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Traum vom neuen Superzyklus

, Nadine Oberhuber

Die Rohstoffkurse sind seit Jahresbeginn deutlich gestiegen. Manche Analysten sehen die große Trendwende und sagen: der neue Superzyklus beginnt. Aber Vorsicht: Es könnte sich einiges zusammenbrauen in diesem Sektor.

Kupfermine in Chile © Glencore
Kupfermine in Chile: Der Preis für den Rohstoff ist zuletzt stark gestiegen

Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Schnelle, starke Kursanstiege sind von je her der Stoff, aus dem die Träume sind. Und man konnte als Anleger zuletzt regelrecht ins Träumen geraten beim Blick auf die Rohstoffkurse, die seit Jahresbeginn wieder bergauf streben. Endlich. Zuvor hatten sie jahrelang nur die entgegengesetzte Richtung gekannt. Allein im vergangenen Jahr sind die weltweiten Rohstoffpreise um 20 Prozent nach unten gesackt, auf Fünfjahressicht verloren sie sogar 50 Prozent. All die Stoffe, die Grundzutaten für die Weltproduktion sind, haben sich um die Hälfte verbilligt. Während die Aktienkurse steil nach oben strebten und einen Rekord nach dem anderen knackten, traten die Rohstoffe den Sinkflug an. Bis Januar, da drehte sich das Verhältnis plötzlich um.

Seitdem bröseln zwar die Aktienkurse, aber der Ölpreis stieg um 42 Prozent, Gold um 16, Erz und Zink um 20, Kupfer immerhin um 15 Prozent. Und bei den Aluminium- und Palladiumpreisen ging es ebenfalls aufwärts. Egal ob Industrie- oder Edelmetalle, alle legten zu. Ebenso Agrarrohstoffe wie Zucker. Für manche Analysten war das ein klares Zeichen: Die Trendwende sei geschafft und die Talsohle der niedrigen Rohstoffkurse erreicht. Von nun an gehe es bergauf.

Einige hatten darauf schon lange gewartet – wenn nicht sogar darauf spekuliert. Und die Argumente für den ersehnten Aufschwung haben sie längst bei der Hand: Inzwischen seien die Preise so sehr ins Bodenlose gefallen, dass eine Gegenbewegung nur die logische Konsequenz sei. Schließlich notierten bei neun der 13 wichtigsten Rohstoffe die Weltmarktpreise unterhalb der Herstellungskosten und das sei ja kein langfristiger Zustand, wenn man aufs Gleichgewicht der Preise vertraut. Angesichts der Minipreise haben inzwischen einige Förderer bereits die Arbeit eingestellt, was nun das Angebot an Grundstoffen zunehmend verknappt. Allein das müsste die Kurse mittelfristig wieder steigen lassen. Hinzu kommt, dass im laufenden Jahr wohl das weltweite Wirtschaftswachstum wieder stärker anspringen werde, das befeuere die Nachfrage nach Rohstoffen und Energie für die Produktion. All das verbessere die Fundamentaldaten des Sektors so, dass Optimisten sagen: Wir stehen am Beginn eines neuen Superzyklus.

Widerstehen Rohstoffe dem Crash am Aktienmarkt?

Das wäre schön und man wäre geneigt, es zu glauben. Vor allem angesichts der sinkenden Aktienkurse, die nun das erste Mal seit Jahren deutlich nach unten drehen. In solchen Zeiten sucht schließlich jeder nach der nächsten Erfolgsstory am Anlagemarkt. Und heißt es nicht immer, Rohstoffe seien die optimale Diversifikation fürs Depot, weil Aktien und Rohstoffe sich selten im Gleichlauf zueinander bewegen? Folglich müssten die Rohstoffkurse doch tatsächlich nach oben drehen, wenn die Aktien den Weg nach unten einschlagen, oder?

Ganz so einfach ist es nicht. Eine Feststellung stimmt immerhin: Es gibt nur sehr schwache Zusammenhänge zwischen dem Verlauf von Aktien und von Rohstoffkursen. Jedenfalls wenn man dabei bestimmte Rohstoffbereiche im Blick hat, also etwa den Verlauf des Goldpreises mit dem der Aktienindizes Dax und Eurostoxx vergleicht. Und wenn man zudem Zeiträume ohne größere Krisen betrachtet. In Krisenzeiten dagegen, so zeigte nicht zuletzt der Marktabsturz in der Finanzkrise 2008 bewegen sich die verschiedenen Anlageklassen zunehmend gleich, vor allem in die gleiche Richtung, nach unten. Vergleicht man dagegen breitere Rohstoffindizes – etwa den Index S&P GSCI oder auch den Index der Agrarrohstoffe – mit den großen Aktienindizes, wird das Bild uneinheitlicher. Sie bewegen sich nämlich sehr viel gleichförmiger, als oft gedacht, zumindest was die kleineren Ausschläge im Börsen-Tagesgeschäft betrifft.

Weitet man den Blick und schaut sich die Rohstoffpreise langfristiger an, schürt das nun auch nicht gerade große Hoffnungen: Seit ihrem großen Allzeithoch in den 70er-Jahren geht es im Grunde inflationsbereinigt mit den Kursen bergab – massiv und langfristig. Den vorläufigen Tiefststand hatten die Grundstoffe um das Jahr 2000 erreicht, berappelten sich danach einige Jahre wieder, krachten aber mit der Finanzkrise 2008 erneut ins Minus und sinken nach einer kurzen Beruhigungsphase seit 2011 wieder. Immer wieder haben hoffnungsvolle Analysten gesagt, es spreche langfristig viel für steigende Rohstoffpreise. Sie sagten es 2003, 2011 und zuletzt 2014 und 2015. Das Problem ist nur: Bisher zeigen sich die Preise davon unbeeindruckt.

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Das liegt vor allem daran, dass nicht nur das Angebot an Rohstoffen auf dem Markt schrumpft, sondern auch die Nachfrage. China wuchs und gedieh zuletzt nicht mehr so prächtig und wird auch in absehbarer Zeit nicht diejenigen Mengen an Kohle, Öl, Metall und Stahl verschlingen, die sich Rohstoff-Spekulanten erhofft hatten. Die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten schwächelt ebenfalls. Und von Europa gehen auch keine größeren Wachstumsimpulse aus. Dazu kommt: Gigantische Mengen Grundstoffe liegen zurzeit in den Lagern der Produzenten, noch unverkauft. All das hebt die Preise nicht gerade. Die Investmentgesellschaft Goldman Sachs kommt daher zum Schluss: Der strukturelle Bärenmarkt sei voll intakt. Demnach ginge es nach dem kurzen Höhenflug seit Januar eher wieder bergab als bergauf.

Rohstoffproduzenten sind hoch verschuldet

Dazu kommt eine andere Entwicklung der jüngsten Zeit, die Marktbeobachter zunehmend alarmiert: Befeuert vom billigen Geld der Zentralbanken haben viele Rohstoffproduzenten (vor allem Ölförderer) ihre Produktionsanlagen auf Pump ausgebaut. Sie haben sich billige Kredite beschafft und damit gewaltige Überkapazitäten geschaffen. Sie fördern Kohle, Öl und Metall, was das Zeug hält – doch der Markt zahlt ihnen kaum etwas für diese gigantischen Mengen. Inzwischen, so hat der Datendienst Bloomberg errechnet, sind die Schulden der 5000 größten börsennotierten Energie-, Rohstoff- und Metallproduzenten der Welt achtmal so hoch wie ihre Profite. Sie belaufen sich auf rund 3,6 Billionen Dollar. Die Frage könnte daher für die meisten eher lauten: Wie lange halten sie die billigen Marktpreise noch aus?

Zumal sich die Förderung aufgrund steigender Löhne und Energiepreise demnächst eher verteuern wird. Erste Opfer haben die Niedrigpreise schon gefordert: Seit Jahresbeginn sollen 60 Unternehmen aus dem Energiesektor Konkurs angemeldet haben. Wie viele es noch werden, ist nicht absehbar. Ein massenhafter Ausfall von Unternehmen und Krediten in Milliardenhöhe dürfte dem Sektor aber ebenfalls nicht gerade zum Aufschwung verhelfen.

Man sollte daher vorsichtig sein, bereits jetzt auf den Beginn eines neuen Superzyklus zu setzen. Manche Analysten halten es für wahrscheinlicher, dass die Gold und Kupferpreise bis zum Jahresende noch einmal um 20 oder 25 Prozent fallen. Am Rohstoffmarkt gelten eben doch andere Gesetze. Und eines davon lautet offenbar: Die Kurse fallen dort in aller Regel sehr viel länger als sie steigen. Das zumindest haben langfristige Auswertungen der vergangenen Rohstoffzyklen ergeben. Einen – großzügig gerechnet – elfjährigen Anstieg hat die Welt gerade erst erlebt. Wie lange nun der Abschwung dauern wird, der vor vier Jahren begann und erst im vergangenen Jahr so richtig an Fahrt aufnahm, das ist die große Frage. Vielleicht muss man wirklich ein Träumer sein, um schon in diesem Jahr daran zu glauben.


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