zur Inkaufnahme von negativer Verzinsung, also der Bezahlung von Strafgebühren beim Erwerb von Anleihen.

Was muss passieren, damit Investitionen stattfinden die unter solchen historisch einmaligen Bedingungen bisher nicht getätigt wurden? Und sind diese Investitionen langfristig sinnvoll oder nur der Grundstein für Überkapazitäten in späteren Perioden. Der Notenbank eine Überschreitung ihres Mandates vorzuwerfen ist vor allem in Deutschland populär. Mit etwas gutem Willen darf man der EZB jedoch unterstellen, auch weiterhin alles zu versuchen, damit Zeit für Reformen und Strategieänderungen gewonnen wird. Nur müssen diese von der Politik ausgehen, die sich viel zu gerne auf die Notenbank verlässt. Es wird Zeit die Behandlung zu beginnen und nicht länger nur den Schmerz zu lindern.


Artikel zum Thema
Autor
  • Kommentar
Schwache EU-Gegner gegen kraftlose Befürworter

Die EU-Debatte in Großbritannien wird mit dürftigen Argumenten geführt. Von Frank GeilfußMEHR

  • Kommentar
Das Jahr der Notenbanken

2015 bewegten erneut die Notenbanken mit ihrer Politik die Kapitalmärkte. 2016 wird sich das nicht wiederholen. Von Frank GeilfußMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.