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Üble Schlamperei mit Zertifikaten

, Christian Kirchner

Futter für Kritiker: Bei der Kursfeststellung hunderter populärer Zertifikate wurde gepfuscht. Von Christian Kirchner

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Es ist ruhig geworden um den Markt für Zertifikate in Deutschland. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens geht es der Branche nicht gerade gut: Hatten Anleger vor einem Jahr um diese Zeit nach Angaben des Branchenverbands für Zertifikate noch rund 83 Mrd. Euro in Zertifikate investiert, sind es derzeit nur noch rund 69 Mrd. Euro. Dieses Minus von rund 17 Prozent ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass Anleger auslaufende Zertifikate nicht neu anlegen.

Mit dieser Ruhe haben – zweitens – viele Anbieter auch kein Problem. Die größten acht Zertifikateanbieter in Deutschland – darunter die DZ-Bank, Deutsche Bank, HVB und DekaBank – vereinigen nicht nur zusammen rund 80 Prozent des Geschäfts auf sich. Sie sind intern auch froh darüber, dass die Medien inzwischen nicht mehr so genau auf den stark vertriebsorientierten Markt schauen, in dem auch groteske Ideen wie Aktienanleihen auf hauseigene Fonds oder wirr strukturierte „Variozinsprodukte“ oder „Zinsfix Controls“ auf Aktienkörbe den Weg in die Depots finden.

Mit dieser Ruhe könnte es nun vorbei sein. Denn was die Royal Bank of Scotland auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat, muss man zumindest als üble Schlamperei klassifizieren. Denn laut der Seite ist es bei rund 300 RBS-Zertifikaten zu Fehlern in der Berechnung der Börsenkurse gekommen: Weil die Kosten für eine Währungssicherung „über einen längeren Zeitraum nicht aktualisiert“ wurden. Weil „nicht zutreffenden Gebühren- oder andere Produktkostensätze“ berechnet wurden. Weil es „nicht zutreffende Bezugsverhältnisse“ gab. Weil es „eine Anzahl von Fehlern bei der Kursfeststellung“ oder schlicht „interne Berechnungsfehler“ gegeben hat. Vereinfacht gesprochen: Es sieht in der IT-Abteilung der Bank offenbar aus wie bei Hempels unterm Sofa.

Das Ausmaß der Schlamperei ist noch unbekannt

Bei den betroffenen Zertifikaten handelt es sich nicht um Spezialitäten, sondern gängige, populäre Produkte wie etwa Indexzertifikate auf den S&P 500 oder den Hang Seng Index, auf Gold, Silber oder die Rohstoffindizes des bekannten Investors Jim Rogers, ferner Hebelprodukte oder Themenzertifikate – kurz: das, was man als das Brot- und Buttergeschäft der RBS beziehungsweise des Vorläufers ABN Amro bezeichnen kann.

Betroffene Anleger, die die Zertifikate halten beziehungsweise hielten, sollen sich nun bei der RBS registrieren, um mögliche Ansprüche geltend machen zu können. Dass allerdings das ganze Ausmaß der Schlampereien auch bei der RBS noch nicht ganz klar zu sein scheint, illustriert der Hinweis, dass die Liste der betroffenen Wertpapiere „von Zeit zu Zeit ergänzt“ und „eine Postanschrift für schriftliche Anfragen und eine Telefon-Servicenummer“ erst Anfang 2016 eingerichtet werden könnten.

Die Probleme wiegen deshalb schwer, weil sie einen zentralen Vorwurf der Zertifikate-Kritiker bestätigen: Intransparenz in der Kursfeststellung und versteckte Kosten. Weil gleich eine Reihe von Faktoren den Kurs eines Zertifikats beeinflusst – etwa Managementgebühren, Kosten der Währungsabsicherungen, Veränderung des Basiswerts, Handelsspannen – müssen Anleger den Anbietern in der Praxis ein hohes Maß an Vertrauen entgegenbringen, dass dieser auch tatsächlich faire Kurse stellt und sich nicht am Anleger bereichert. Schließlich ist selbst fortgeschrittenen Anlegern die Überprüfung kaum möglich.

ABN Amro gehörte zu den größten Anbietern

Dass wiederum die Kursfeststellung auch mal zugunsten von Anlegern ausfällt, ist unwahrscheinlich, denn schon vor Jahren haben sich Arbitrageure etabliert, die rechnerisch „zu günstige“ Kurse automatisch ausnutzen. Über die Höhe versteckter Kosten haben sich Kritiker auf der einen und die Zertifikatelobby auf der anderen jahrelang eine Schlacht mit Studien geliefert, die je nach Auftraggeber wahlweise sehr hohe oder sehr niedrige versteckte Kosten ermittelt haben.

Über die betroffenen Volumina macht die RBS zwar noch keine Angaben. Bei dem betroffenen Anbieter handelt es sich nicht um einen Hinterbänkler. Mit Beginn des Booms des Zertifikatemarkts Anfang der Nuller Jahre in Deutschland gehörte die Vorläuferbank ABN Amro über ein Jahrzehnt hinweg stets zu den zehn größten und auch innovativsten Anbietern in Deutschland. ABN Amro war „Erfinder“ von Rohstoff- und Hebelzertifikaten, die Niederländer galten als Talentschmiede in der Bankbranche. 2007 erfolgte dann die Übernahme von ABN Amro durch die Royal Bank of Scotland. Die Marktanteile sanken zwar, doch noch im Sommer 2013, als die RBS den Rückzug aus dem aktiven Zertifikatevertrieb verkündete, verwaltete die Bank rund 4 Mrd. Euro und war damit der größte Anbieter ohne eigenes Vertriebsnetz. Anschließend übernahm die französische BNP Paribas einen Teil des Geschäfts, während die RBS einen Teil der Zertifikate kündigte oder – wie bei den nun betroffenen Papieren – weiter Kurse stellte. 

Das illustriert auch ein weiteres Problem für Anleger: Die Schnelllebigkeit des Geschäfts: Im schrumpfenden Zertifikatemarkt läuft schon seit Jahren ein Konzentrationsprozess. Zieht sich ein Anbieter zurück, übernimmt ein Rivale allenfalls die Sahnestücke aus dem Portfolio, kündigt die restlichen Papiere oder stellt nur noch halbherzig Kurse. Das Mindestmaß an Vorsicht für Privatanleger lautet daher, sich an die größten Anbieter zu halten, um wenigstens die Gefahr der Kündigung zu minimieren.


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